Absperrungen für das Bilderberg-Treffen im Kempinski Hotel Taschenbergpalais in Dresden, Juni 2016.

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Interview
01/20/2020

Experte: Was es mit den Bilderberg-Treffen auf sich hat

Die diskreten Machtzirkel bestärken in Teilen der Bevölkerung den Eindruck einer abgehobenen Elite, sagt Soziologe Björn Wendt.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Die Bilderberg-Konferenz, die seit 1954 alljährlich stattfindet, wird gerne als "Mutter aller Verschwörungstheorien" bezeichnet. Besonders in Online-Foren gibt es wilde Spekulationen darüber, welche schwerwiegenden Entscheidungen von globaler Bedeutung in diesem Machtzirkel angeblich getroffen werden.

Wie mächtig sind die "Bilderberger" wirklich? Welche Funktion hat das Treffen, worüber wird diskutiert und wer wird überhaupt eingeladen? Und hat die Konferenz ihre besten Zeiten bereits hinter sich?

Der KURIER hat dazu Björn Wendt befragt: Der Soziologe an der Universität Münster hat intensiv über Bilderberg geforscht und im Vorjahr das Standardwerk "Die Machtelite" von C.W. Mills (1916-1962) auf Deutsch herausgegeben.

KURIER: Worin besteht die Funktionsweise von Foren wie Davos?

Björn Wendt: Ich habe mich insbesondere mit der Bilderberg-Konferenz relativ tiefgehend auseinandergesetzt. Man kann aber aus dem Vergleich ein paar grundlegende Mechanismen andeuten. Solche Netzwerke haben vielerlei Funktionen.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat drei Arten von Machtressourcen unterschieden: das ökonomische, aber vor allem auch das soziale und kulturelle Kapital. Die Funktion solcher Treffen würde ich vor allem im Austausch und Aufbau der beiden letztgenannten Kategorien sehen.

Was heißt das konkret?

Unter sozialem Kapital könnte man so etwas wie Netzwerke, Kontakte und Zugehörigkeiten verstehen. Da diese Treffen in der Regel sehr elitäre Auswahlmechanismen haben, wird auch eine Art von elitärem Geist reproduziert.

Das zweite wäre  das kulturelle Kapital, so etwas wie Wissen. Diese Foren bieten einen Raum dafür, Weltdeutungen untereinander auszutauschen. Bei Bilderberg ist über Jahrzehnte hinweg wenig nach außen gedrungen.

Da wird dann anders miteinander geredet als bei offiziellen Treffen. Es werden eher Informationen preisgegeben. Es entsteht somit eine Reproduktion von Wissensmacht in privaten Räumen, die eigentlich auch für eine breite Öffentlichkeit relevant wären.

Über Bilderberg werden erst relativ kurz zumindest ein paar grundlegende Infos kommuniziert – erst seit 2010, wenn ich nicht irre?

Vollkommen richtig. Sehr lange war das alles sehr verborgen und auf Geheimhaltung bedacht, bis immer mehr durch die Medien an die Öffentlichkeit gedrungen ist. 2010 hat sich das insofern geändert, als eine Homepage eingerichtet wurde.

Somit wurde erstmals sichtbar, dass es keine abstruse Verschwörungstheorie ist, dass es diese Treffen gibt. Es gibt seither ein paar Basisinformationen für jedes Jahr, welche Themen besprochen wurden, welche Teilnehmer da waren.

Welche Funktion hat die Verschwiegenheit? Für Teilnehmer geht der Schuss doch eher nach hinten los: Sie können schwer argumentieren, es sei alles ganz harmlos, weil die Geheimniskrämerei anderes suggeriert.

Es gibt je nach Seite unterschiedliche Begründungen. Von den Organisatoren selbst heißt es, dass nur so ein wirklich freier Gedankenaustausch möglich sei, wenn ein Politiker oder Unternehmenschef nicht Angst haben müsse, sofort zitiert zu werden.

