Wolfgang Hesoun

© Kurier / Jeff Mangione

Interview
12/27/2021

Siemens-Boss: Keine Toleranz für Impfgegner, Neuwahlen wären "Katastrophe"

Siemens-Chef Wolfgang Hesoun ist einer jener Manager, die sich auch bei heiklen Themen kein Blatt vor den Mund nehmen.

von Richard Grasl

KURIER: Der vierte Lockdown ist vorbei, die Omikron-Welle steht vor der Tür. Was macht das mit einem Top-Manager?

Wolfgang Hesoun: Es macht mich auch sehr wütend, vor allem wenn ich auf die Demonstrationen aber auch auf die geringe Impfquote schaue. Da ist eine seltsame Mischung aus jenen, die breite wissenschaftliche Erkenntnisse nicht wahrhaben wollen, und jenen die nur ihre politischen oder sonstige individuellen Ziele verfolgen. Aber bei diesen Staatsverweigerern und Verschwörungstheoretikern hört meine Toleranz auf. Es gibt nun mal die Evidenz, dass viel, viel mehr Ungeimpfte auf die Intensivstationen und in die Spitäler kommen. Und das erzeugt großen Schaden - wirtschaftlichen, kinderpsychologischen, von einer Triage ganz zu schweigen. Ich gebe dem Philosophen Richard David Precht recht, wenn er meint, dass es ihnen nicht mehr um die Wahrheit geht, sondern nur noch darum Recht zu haben. Sie sind dann nicht mehr für Argumente zugänglich.

Aber soll nicht jeder die Freiheit haben, selbst zu bestimmen, was er tut?

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheiten des Anderen eingeschränkt werden.

Hat die Politik hier versagt, zu spät gehandelt?

Die Politik hat seit dem Sommer monatelang vermieden, schlechte Nachrichten auszusprechen, sei es wegen Landtagswahlen oder weil man die eigene Klientel schonen wollte. Das hat dazu geführt, dass auch die Awareness für die Problematik verloren gegangen ist. Für mich ist die Impfpflicht nur das letzte Mittel nach vielen vergebenen Gelegenheiten, den Menschen die Situation zu vermitteln. Jetzt ist es zu spät, die Menschen aufzuklären, weil sie auf ihren Positionen festgenagelt sind.

Also doch Impfpflicht?

Ja, weil es jetzt die ultima ratio ist. Es hätte früher Alternativen gegeben, zum Beispiel frühere Zutrittsbeschränkungen für Ungeimpfte. Oder 2-G-plus, vorher noch 2-G, oder 3-G. All das wäre schon viel früher möglich gewesen.

Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun ist einer der Experten

Wie ist das bei Siemens gelaufen?

Wir haben eine Durchimpfung von mittlerweile über 93 Prozent, weil wir sehr restriktiv waren. Wir haben sehr früh darauf geachtet, dass dort, wo viele Personen zusammenkommen, strenge Regeln gelten. Wir haben schon lange strenge Zutrittskontrollen und führen stichprobenartige Überprüfungen durch. Jede Person, die behauptet, sie sei geimpft oder getestet, obwohl sie es nicht ist, weiß was dann passiert...

Scheiterte das nicht am Betriebsrat?

Im Gegenteil. Der Betriebsrat war bei der Unterstützung unserer Maßnahmen sogar fordernder als wir. Wenn es Bedenken der Personalabteilung bei einer Maßnahme gab, waren die Betriebsräte dennoch dafür. Denn ihnen war es wichtig, dass die Mitarbeiter bei der Arbeit geschützt sind. Da gab es vom ersten Tag an bestes Einvernehmen. Wir haben eine Taskforce bestehend aus Vorstand, Ärzten, Sicherheit, Betriebsrat und Werksleitern, die Regeln erarbeitet hat, an denen einfach nicht zu rütteln ist. Es kann ja in ein Produktionswerk auch niemand ohne Sicherheitsschutz hinein.

Wie ist die aktuelle Vorschrift bei Ihnen im Büro?

Wir haben 2,5-G. Also geimpft, genesen oder mit PCR-Test, und das ist machbar. Ich wäre auch dafür, dass die Tests für Ungeimpfte nicht mehr kostenlos sind. Das ist ein Aufwand, würde sich aber lohnen. Das haben die Italiener, aber auch andere schon gemacht, und es würde die Impfraten erhöhen. Denn es gibt ja eine Gratis-Alternative zu den kostenpflichtigen Tests, nämlich die Impfung. Und wenn man die nicht will, muss man halt zahlen. Die Tests in der Schule sollten aber gratis bleiben.

Kann es die Politik nicht einfach wie die Betriebe machen?

Der Unterschied ist schon, wir können bestimmte Maßnahmen anordnen und beim Verstoß die Konsequenzen ziehen, denn niemand ist verpflichtet, bei uns zu arbeiten. Das ist in der Politik schon ein wenig anders. Aber klar: Auch hier gibt es Gesetze und Regeln, an die man sich halten muss. Dann darf man das aber nicht gleich wieder verwässern. Ich hätte etwa nicht gleich auf die Möglichkeit von Ersatzfreiheitsstrafen bei Nicht-Zahlung verzichtet. Wo ist das Problem? Wenn ich eine Parkstrafe nicht zahle, gibt es das auch. Warum darf ich nicht betrunken fahren? Weil ich andere gefährde. Und wenn ich ungeimpft in eine Meschenmasse gehe, gefährde ich diese ja auch. Dieses Delta muss mir jemand erklären. Wir haben tausende Vorschriften, bei denen im Falle einer Strafe das so ist. Das ist von der Politik gut gemeint, aber nicht zielführend.

