© APA/AFP/TIMOTHY A. CLARY

Wirtschaft
02/07/2021

Gamestop-Kurs-Ausschläge: Duell um Vorherrschaft an der Börse

Kleinanleger bescherten Hedgefonds Milliardenverluste. Trotzdem scheint es, als würde die ausgerufene Revolution ausbleiben

von Johannes Arends, Robert Kleedorfer

Hier die alteingesessenen Marktteilnehmer, dort die junge, wilde Garde, die sich mithilfe moderner Plattformen anschickt, die ungeschriebenen Gesetze des Kapitalmarkts neu zu gestalten. Das zeigen die aktuellen Geschehnisse rund um den US-Spielehändler Gamestop. Gut gegen Böse oder David gegen Goliath wurde der Machtkampf in den vergangenen Tagen oft betitelt. Doch letztendlich geht es inzwischen auf beiden Seiten um viel eingesetztes Kapital.

Während die etablierten Investoren, meist Hedgefonds, auf einen sinkenden Kurs setzen, wollen vor allem Privatanleger dies verhindern und kaufen fleißig Gamestop-Aktien. Das zeigt auch der Kurs des Wertpapiers, der seit Jahresbeginn ausschließlich wegen der Spekulanten von 17 auf bis zu 420 US-Dollar hochschnellte, ehe er wieder auf rund 54 Dollar zurückfiel. Am Freitag dann der Gegenschlag: Die Tradingplattform Robinhood hob ihre Handelsbeschränkungen auf und der Kurs legte vorerst erneut um 40 Prozent zu. Das Rennen scheint also noch nicht endgültig entschieden. Die Aufsicht hat sich aber jedenfalls eingeschaltet und prüft die Vorgänge.

Wie aus Hedgefonds Heuschrecken wurden

Hedgefonds gelten als Heuschrecken der Kapitalmärkte. Dabei  waren die ersten Hedgefonds eigentlich als sichere Vehikel der Vermögensverwaltung gedacht (siehe Lexikon unten). Doch das Bild hat sich gewandelt. Spätestens, als George Soros 1992 das britische Pfund in den Keller trieb, war es um ihren Ruf geschehen. Gefestigt hat sich dieser in der Finanzkrise 2008, als wilde Spekulationen  bereits vorhandene Turbulenzen verstärkten. Die damals geäußerten Absichten seitens der Politik, sie gesetzlich zu beschränken, blieben vielfach eine leere Drohung.

Immerhin trat  2012 ein EU-weites Verbot für ungedeckte Leerverkäufe  in Kraft. „Gedeckte Leerverkäufe können auch  in Ausnahmesituationen – wie im Vorjahr – verboten werden“, erklärt Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse.  „Allerdings muss das Verbot zeitlich begrenzt und sachlich sein.“ Und zudem, so gibt er zu bedenken, sei Short Selling ein altes Instrument an der Börse – und auch die Gegenreaktion. „Der aktuelle, von der Aufsicht auf Missbrauch zu prüfende Ablauf ist alles andere als neu, nur hat er jetzt wegen der sozialen Medien eine andere Dimension.“

In der Tat sind solche Kämpfe um die Hoheit über einen Börsekurs nichts Neues. 2008 etwa wurde die VW-Aktie Opfer eines heftigen Gerangels und vor Kurzem verloren Hedgefonds viel Geld mit ihrer Short-Taktik bei Tesla und Varta.

Ungerechte Kritik

Apropos Hedgefonds: Für Boschan sind sie eine „Kapitalsammelstelle wie jede andere“; der Begriff Heuschrecke sei nicht gerechtfertigt.  So etwa wurde die Bawag von einem Hedgefonds saniert und dadurch tausende Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Österreich gehalten.  Andere Marktteilnehmer verweisen darauf, dass Hedgefonds ihre Short-Strategie vielfach ohnehin bei nur angeschlagenen Unternehmen, wie etwa auch Gamestop, ansetzen.

Boschan glaubt nicht, dass die neuen Handelsplattformen zu mehr Turbulenzen  führen. „Dafür sind sie im Verhältnis zum Gesamtmarkt zu klein. Für den Privatanleger im Einzelfall ist es allemal tragisch genug.“

Trotz reddit: Die „Kleinen“ sind nur gemeinsam stark

Der aktuelle Sturm auf die Börse braute sich schon länger auf der Onlineplattform reddit zusammen. Alles begann dort Ende 2019 mit einem Posting des Nutzers „DeepFuckingValue“. Er heißt in Wahrheit Keith Gill, ist 34 Jahre alt und war bis vor Kurzem noch für eine Lebensversicherung in Boston tätig.

Gill postete also im Subforum r/WallStreetBets ein Bild, das bestätigte, dass er soeben Aktien des kriselnden Videospielhändlers Gamestop im Wert von 53.000 Dollar gekauft hatte. Für diese hochriskante Wette wurde Gill  im Forum berühmt. Dann postete er regelmäßig seine steigenden Gewinne. Nach und nach begannen weitere reddit-Nutzer, es ihm nachzumachen. Im Jänner kam es dann zum Ansturm auf Gamestop und der Preis der Aktie wurde in ungeahnte Höhen getrieben.

Am 28. Jänner, als der Kurs seinen Höchstwert  erreichte, besaß Gill Anteile im Wert von knapp 28 Mio. Dollar. Und hielt. Nur einen Tag später war der Wert seiner Aktien infolge des Kaufstopps durch den Tradinganbieter Robinhood auf einen Schlag um 11 Mio. Dollar eingebrochen. Gill hielt weiter. Auf reddit wird er deshalb als Gott verehrt.