Es gilt auch ganz konkret die Chatham-House-Regel, dass man nicht direkt zitieren darf, was ein anderer Teilnehmer gesagt hat, dass man aber eigentlich über die groben Themen reden darf. Spannend ist, dass diese Regel von den Teilnehmern meist überinterpretiert wird. Wenn man anfragt, erhält man oft die Auskunft: „Kein Kommentar“, obwohl sie eigentlich darüber reden dürften.

Von Seite der Verschwörungstheorien, die gerade bei Bilderberg im Internet sehr präsent sind, wird das als geheimes Forum inszeniert, wo die wirklich großen Entscheidungen getroffen werden. Dem würde ich auch nicht zustimmen. Meine Interpretation wäre: Über die Verschwiegenheit wird die soziale Zugehörigkeit gefestigt, man fühlt sich geehrt und als wichtig anerkannt.

2019 war Ursula von der Leyen bei Bilderberg als Verteidigungsministerin dabei, wenig später wurde sie als EU-Kommissionspräsidentin nominiert – eher überraschend. Kann so ein Forum für einen Karrieresprung tatsächlich den Ausschlag geben, oder liegt das in der Natur der Sache, wenn „High Potentials“ aufeinander treffen?

Von der Leyen war auch davor schon dabei. Das kann man im Allgemeinen schwer sagen. Der Punkt, den Sie genannt haben: Wenn man die Vorsitzenden der großen Parteien und jene, die die Möglichkeit haben, in Regierungsämter zu gelangen, dabei hat, ist die Chance relativ groß, dass jemand später entsprechende Karrierewege einschlagen wird.

Gleichwohl erinnere ich mich an einen Bericht von einem Teilnehmer selbst, wo beschrieben wurde, dass in den 1970er Jahren Margaret Thatcher eine aufsehenerregende Rede gehalten habe. Danach hätten sich die großen amerikanischen Unternehmer in sie verliebt, sie überall eingeladen und hofiert.

Beide Bedeutungsrahmen haben wohl ihre Berechtigung, ohne tiefgehende Studie lässt sich aber kaum eine allgemeine Aussage treffen.

Wo wird das Bilderberg-Treffen 2020 stattfinden?

Das steht sicherlich schon fest, wird aber relativ zeitnah kommuniziert, meist  zwei Wochen vorher. Außer wenn es durch den Terminkalender eines Teilnehmers, der nicht ganz so vorsichtig ist, öffentlich wird. Im Vorjahr hatte die taz das ungefähr zwei Monate vorher publiziert.

Wie beurteilen Sie die Themenbreite?

Ich denke, man muss das historisch einordnen. Für die erste Konferenz 1954 in den Niederlanden war der Kontext der Kalte Krieg. Es ging darum, das westliche Machtbündnis zu vereinen, um gegen den Kommunismus schlagkräftig zu sein. Und es gab schon in den 1950er Jahren einen starken Anti-Amerikanismus in Europa. Deshalb sollte der transatlantische Zusammenhalt der Eliten sichergestellt werden.

Fragen der NATO, der Geopolitik, der Weltwirtschaft standen stark im Zentrum. Mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus hat sich das verschoben und geöffnet.

Am Anfang waren es auch nur zwei bis fünf Themen, heute sind es 10 bis 15, die in den mehreren Tagen besprochen werden. Es wurde immer breiter, heute sind neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Umweltthemen auf der Liste. Aktuelle Konflikte haben immer eine große Rolle gespielt.

Wie würden Sie die Einladungspolitik einschätzen?

Dieser Prozess entwickelte sich ähnlich. In Deutschland waren vor allem die SPD, CDU und zum Teil die FDP vertreten, die Grünen ganz lange Zeit nicht. Ab 2009/’10 herum wurden langsam auch grüne Vertreter eingeladen. Aus Österreich stellte die SPÖ viele Teilnehmer, auch die Bundeskanzler waren oft vertreten, manchmal bereits bevor sie das Amt bekleideten.