Schlechte Politik?

Ich beneide die Politiker nicht in diesem ganzen Umfeld. Denn Politiker müssen ja auch gewählt werden, ich nur von meinem Aufsichtsrat.

Siemens mit 40 Prozent mehr Aufträge

Wie ist es Siemens im zweiten Jahr der Krise ergangen?

Es gab einen sehr erfreulichen Nachholfeffekt, der uns in Teilbereichen bis zu vierzig Prozent mehr Aufträge gebracht hat als in einem normalen Jahr. Das Problem liegt daran, dass wir nicht aus allen Umsätze erzielen können, weil uns wichtige Bestandteile für die Produktion fehlen.

Die berühmten fehlenden Chips?

Ja, aber nicht nur, sondern auch ganz triviale Dinge wie zum Beispiel Kunststoff-Granulate, die für Gehäuseteile benötigt werden, oder Magnesium, dass für Legierungen mit Aluminium erforderlich aber nicht verfügbar ist. Und daraus entsteht dann ein Lieferengpass.

Aber wie konnte es zu dieser Chipkrise kommen?

Die Autoindustrie hat schon länger geglaubt, die Nachfrage geht zurück und weniger bestellt, da geht es um sehr einfache Chips. Als man gemerkt hat, dass das nicht stimmt, haben die Chip-Hersteller schon umgestellt oder die Waren an die Konsumgüterindustrie verkauft, wo sie dringend benötigt werden. Das jetzt in einer Krise wieder rückgängig zu machen, ist nahezu unmöglich, denn alle fahren schon über ihren eigentlichen Produktionskapazitäten.

Alles ist auf Just-in-time-Produktion umgestellt. Haben wir auch einen Fehler im System?

Ja, denn viele Systeme sind nicht mehr darauf ausgerichtet, flexibel auf veränderte Marktsituationen zu reagieren. Und da ist es schlecht, wenn es plötzlich stark rauf oder runter geht, und zwar ganz egal in welche Richtung, beides ist gleich schlecht. Einiges ist auch der Kostenoptimierungspolitik vieler Betriebe zu verdanken. Da hat man zu Gunsten von 2 oder 3 Cent Kostenersparnis die Risken der Lieferketten nicht beachtet.

Wird sich durch Corona dadurch etwas ändern?

Da bin ich vielleicht naiv, aber ich hoffe schon. Es geht um die Sicherheit von Lieferketten und Kapazitätsredundanzen. Wenn man das bepreist, könnte sich schon herausstellen, dass sich die Produktion auch in Europa wieder rechnet. Allerdings wird das Rückführen dieser Kapazitäten kurzfristig gar nicht gehen und auch mittelfristig problematisch sein, weil wir in vielen Bereichen das Know-how gar nicht mehr haben. Die Produktionsmaschinen sind ja auch verkauft worden. Bei den trivialen Chips bedeutet das einen Aufholprozess von sicher drei bis vier Jahren. Das ist nur schwer möglich.

Mit welcher Konsequenz?

Zunächst sicher in Preiserhöhungen, die aber verkraftbar sind. Der derzeit hohe Anstieg ist ja vor allem auf den Energiesektor zuzrückzuführen.

Wie gehts Siemens am Arbeitsmarkt? Fehlen auch Ihnen Schlüsselkräfte?

Bei uns hält sich das zum Glück in Grenzen, weil wir unsere Spezialisten meist selbst ausbilden und an die Funktion heranführen. In anderen Branchen wie dem Tourismus sieht man jedoch, wie schnell es geht, dass sich Fachkräfte umorientieren, entweder beruflich oder auch geographisch. Da ändern sich bestimmte Arbeitsgewohnheiten sehr rasch. Dort ist das ein echtes Problem, auch weil die Fachkräfte zum Beispiel aus den östlichen Ländern einfach gar nicht mehr in Österreich sind.

Fehlen auch Lehrlinge?

Es fehlen die Schulabbrecher, bie bisher ein großes Reservoir für die Lehrlingsausbildung waren. Auch fehlt bei vielen seit Corona das Animo sich umzuorientieren.

Ihr Konkurrent Bombardier hat Siemens vor Jahren einen großen Straßenbahn-Auftrag in Wien weggeschnappt und liefert jetzt nicht die versprochenen Stückzahlen. Späte Genugtuung?

Nein, aber wir haben damals eben bestimmte Sorgen gehabt, die sich nun bewahrheiten. Aber die Erkenntnis, dass wir Recht behalten haben, hilft nichts mehr.

Impfwahlkampf würde Wirtschaft und Zusammenhalt im Land schaden

Was wünschen Sie sich jetzt von der Politik?

Stabilität. Ich wünsche mir alles andere als Neuwahlen. Die wären ja wegen anderer Wahlen nur im Frühjahr möglich. Und man stelle sich einen Wahlkampf mit der jetzigen Polarisierung vor. Das wäre eine Katastrophe nicht nur für den Standort sondern auch für das Land als solches, für den Zusammenhalt.

Sie haben scharfe Kritik an Umweltministerin Gewessler geübt. Schielen Sie da nicht auch ein wenig auf die gute alte SPÖ/ÖVP-Koalition, zumal Sie ja aus der Sozialdemokratie kommen?

Ich könnte mit gut vorstellen, dass bei der ÖVP nach zwei Ausflügen in andere Koalitionsgefilde eine historisch bewährte Form der Zusammenarbeit wieder in gute Erinnerung rückt und wieder zwei verantwortungsbewusste Parteien die Regierung stellen.

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