Andere Nutzer stachelten sich gegenseitig an und investierten in weitere geshortete Titel. So stürzte sich die Masse auf  andere schlecht bewertete Werte wie Blackberry, Nokia oder den US-Kinobetreiber AMC.


Eine Revolution?

Während viele Mitglieder klarmachen, dass es ihnen rein um persönlichen Profit geht, sehen sich einige  als Rädelsführer einer Revolution. Ihr Ziel ist dabei nichts anderes die Zerstörung des von Großanlegern kontrollierten Finanzsystems.

Doch seit Robinhood und Co. den Kauf ausgewählter Aktien einschränkten, scheint man auf reddit misstrauisch zu werden. So sehen sie den steigenden Silberpreis als Ablenkungsmanöver der Hedgefonds und verteufeln alle, die angesichts sinkender Kurse Anteile verkauft haben.

Die „Kleinen“ wirken gespalten und scheinen das Match verloren zu haben – die Frage ist, ob sie auf eine baldige Revanche aus sind.

Die Welt der Wertpapiere ist eine komplexe. Der KURIER erklärt die wichtigsten Begriffe in der aktuellen Causa Gamestop.

Leerverkäufe, auch short selling genannt, unterteilen sich prinzipiell in zwei Varianten. 

Bei gedeckten Leerverkäufen borgen sich die Investoren Wertpapiere aus und verkaufen sie über die Börse. Das drückt den Kurs nach unten. Zum nun tieferen Kurs kaufen die Fonds die Aktien wieder und geben sie den Verleihern zum alten Kurs zurück. Die Differenz beider Preise bildet den Gewinn.

Bei ungedeckten Leerverkäufen gibt ein Investor Papiere, die er weder besitzt noch ausgeliehen hat, ab. Er vereinbart nur mit einem künftigen Käufer den Preis, zu dem er das Papier liefern wird. Für einen Gewinn muss er die Aktien bis zum Lieferzeitpunkt am Markt billig kaufen. Viele solcher Geschäfte sind kreditfinanziert.

Wenn Investoren Wetten auf fallende Kurse in großem Stil auflösen müssen, weil es entgegen ihrer Absichten eine starke Gegenbewegung nach oben gibt, sprechen Fachleute von einem Short Squeeze: Shortseller müssen dann die Aktien vorzeitig zurückkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen und treiben damit die Kurse erst recht noch weiter hinauf. Je mehr Investoren Shortpositionen halten, desto höher fällt der Kursanstieg aus, wenn sie die Papiere verkaufen müssen.

Vor allem Hedgefonds sind beim Shorten dick im Geschäft. „To hedge“ heißt Absichern und für diesen Zweck wurden Hedgefonds ursprünglich geschaffen. Über die Jahre haben sie sich aber zu hochspekulativen Investoren entwickelt, die sich riskanter Instrumente bedienen, um eine möglichst hohe Rendite für ihre Anleger und Eigentümer zu realisieren.

Dabei setzen sie auch stark auf den Hochfrequenzhandel (High Frequency Trading, HFT). Dabei nutzen Hochgeschwindigkeits-Computer mathematische Modelle, um in Millisekunden große Volumina von Wertpapieren zu handeln. Dank HFT sind auch die Handelskosten stark gefallen. 

Reddit, die selbst ernannte „Startseite des Internets“, bietet tausende Foren zu so gut wie jedem Thema an, sogenannte Subreddits. Die Nutzer sind dabei meist relativ technikaffin und im Schnitt zwischen 15 und 29 Jahren alt. Inzwischen ist dabei vor allem das Subreddit r/WallStreetBets berüchtigt, dort braute sich der Sturm auf die Gamestop-Aktie nämlich zusammen.

Die Zahl der auf  r/WallStreetBets angemeldeten Nutzer stieg in den vergangenen 14 Tagen von knapp zwei Millionen auf mehr als acht Millionen an. Wer also im Zuge der Berichterstattung frisch dazugestoßen ist und sich eine Zusammenkunft elaborierter Börsenexperten erwartet hat, dürfte enttäuscht sein.

Auf r/WallStreetBets geht es nämlich keinesfalls um sinnvolle Investment-Tipps. In diesem Forum werden allen voran Zocker verehrt, die richtig viel Geld aufs falsche Pferd setzen. Die Nutzer nennen das „loss porn“, also Verlust-Porno. Sich selbst bezeichnen sie zudem als „retards“  oder „degenerates“, also Zurückgebliebene und Degenerierte.

Das hat auch damit zu tun, dass man so den Vorwürfen der Marktmanipulation vorbeugend entgegenwirken will. Anstatt also groß Werbung für ein bestimmtes Investment zu machen, wird sich gemeinsam über hochriskante Wetten lustig gemacht und davon oberflächlich abgeraten – selbst wenn es dann alle nachmachen.

Auf zum Mond!

Auch rund um die Gamestop-Rally hat sich eine ganz eigene Sprache entwickelt. So sehen die Nutzer das sprichwörtliche Abheben der Gamestop-Aktie als Reise zum Mond („to the moon“). Sie predigen zudem immer wieder „diamond hands“: Hände aus Diamant – ein Aufruf, hart zu bleiben und nicht zu verkaufen, damit der Preis der Aktie weiter steigt.

Nutzern, die dagegen stolz ihre Verkäufe präsentieren, werden „paper hands“ unterstellt. Ein richtiger „retard“ hält eben, bis er endgültig reich geworden ist. 

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