© Kurier / Gerhard Deutsch

Interview
07/24/2021

Vodafone-Vorstand Hannes Ametsreiter: „Europa muss beschleunigen“

Von der Telekom Austria zum Weltkonzern: Der Topmanager im Interview über die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland und die Position Europas

von Andrea Hodoschek

KURIER: Vodafone war bei der Hochwasser-Katastrophe in Deutschland im Großeinsatz. Wie konnten Sie helfen?

Hannes Ametsreiter: Das war ein großer Schock für Deutschland. Plötzlich waren Strom und Kommunikation weg, allein bei uns wurden 250 Mobilfunk-Stationen beschädigt oder völlig zerstört. Wir haben ein Instant-Netzwerk, das sind kleine Sendestationen mit Satelittenanbindung die man vor Ort aufbaut, aus Ungarn eingeflogen und uns mit einem Bergepanzer durch den Schlamm und die Trümmer gekämpft. Der Informationsbedarf ist groß, wir verteilen tausende Handys, Gigacubes und Power-Stations und spenden eine Million Euro.

Wieder stellt sich die Frage nach der Infrastruktur für Katastrophenfälle.

In Krisen ist die Resilienz, die Widerstandsfähigkeit, essenziell. Diese Katastrophe war ein Wake-up-Call fürs Land. Jetzt hat man gesehen, wie notwendig Stromnetze und Kommunikation sind.

Bewirkt eine Katastrophe, dass es weniger Widerstand gegen das 5 G-Netz gibt?

Es gibt Widerstand, aber relativ gering. Die Leute haben verstanden, dass wir 5 G und generell Mobilfunk brauchen, in wahrscheinlich 15 Jahren wird 4 G abgeschaltet. Vergangene Woche wurde 3 G komplett abgeschaltet.

Können Sie bitte kurz erklären, warum wir 5 G so dringend brauchen?

Das ist die Zukunft der Mobilkommunikation, das Netz ist viel schneller. Wir sind auf dem Sprung zur Daten- und Wissensgesellschaft, die Vernetzung wird die Produktionen revolutionieren. Das ist ein Sprung, ähnlich der Dampfmaschine früher. Die Kombination von 5 G, Sensoren und künstlicher Intelligenz wird faszinierende Möglichkeiten schaffen.

Sie sind seit Oktober 2015 in Deutschland. Wo sehen Sie als Manager den größten Unterschied zu Österreich?

Schwierige Frage. Was auffällt, ist die Ernsthaftigkeit, mit der man sich in Deutschland mit Themen auseinandersetzt. Dieser Perfektionismus herrscht nicht nur in der Industrie, sondern überall. Österreich hat mehr „südliche Leichtigkeit“ und Pragmatismus. Ein bisschen davon würde Deutschland nicht schaden. Dieses pragmatische „Lasst uns einfach mal machen“ ist in Österreich deutlich ausgeprägter.

Wo liegt Europa im Ranking der Digital-Standorte?

Auf dem ersten Platz ist sicher Silicon Valley mit seiner unglaublichen Kraft und Reichweite. Dort ist das Kapital, dort sind die besten Unis, die fruchtbarste Erde für Ideen und Unternehmen. Auf Platz zwei kommt China, das unglaublich aufgeholt hat. Der weltweit schnellste Zug fährt in Schanghai und nicht in Deutschland – mit der Technologie von Siemens. Auf Platz drei kommt dann Europa.

Weit abgeschlagen oder sind wir noch vorne dabei?

Wir sind noch mit dabei, aber der Abstand vergrößert sich. Die EU muss Gas geben und beschleunigen, Europa ist die am stärksten industrialisierte Region weltweit. Entweder stemmt die EU die digitale Identität selbst, oder internationale Unternehmen wie Apple oder Google machen ein Geschäft damit. Aber das ist eine europäische Herausforderung und keine Ländersache. Wir brauchen Kompetenzen im Software-Bereich. Elon Musk hat mir bei einem Treffen erzählt, dass seine Kinder den ganzen Tag programmieren.

Sollen jetzt alle Kinder programmieren?

