© REUTERS/Reuters/RUSSELL CHEYNE

Wirtschaft
01/27/2021

Einheit schwindet: Steht das Vereinigte Königreich vor dem Ende?

Schotten, Nordiren und Waliser zieht es zurück in die EU. Zusätzliche Probleme für Premier Johnson durch Pandemie.

von Georg Szalai

Großbritannien hat einen weiteren traurigen Höchstwert in der Corona-Krise erreicht: Mehr als 100.000 Menschen sind seit Beginn der Pandemie in Zusammenhang mit dem Virus gestorben, teilte die Statistikbehörde am Dienstag mit.

Auch das Vereinigte Königreich selbst sehen Experten dieser Tage als Patienten am Sterbebett – oder zumindest auf der Intensivstation. „Die Union in der Krise“, titelte etwa am Wochenende die Sunday Times. Wer gehofft hatte, die Corona-Krise und Brexit würden das Land vereinen, wurde enttäuscht, sagt Michael Keating, Politologe an der Universität Aberdeen, dem KURIER: „Sie haben den gegenteiligen Effekt und spalten das Land. Die zentrifugalen Tendenzen verstärken sich.“

Mehrheit für Abspaltung

Denn mit Corona geht jeder Landesteil etwas anders um, und die Regierung von Boris Johnson in London reagiert oft langsam und unentschlossen. „Leute vertrauen ihrer Lokalregierung traditionell ohnehin mehr“, erklärt Keating. Und als Premier Johnson das Brexit-Handelsabkommen als Errungenschaft eines „riesigen Teams aus allen Teilen des Vereinigten Königreichs“ feierte und versprach, es werde „helfen, uns zu vereinen“, stieß er vielerorts auf taube Ohren. Dass er danach leere Supermarktregale in Belfast sowie neue Bürokratie und Probleme für schottische Fischer Brexit-„Kinderkrankheiten“ nannte, sahen viele als Verharmlosung. Denn Schottland und Nordirland hatten gegen den Brexit gestimmt.

Die Schottische Nationalpartei (SNP) von Regierungschefin Nicola Sturgeon kündigte nun ihre Pläne für ein „legales Referendum“ nach Ende der Pandemie an, wenn Pro-Unabhängigkeitsparteien bei der für Mai geplanten Regionalwahl eine Mehrheit einfahren. Umfragen sagen ihr einen Erdrutschsieg vorher und zeigen eine konstante Mehrheit für die Abspaltung.

Johnson lehnt ein Referendum strikt ab – mit dem Argument, dass es pro Generation nur eines geben soll. „Je öfter er das sagt, desto mehr Schotten sind für die Unabhängigkeit, weil sie das ärgert“, sagt Stuart. Er und seine Gattin durften am Referendum 2014, bei dem 55 Prozent gegen die Abspaltung stimmten, nicht teilnehmen, weil sie in London leben. Sollte es zu einem weiteren Referendum kommen und es erfolgreich sein, hofft Stuart auf einen EU-Wiedereintritt., „Ich würde um die doppelte Staatsangehörigkeit für unsere Kinder ansuchen“, sagt er.

Johnson findet bisher kein Gegenrezept zu Schottlands Drang zum Bruch mit London. Als der in Schottland weithin verhasste Premier kürzlich die Abtretung von Macht an Regional-Regierung und -Parlament in Edinburgh den „größten Fehler“ Tony Blairs und ein „Desaster“ nannte, war das nur ein weiteres Fettnäpfchen.

Nordiren driften weg

Einer Umfrage der Times zufolge wollen in Nordirland bereits 51 Prozent in den nächsten fünf Jahren eine Abstimmung über eine Vereinigung mit Irland. „Johnsons Verhalten gegenüber Nordirland beim Brexit hat dort zu erheblichem Unbehagen geführt,“ erklärt Tom Devine, emeritierter Professor der Universität Edinburgh. Vor allem Jüngere liebäugeln deshalb mit einem Austritt aus der Union.

In Wales hält sich Gerede von Abspaltung bisher in Grenzen. Das walisische Parlament lehnte vergangenes Jahr einen Vorschlag der nationalen Partei Plaid Cymru für ein Referendum klar ab. Aber laut Times wollen 23 Prozent der Waliser gerne ein Referendum, Tendenz steigend. „Wenn Schottland geht, wird Wales substanziellere Dezentralisierung fordern, nicht Unabhängigkeit“, meint Devine.

Auch der britische Ex-Premier Gordon Brown rief Johnson kürzlich dazu auf, weitere Macht an die Landesteile abzutreten, um zu vermeiden, dass Großbritannien zum „failed state“ (gescheiterten Staat) wird. Die Times sprach von Anzeichen des „Zerfallens“ einer zusammenschweißenden britischen Identität. Manche Experten sehen diese aber eher als Mythos. „Letztendlich ist die nationale Identität der meisten Menschen englisch, schottisch, walisisch, irisch“, sagt Robert Johns, Politologe an der Universität Essex. „Die Union rangiert in der Priorität der Leute niedrig.“

Michael Keating meint: „Britisch-Sein ist eine sekundäre Identität.“ Die Nachricht, dass der Tower von London kürzlich einen seiner dort wohnenden Raben verloren habe, wurde aber im ganzen Land diskutiert. Jetzt sind es nämlich nur noch sieben. Laut der Legende sind mindestens sechs nötig, sonst „fällt die Krone, und Großbritannien mit ihr“.

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