© Getty Images/Photo_Russia/istockphoto

Wirtschaft
06/07/2019

Gefälschte Sneakers, Uhren, Motorsägen - das Milliardengeschäft der Fälscher-Mafia

Raffinierte Betrüger aus Asien schädigen Europas Wirtschaft jährlich um 60 Milliarden Euro. In Österreich wird der Schaden auf eine Milliarde Euro geschätzt.

von Kid Möchel, Thomas Pressberger

Konfektionskleidung, Sportschuhe, Sonnenbrillen, Ledertaschen, Kosmetika, Uhren, Mobiltelefone, Medikamente, Maschinen: „Es gibt heute eigentlich nichts, was nicht von Produktpiraten gefälscht wird. Ein großes Thema bei den Fälschungen sind zum Beispiel Motorsägen“, sagt Gerhard Marosi, Experte für die Bekämpfung der Produktpiraterie im Finanzministerium, zum KURIER. „Gefälschte Bekleidung und Lederwaren stammen hauptsächlich aus China und der Türkei.“ Aber auch Thailand, Malaysia, Pakistan und Vietnam sind Hotspots von Produktfälschern. Hongkong, die Arabischen Emirate und Singapur gelten als Drehkreuz, Ägypten, Marokko, Albanien und die Ukraine als Transitländer Richtung EU.

Im Vorjahr konnte der österreichische Zoll bei 760 Aufgriffen 38.500 gefälschte Waren im Wert von 2,6 Millionen Euro beschlagnahmen. Der Gesamtschaden durch Produktpiraterie wird hierzulande mit einer Milliarde Euro beziffert. Früher wurden hauptsächlich hochpreisige Markenwaren gefälscht, heute werden auch Massenprodukte quer durch alle Branchen nachgemacht.

Arzneimittel-Fälscher in Indien

Der Gesamtschaden für die Europäische Union wird vom EU-Amt für geistiges Eigentum (EUIPO) mit rund 60 Milliarden Euro beziffert, das entspricht ungefähr 3,5 Prozent aller EU-Importe. Den größten Schaden haben die Bekleidungsindustrie mit 23 Milliarden Euro und die Pharmabranche mit fast 16 Milliarden Euro.

„Bei gefälschten Medikamenten ist Indien der Hotspot und das Produktionsland, weil die internationale Pharmaindustrie dort produzieren lässt und es dadurch ein bestimmtes Know-how gibt“, sagt Marosi. „Man kommt in Indien relativ leicht an jene Materialien, die man braucht, um Medikamente nach zu machen, und es werden ausrangierte Maschinen eingesetzt, die für die legale Produktion nicht mehr verwendet werden.“


Die meisten Aufgriffe macht der Zoll auf dem Post- und Paketweg. Im Vorjahr wurden 670 Sendungen aus dem Verkehr bezogen, deren gefälschter Inhalt im Internet bestellt worden war. So wurden 2018 rund 2.639 Sendungen mit illegalen Medikamenten aus dem Verkehr ziehen.

1500 Dauer-Anträge von Markeninhabern

Grundlage für die Beschlagnahmung von Plagiaten durch den Zoll sind Dauer-Anträge der tatsächlichen Markeninhaber. Rund 1500 solcher EU-weiten Aufgriffsanträge von Unternehmen liegen dem heimischen Zoll vor. Sie beinhalten eine genaue Beschreibung der Erkennungsmerkmale originaler Produkte. Damit und mithilfe von speziellen Risikoanalysen kann sich der Zoll ganz gezielt an die Vertriebsrouten der Fälscher heften.

„Wenn wir mit den Kontrollen zu erfolgreich sind, ändern die Fälscher ihre Wege und routen“, sagt Marosi. So werden die Imitate oft nicht mehr direkt aus Asien verschickt, sondern containerweise nach Europa eingeführt und von hier über den Online-Handel auf den Markt gebracht. Ob in Rotterdam, Hamburg, Koper oder Triest – jeder größere Hafen in der EU ist ein potenzielles Einfallstor für gefälschte Waren.

Maschinenbau

Oft haben die Zöllner aber eine gute Nase. Im vergangenen Frühjahr wollte eine türkische Transportfirma 102 SKF-Rollenlager mit einem Warenwert in Höhe von rund einer Millionen Euro in Vorarlberg verzollen. Auch ein Echtheitszertifikat legte sie vor. Tatsächlich kostet ein solches 15 Kilogramm schweres Rollenlager pro Stück aber nicht 10.000 Euro, sondern 150.000 Euro. SKF konnte die Bauteile im Handumdrehen als Plagiate enttarnen. Sie waren mit veralteter Technik hergestellt worden.

Maschinenbauer betroffen

Auch der schwedische Garten- und Forstgeräte-Hersteller Husqvarna wird von Fälschern kopiert.

Allein in Deutschland beklagt die Maschinenbau-Industrie einen Fälschungsschaden in Höhe von 7,3 Milliarden Euro. 71 Prozent der deutschen Maschinenbauer sind von Plagiaten vor allem aus China betroffen.

Stihl wehrt sich gegen Fälscher

Vor allem der deutsche Motorsägen-Hersteller Stihl ist seit Jahren in großem Stil ein Opfer chineischer Fälscher. "Die Plagiate stammen meist aus China und ähneln insbesondere durch ihre orange/hellgraue Farbgestaltung den originalen STIHL Produkten. Zudem werden Käufer durch Anbringen von gefälschten Aufklebern mit der Marke „STIHL“ getäuscht, in manchen Fällen werden darüber hinaus auch bekannte Modellbezeichnungen wie beispielsweise „MS 440“ aufgebracht", heißt es auf der Firmenhomepage. "Diese Motorsägen haben außer ihrer Farbgebung und Modellbezeichnung nichts mit den Original STIHL Sägen gemein."

Und weiter heißt es: "Insbesondere sogenannte Straßen-, Flohmarkt- oder Kofferraumverkäufe sind immer ein sicheres Indiz für gefälschte, minderwertige und risikobehaftete Produkte. Ähnliches gilt beim Angebot von Neuprodukten im Internet. STIHL vertreibt seine Produkte ausschließlich über den autorisierten Fachhandel, der Originalität, Service und Beratung gewährleistet."

Die Plagiatoren fügen den Unternehmen nicht nur empfindliche Umsatzeinbußen zu, sondern sie vernichten pro Jahr rund 500.000 Arbeitsplätze in der EU. In Österreich gehen dadurch jährlich mindestens 8200 Arbeitsplätze verloren.