Georg Kapsch ist scheidender Präsident der Industriellenvereinigung.

© Kurier/Jeff Mangione

Wirtschaft
06/13/2020

Georg Kapsch: "Diese Sommerschule ist zu wenig"

Der scheidende IV-Präsident über sein Lieblingsthema Bildung, über Europa, Erbschaftssteuer und das Leben nach Corona.

von Ute Brühl

Acht Jahre stand Georg Kapsch an der Spitze der Industriellenvereinigung. Die hat nun eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, in der sich Experten Gedanken machen, wie man die Gesellschaft krisenfest macht.

KURIER: Die Industriellenvereinigung hat eine Arbeitsgruppe „Post Corona“ ins Leben gerufen, in der Wissenschafter und Experten aus verschiedenen Disziplinen sich Gedanken machen, wie man diese Krise und die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft bewältigen kann. Auch die Bildung ist dabei ein Thema.  Was muss jetzt  in der Schule passieren?

Georg Kapsch:  In der Krise driften bildungsnahe und bildungsferne Schichten noch weiter auseinander. Wenn wir hier nicht gegensteuern, haben wir einen  verloren gegangenen Jahrgang. Wir müssen uns etwas über den Sommer einfallen lassen, damit die Kinder aus bildungsfernen Schichten aufholen können. Tun wir das nicht, verlieren wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt völlig. Das ist nicht nur eine Frage der Digitalisierung – auch wenn es nett ist, wenn jeder ein Tablet hat.

Die zweiwöchige Sommerschule ist also zu wenig?
Ja, die müsste die ganzen Ferien durchgehen, und auch mehr Kinderbetreuung ist notwendig.

Sie waren acht Jahre Präsident der Industriellenvereinigung. Bildung war in dieser Zeit immer Ihr großes Anliegen. Warum?
Nicht nur Bildung, auch die  Gesellschaftspolitik ist mir wichtig. Manche meinen, das seien Orchideenthemen, das sind sie aber nicht, sie sind vielmehr die Grundlage  allen Handelns und Wirtschaftens einer Volkswirtschaft und eines Kontinents. Daher habe ich  - wie meine Vorgänger – einen meiner Schwerpunkte auf Bildung gesetzt. Diesmal ist uns gelungen, etwas in das Regierungsprogramm einzubringen.

Was haben Sie auf Schiene gebracht?
Zum Beispiel die Initiative Neustart Schule. Wir haben den Dialog zum Thema Bildung angefeuert und  Nichtregierungsorganisationen eingebunden. Wir haben die Zivilgesellschaft mit hineingenommen.

Und was haben Sie inhaltlich erreicht?
Zukünftig wird es eine  Bildungspflicht statt einer Schulpflicht geben. Das heißt, es wird nicht reichen, die Schule nur neun Jahre abzusitzen – am Ende soll jeder einen Bildungsnachweis, eine mittlere Reife, haben, mit der man etwas anfangen kann.  So steht es jedenfalls im Regierungsprogramm. Und wir haben es geschafft, dass die Elementarpädagogik als Teil des  Bildungswesens gesehen wird. Denn was im Kindergartenalter nicht vermittelt wird, schafft uns später Probleme. Deshalb war es uns ein Anliegen, dass die Kindergärten und auch die Nachmittagsbetreuung in den Schulen nicht nur eine Betreuung sind, sondern auch ein Raum des Erlebens, der Neugierde, des Lernens. Da sind wir sicher weiter.

Der wichtigste Erfolgsfaktor in einem Schulsystem sind die Lehrkräfte. Wie schaffe ich es, diejenigen für den Beruf zu gewinnen, die am geeignetsten dafür sind?
Der PädagogInnenberuf muss aufgewertet, sein Sozialprestige verbessert werden, das gleiche gilt für die Bezahlung. Ich sehe keinen Grund, warum eine AHS-Professorin soviel mehr verdient als eine Kindergärtnerin oder eine Volksschullehrerin. Die legen ja die Grundlagen, weshalb ihre Arbeit weitaus verantwortungsvoller ist. Es gehört viel Empathie dazu, einen jungen Menschen zu prägen.

Wie gewinne ich nun die Besten für den Beruf?
Durch Ausbildung und Durchlässigkeit – man muss  Lehrern die  Möglichkeit des Ausstiegs und Wiedereinstiegs geben. Zudem brauchen wir Quereinsteiger, damit es wie in allen anderen Berufen zur Durchmischung kommen kann. Der Lehrerberuf ist gesellschaftlich einer der Kernberufe – die Verantwortung ist so groß wie in kaum einem anderen Bereich, was auch viele Lehrer so sehen. Deshalb bin ich gegen dieses Lehrerbashing.

Thema Mittlere Reife: Was soll jemand mit diesem Abschluss können?
Er oder sie soll Grundfertigkeiten in Mathematik haben, sinnerfassend lesen können und Sprachkompetenzen  haben - dazu wäre fein ein Basiswissen in den Naturwissenschaften und eine gewisse wirtschaftliche Bildung. Das brauchen wir alles. Wir können nämlich die besten Unis haben, wenn wir in den ersten 9 Jahren versagen, helfen die uns wenig – auch wenn wir Top-Universitäten genauso brauchen. Wir benötigen mehr Breite und mehr Spitze in der Bildung.