Es wurde versucht, die klassische politische Mitte einzuladen, nicht einseitig zu sein in Richtung konservativer oder sozialdemokratischer Parteien – und auch im politischen Feld sowohl Regierungs- als auch Oppositionsvertreter zu haben. Im Feld der Wirtschaft waren die Ölindustrie, Automobil-, Flugzeug-, Rüstungsindustrie stark vertreten; in der Regel mit den Vorsitzenden der großen Konzerne.

Das Militär und Nachrichtendienste wären eine dritte Kategorie, dazu waren Journalisten und Wissenschaftler immer wieder eingeladen.

Zwei Gruppen sind noch wichtig: der Adel, oftmals Könige oder Königinnen, beginnend mit Prinz Bernhard, dem Gatten der niederländischen Königin, der Bilderberg mitgegründet hat. Und es sind Superreiche, sehr viele Milliardäre, vertreten. Eigentlich das, was Charles Wright Mills schon in den 50er Jahren als „Machtelite“ bezeichnet hat.

Dr. Björn Wendt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Münster.

Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie und forscht zu verschiedenen Themen der Politischen Soziologie  (vor allem Eliten, Macht, Ungleichheit und soziale Bewegungen), der Wissenssoziologie und der soziologischen Nachhaltigkeitsforschung.

Im Vorjahr hat er das Standardwerk „Die Machtelite“ von C. Wright Mills herausgegeben.

Andere Foren haben eine dezidiert konservativ-wirtschaftsliberale Ausrichtung. Bei Bilderberg sind sehr viele Sozialdemokraten zu finden, die sich im Umfeld des Großkapitals bewegen. Ist das für sie nicht diskreditierend?

Hier muss man die unterschiedlichen Funktionen der Foren beachten. Die Mont Pelerin Society waren ja insbesondere Professoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr liberales Weltbild quasi aus der Krise herausholen wollten, um als Stichwortgeber dessen zu gelten, was man heute Neoliberalismus nennen würde. Das hat stark auf der Ideenebene angesetzt. Man würde heute von einer Art Think-tank reden, es ging um die Etablierung und Verbreitung von bestimmten Weltanschauungen und Ideen.

Das ist bei Bilderberg anders, man betrachtet die Konferenz als Politik-Diskussionsforum. Es geht darum, Debatten über die großen Fragen  der Welt zu führen, ohne dabei einen klaren ideologischen Einschlag zu haben. Wobei die Rekrutierung schon eine ideologische Selektivität kennzeichnet, große NGOs oder Attac sind nicht vertreten.

Und es gab neben der Westbindung auch das marktwirtschaftlich, kapitalistisch-demokratische System als große Klammer. Das sollte wohl auch Bindung erzeugen, speziell bei den Sozialisten, die ja oft unter Verdacht standen, ein anderes System etablieren zu wollen. Über die Integration entanden Freundschaften, radikalere Weltanschauungen schwächten sich so ab. Deshalb auch die Breite bei der Bilderberg-Konferenz.

Wir erleben heute in großen Teilen der Bevölkerung einen Vertrauensverlust in die Eliten, der sich in Wut, Ohnmachtsgefühlen, Protest auf der Straße äußert. Spielen da solche Machteliten mit eine Rolle?

Ich glaube, es ist nicht der einzige Faktor, der hier mitspielt, aber gleichwohl  ein bedeutender. Diese Beispiele können nämlich die Kritik gut belegen: „Das sind die Abgehobenen, die sich abschotten, die ihre eigene Agenda fahren, sich hinter verschlossenen Türen verschanzen“ und abgekoppelt sind von der Lebensrealität des sogenannten „kleinen Mannes,  der kleinen Frau“ auf der Straße.

Haben diese Foren ihre beste Zeit hinter sich? War das  primär ein Phänomen des 20. Jahrhunderts?

