Autobahn nach Tel Aviv.

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Strategieforum
06/08/2016

Fahren wird gerade neu erfunden

Manager von BMW, Siemens und Flixbus geben Einblicke, wie wir künftig unterwegs sein werden.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Urbanisierung: Das ist kein abstrakter Megatrend mehr, sondern bestimmt, wie wir künftig leben werden. Schon jetzt erwirtschaften die 500 größten Ballungsräume etwa die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung. Jede Woche übersiedeln weitere knapp 1,5 Millionen Menschen in Städte. "Das heißt, es zieht einmal München in die Städte dieser Welt", sagt Roland Busch, Vorstandsmitglied der Siemens AG. "Das macht im Quartal die Niederlande."

Originelle Stau-Lösung in Israel

Was heißt das für den Verkehr, wo viele Zentren heute schon heillos verstopft sind? Eine originelle Lösung ist in Israel zu finden. Dort gibt es auf der notorisch blockierten Autobahn JerusalemTel Aviv eine freie Spur, bei der ein Tempo von 70 km/h garantiert ist. Und zwar über eine variable Maut. Stockt der Verkehr, wird die Sonderspur so lange teurer, bis es wieder heißt: Alles fließt.

Eine weniger elitäre Alternative wären Investitionen in Infrastruktur. Intelligentes Parken, autonomes Fahren oder bessere öffentliche Verkehrsnetze könnten die Straßen entlasten. Aber rechnen sich die hohen Kosten?

Siemens ließ per Studie untersuchen, wie viel Produktivität verloren geht, weil Menschen im Stau stehen. Ergebnis: Am besten schneiden Kopenhagen und Singapur ab, sagte Siemens-Vorstand Busch beim zweiten Wiener Strategieforum in der Wirtschaftsuniversität Wien. Dort gibt es neun Prozent Einbußen. Im Chaos von Lagos bleiben hingegen 29 Prozent der möglichen Wirtschaftskraft stecken. Wien liegt ganz gut: Hier wären bei optimalen Bedingungen 9,7 Prozent mehr Produktivität möglich – in Berlin bleiben 10,1 Prozent auf der Strecke.

Neue Zielgruppe

Stichwort autonomes Fahren: Das klingt für viele wie Zukunftsmusik. Es wird aber rascher aktuell werden, als viele denken, ist Markus Schramm, Konzernstratege der BMW Group, überzeugt. Zwar fehle noch ein Rechtsrahmen, damit fahrerlose Fahrzeuge die Straßen erobern. Aber: "Da werden Fakten geschaffen: Wenn sich zeigt, dass die Unfallzahlen sinken, werden die Regularien rasch folgen." Fahrerlose Autos müssten für BMW ein Schreckensszenario sein, könnte man meinen. Schließlich zählt die "Freude am Fahren" zum Markenkern. Weit gefehlt. "Wer das will, wird bei uns immer die Möglichkeit haben, das Fahrzeug selbst zu lenken", beruhigte Schramm.

Aber BMW sieht sich nicht mehr als Autoproduzent, sondern als Entwickler und Mobilitätsanbieter – und hat mit DriveNow ein Car-Sharing-Konzept auf die Straßen gebracht, das mehr als 600.000 Mitglieder in neun Städten nutzen. Inklusive Wien. Anfangs sei die Vorstellung, dass ein geborgtes Auto bis zu sieben verkaufte ersetzen könnte, auf beträchtlichen internen Widerstand gestoßen. Dann habe sich gezeigt, dass die befürchtete Kannibalisierung gar nicht eintrifft. BMW- oder Mini-Käufer seien im Durchschnitt 50 oder 46 Jahre alt.

"Bei DriveNow haben wir eine Zielgruppe von durchschnittlich 32 Jahren, die wir bisher nicht erreicht haben. Die können wir so an unsere Marken heranführen." Inzwischen ist BMW an 15 Start-ups beteiligt, setzt auf E-Mobilität ebenso wie auf Brennstoffzellen, bei denen mit Toyota kooperiert wird. Die Start-ups hätten auch frischen Wind in die Unternehmenskultur gebracht.

Hippes Image für Busse

Vom Start-up zum Platzhirsch – das kann rasch gehen. Flixbus wurde 2012 gegründet. Drei Jahre später, bei der Fusion mit dem Rivalen MeinFernbus, schrieben Medien schon vom "Giganten" oder "Riesen am Fernbus-Markt", sagte Flixbus-Gründer André Schwämmlein. Aus angestaubten Busreisen habe man nach der Marktliberalisierung ein hippes, günstiges und junges Produkt geformt. Jetzt sind rund 1000 Busse in Einsatz, die 18 (bald 20) Länder grenzüberschreitend anfahren. Schwämmlein legt Wert drauf, kein Busunternehmen zu sein: "Wir verkaufen nicht die Fahrt, sondern Reise-Erlebnisse." Flixbus hat 800 eigene Mitarbeiter – darunter ist kein einziger Chauffeur, denn die kommen von mittelständischen Busfirmen. Ginge das denn nicht effizienter, wurde Schwämmlein einst gefragt. Seine Antwort: "Ja, vielleicht kann man das auch mit 100 Leuten machen. Aber dann wird’s halt scheiße."