Wer im Hochtechnologie-Bereich mitspielen will, muss programmieren können. Aber können das unsere Lehrer und Schüler? Ich befürchte, viele können das nicht. Die Umstellung des Bildungsbereiches ist ganz wichtig. Wir haben in Österreich und Deutschland eine gute Ausbildung, aber jetzt müssen wir den Sprung zur digitalen Ausbildung schaffen. Ebenso brauchen wir gigabitfähige Hochleistungsinfrastruktur. Deutschland und Österreich haben in vielen Bereichen Aufholbedarf - auch wenn viele Aktionen der Politik dazu in die richtige Richtung gehen. Österreich ist aber im Mobilfunk gut aufgestellt, die Netze sind exzellent. Und wir brauchen Venture-Capital.

Müsste die EU mehr Geld einsetzen?

Europa sollte riesige Töpfe aufstellen, die Ideen sind immer dort, wo das Kapital ist. Die größten Summen sind in den USA und in China verfügbar. Und Israel hat mehr Risikokapital als Deutschland.

Hat die Pandemie die Digitalisierung vorangetrieben?

Ja, sie ist der bisher größte Digitalisierungs-Beschleuniger. Plötzlich kann man mit Handy bezahlen, plötzlich wird digital unterrichtet. Trotzdem werden in den Schulen noch Zettel herumgeschickt. Es gibt zu Recht die Kritik, dass deutsche Behörden noch mit Fax arbeiten. Meine 13-jährige Tochter hat mich gefragt, was ein Fax überhaupt ist.

Wie klappt die Digitalisierung im eigenen Haus?

Wir starteten während der Pandemie quasi einen aus der Not heraus geborenen Feldversuch. Die Mitarbeiter der Call-Center saßen in riesigen Räumen, jetzt sind alle zu Hause, das funktioniert super. Bei Vodafone können die Mitarbeiter schon seit acht Jahren bis zu 50 Prozent von zu Hause arbeiten. Jetzt kommen noch 20 Tage im Jahr dazu, wo man von irgendwo im Ausland arbeiten kann. Insgesamt sind derzeit 80 bis 90 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice, das bewährt sich sehr. Das ist eine riesige Chance auf neues, fluides Arbeiten. Wir sind dabei, das Office-Gebäude umzubauen und haben bald viel mehr Flächen für z.B. gemeinsame Projektarbeit.

Keine fixen Büros mehr?

Nein.

Auch nicht für den Generaldirektor?

Nein. Bei uns werden Sie auch keinen Aktenordner mehr finden. In Deutschland gibt es übrigens längst keinen Generaldirektor mehr. Wir haben flache Hierarchien und sind alle per Du. Ganz wichtig sind eine offene, auch kritische Kommunikation und Vertrauen. Damit kommt man besser durch die Krise, das ist die Basis für kreative Lösungen. Wir sind seit fünf Jahren das am schnellsten wachsende Telekom-Unternehmen in Deutschland und sind heute profitabler als der Ex-Monopolist Deutsche Telekom.

Wie fällt ein Vergleich Telekom Austria – Vodafone aus? Vodafone ist wesentlich größer, die Gruppe ist von der Dimension her 10 Mal größer. Alleine in Deutschland machen wir 12 Milliarden Euro Umsatz. Wir sind in 22 Ländern und im Headquarter in Düsseldorf arbeiten Mitarbeiter aus 70 Nationen. Da kommt eine ganz andere Dynamik hinein, das ist sehr spannend und positiv.

Sie müssten eigentlich für mehr Migration sein.

Das Thema ist wegen Corona etwas eingeschlafen, wird aber wieder groß kommen. Es gibt keine einfachen Antworten, Europa und jedes einzelne Land werden sich etwas überlegen müssen. Europa braucht Zuwanderung, aber das muss vernünftig gesteuert werden.

Eine letzte Frage, zur Politik. Sind deutsche Politiker interessierter an Wirtschaft?

Nicht interessierter, aber die Detailtiefe und Komplexität mit der man in Deutschland konfrontiert wird, ist eindeutig größer. Allein das neue Telekommunikationsgesetz hat über 500 Seiten. Ich hatte Meetings mit Angela Merkel, es war beeindruckend, wie gut sie inhaltlich vorbereitet war und welche Details wir mit ihr diskutiert haben.

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