Es gibt den Versuch einer gewissen kleinen Öffnung, mehr Wissen preiszugeben. Wegen der Grundmechanismen der Foren stößt das aber auf Grenzen. Wenn Bilderberg auf Video aufgezeichnet würde und jeder hinkommen könnte, würde das Format  nicht mehr funktionieren.

Das gilt für andere dieser Foren genauso. Sie basieren auf einer gewissen Exklusivität, sind nicht zur  Öffnung für alle sozialen Gruppen bereit. Ob sie ihre wirkmächtigste Zeit im 20. Jahrhundert hatten? Bei Bilderberg ist recht deutlich, dass es in der Zeit des Kalten Krieges schon noch eine andere Rolle hatte als heute. Das war fast Teil einer Art Geheimdiplomatie.

Heute ist es bei der Pluralität und auch durch die Ausdifferenzierung der Parteiensysteme gar nicht mehr so einfach, Kohäsion herzustellen. Andererseits haben sich viele andere, unterschiedliche Formate entwickelt, die eine ähnliche Rekrutierungsbasis haben.

Klaus Schwab vom Weltwirtschaftsforum war oft auf den Bilderberg-Konferenzen. Es gibt die  Trilaterale Kommission, es gibt die G7 und G8, und so weiter. Das wären spannende Felder für die Machtstrukturforschung, welche Geld-, Personal- und Ideologieflüsse hier stattfinden. Da hätte man gerne mehr empirische Daten, leider fließen im akademischen Feld wenige Ressourcen in diese Richtung.

Wie differenziert man sich eigentlich als seriöser Forscher von den vielen Verschwörungstheorien?

Da gibt es gute wissenschaftliche Abgrenzungsmöglichkeiten. Verschwörungstheorien basieren im Wesentlichen auf Allmachtshypothesen. Sie gehen davon aus, dass es kleine Gruppen gibt, die im Geheimen Entscheidungen treffen und so die ganze Welt kontrollieren. Das hält der sozialwissenschaftlichen Theorie nicht stand, die Macht immer auf verschiedenen Skalen in einem Verhältnis zwischen Allmacht und Ohnmacht verortet.

Verschwörungstheorien haben im Kern immer ideologischen Charakter, sie stellen sich als Glaubenssystem dar und sind nicht für Gegenargumente zugänglich. Wenn man jemanden fragt: „Welche empirischen Beweise würden dich vom Gegenteil überzeugen?“ lautet die Antwort oft: „Nein, ich habe so viele Fakten, es gibt kein Gegenargument“.

Wissenschaftliche Forschung beruft sich zudem auf andere, etablierte Quellen. Das tun Verschwörungstheorien zwar teilweise auch, sie vermischen das aber mit pseudowissenschaftlichen Scheinargumenten. Sie knüpfen wohl an gewissen realen Phänomenen an, deuten diese aber auf eine Weise, die wissenschaftlichen Methoden nicht standhalten würde.

Das letzte Kriterium ist eine gewisse Selbstreflexivität – soziologische Machtforschung stellte sich selbst in Frage und betreibt Selbstkritik.

Haben einige der Zirkel mit ihrer ideologischen Enge und Geschlossenheit nicht selbst etwas Sektenhaftes an sich?

Wenn Sie die Mont Pelerin Society als Beispiel nehmen, so gab es anfangs zwei Flügel. Jenen um Hayek, der auf die Geschlossenheit und einheitliche ideologische Rahmung gesetzt hat. Und jenen um Karl Popper, der sich stärker mit anderen Meinungen auseinander setzen wollten, um argumentativ entgegenzugehen. Hayek hat sich aber durchgesetzt – mein Kollege Jürgen Nordmann hat das  dann als „Gelehrten-Sekte“ bezeichnet.

Bei anderen Fällen müsste man noch genauer hinschauen, wie eng und streng die Öffnungs- und Schließungsprozesse sind, oder welche Glaubenssätze man haben muss, um eingeladen zu werden. Bei Bilderberg wären die Pro-West-Bindung und der Pro-Kapitalismus zwei Punkte, die  eine Rolle spielen würden.