 

 

Das Postcorona-Papier
Die Industriellenvereinigung  hat eine interdisziplinäre Gruppe  von Experten  zu Workshops eingeladen. Thema:  „Wie kommen wir aus der Krise… und was macht eine Gesellschaft krisenfest?“ Die  Ergebnisse entsprechen nicht zwingend den Positionen der IV, sie sollen aber zum Denken anregen.

Kampfabstimmung
Die Wahl eines neuen Präsidenten für die Industriellenvereinigung (IV) rückt näher. Am  18. Juni tritt Ex-Voest-Chef Wolfgang Eder gegen die Landes-IV-Chefs Georg Knill (IV Steiermark) und Martin Ohneberg (IV Vorarlberg) an.


In dem „Post-Corona“ Papier haben Sie sich auch mit dem Thema Gesundheit beschäftigt. Ein Problem zu Beginn waren die fehlende Schutzausrüstung.
Dass wir  für das Spitalpersonal zu wenig hatten, ist eine Schande, zumal die Europäische Kommission im Jänner schon prophezeit hat, dass es ein Problem geben wird und Hilfe angeboten hat. Doch anstatt europäisch zu  agieren, haben wir national gehandelt. So kommen wir nicht weiter in Europa. 

Wie können wir die Gesellschaft in Bezug auf den Coronavirus widerstandsfähiger machen?
Wir müssen uns an die Koexistenz mit dem Virus gewöhnen. Zudem ist es wichtig das Gesundheitswesen sowohl räumlich als auch inhaltlich weiterzudenken. So kann man z. B. Schwerpunktspitäler ausbauen und andere  Spitäler schließen. In Klagenfurt gibt es z. B. ein Landes und Unfallkrankenhaus - wir brauchen  ein effizientes und qualitativ hochwertiges Gesundheitssystem.

Diese Krise wird für alle europäischen Saaten  teuer. Wer soll dafür  zahlen?
Jedenfalls nicht die Ärmsten der Armen. Es bedeutet aber auch nicht, einen finanziellen Klassenkampf vom Zaun brechen. Am besten ist es, dass wir  möglichst schnell wieder Wertschöpfung schaffen.

Dennoch haben viele das Gefühl, dass es sich die „Eliten“ richten, indem sie ihr Geld zum Beispiel in  Steueroasen anlegen, selbst innerhalb der EU.
Ich habe das weder als Person  noch als Unternehmen genutzt. Aber ich glaube, dass man dem einen Riegel vorschieben kann.  Wir sind ja auch die Leidtragenden von Unternehmen, die Gewinne hin und her schicken. Man darf aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und immer nur auf Unternehmer zeigen  – wir zahlen genug  Steuern.

Viele plädieren für die Einführung von Erbschafts- und Vermögenssteuern.
Zu glauben, dass wir die Milliarden so wieder reinholen, ist ein Fake - da gibt es andere Instrumente.

Die da wären?
Auf EU-Ebene könnte man ein border-tax-adjustment einführen, also einen am CO2-Gehalt von Importgütern orientierten steuerlichen Ausgleich an der Grenze. Man könnte auch eine  sinnvolle  Finanztransaktionssteuer einführen,  nicht so wie die, die  vorgeschlagen wurde. Damit würde man nämlich das Kapital besteuert, das produktiv eingesetzt wird. Man könnte aber bei den Hedgefonds,  im Hochfrequenzhandel etwas tun - da kann ich mit Promillebeträgen arbeiten und es käme viel Geld herein. Auch bei der Besteuerung von Derivaten könnte man ansetzen. Wir brauchen auch keine Steuerparadiese – wir sollten aber auch kein Hochsteuerland sein, weil das der Wirtschaft schadet. Das ist meine  persönliche Meinung, aber ich glaube, dass sich in der IV viele finden, die das ähnlich sehen.

Was ist jetzt eine der vordringlichsten Aufgaben  der Politik?
Sie muss jetzt ein Klima der Zuversicht und Hoffnung erzeugen, das wiederum die Basis für den Wiederaufbau in unserem Land ist. Ich glaube, dass hier die Kommunikation ein wesentlicher Punkt ist.  Wenn man will, dass sich eine Bevölkerung nachhaltig  an Maßnahmen hält dann muss ich ihr  eine Perspektive geben. Und wir müssen Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen.

Das gilt wohl nicht nur für Österreich.
Ja, wir müssen den  Föderalismus neu denken - auch in Europa. Wir sind eine Staatengemeinschaft - in Wahrheit eine Schicksalsgemeinschaft. Im internationalen Wettbewerb gewinnt  Europa gemeinsam oder verliert gemeinsam. Nationalstaatliche Ansätze werden uns weder in Krisenzeiten noch in Zeiten des Booms in die Zukunft führen können. Wenn man nachhaltig Dinge bewegen will, dann muss man das mit einer Perspektive verbinden.