Wirtschaft 16.05.2018

Euphorie schwindet: Ist der Boom schon wieder vorbei?

© Bild: Getty Images/iStockphoto/lentolo/iStockphoto

Deutschland schwächelt im ersten Quartal – Signale der Abschwächung auch in Österreich.

Der Höhepunkt des Wirtschaftsbooms wurde wohl zu Jahresbeginn 2018 überschritten – die Frühindikatoren schwächen sich von hohem Niveau ausgehend ab: Nur ein kurzer Stimmungsdämpfer oder kündigt sich bereits das Ende der Party an?

Österreich

Auch wenn der Gipfel vermutlich überschritten sei, bleibe das wirtschaftliche Umfeld für Österreich weiterhin sehr günstig, sagte Michael Tawrowsky, der in der Kreditversicherung Coface für Österreich zuständig ist. Der private Konsum sei stark und eine wichtige Säule des Wachstums. „Die Botschaft an die Regierung lautet daher: Die Bürger brauchen mehr netto vom Bruttolohn im Börserl“, sagt Tawrowsky. Das größte Risiko für das Wachstum liegt laut dem Coface-Ökonomen Gregorz Sielewicz folglich in einer Konsum-Abschwächung, etwa durch steigende Zinsen.

„Seit Jahresbeginn 2018 zeigt der Konjunkturtrend deutlich nach unten“, kommentierte am Dienstag Walter Pudschedl, Volkswirt der Bank Austria. Der Konjunkturindikator der Bank signalisiert einen moderaten, aber kontinuierlichen Rückgang im Stimmungsklima. Das Exportumfeld werde schwieriger, die Abschottungspolitik und der Ausstieg der USA aus dem Iran-Atomabkommen werfen einen Schatten auf die Auslandsnachfrage.

Die Zahlen, die die EU-Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg am Dienstag veröffentlichte, weisen für Österreich im ersten Quartal 2018 immer noch relativ starke 0,7 Prozent Zuwachs gegenüber dem Vorquartal aus, deutlich über dem Schnitt von EU und Eurozone (+0,4 Prozent) und besser als Deutschland (+0,3 Prozent).

Osteuropa

Die rot-weiß-rote Wirtschaft profitiere derzeit noch von der robusten Konjunktur in Zentral- und Osteuropa. Vor allem Polen und Rumänien stechen mit hohen Wachstumsraten hervor. Eine Gefahr für die Wirtschaft der Länder Zentral- und Osteuropas sieht Sielewicz im Arbeitskräftemangel. Abwanderung und das Fehlen qualifizierten Personals könnte mittelfristig die Investitionen dämpfen. „Kein Unternehmen wird eine neue Fabrikshalle bauen, wenn es keine Mitarbeiter findet.“ Am größten sei der Arbeitskräftemangel in Tschechien, aber auch Polen suche im Ausland nach Arbeitern. Busweise würden Ukrainer und Weißrussen ins Land geholt. Sogar in Nepal würden polnische Firmen Mitarbeiter anwerben.

Deutschland

Das Fehlen qualifizierter Mitarbeiter beschränkt sich unterdessen nicht nur auf Zentral- und Osteuropa. Laut Sielewicz befürchten auch deutsche Unternehmen mangels geeigneter Mitarbeiter die Expansion bremsen zu müssen.

Bei Österreichs Nachbarn hatten die jüngsten Wirtschaftsdaten eher für lange Gesichter gesorgt – das Quartalswachstum betrug zum Jahresauftakt „nur“ 0,3 Prozent verglichen mit dem Vorquartal. Damit war der Zuwachs etwas hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Ökonomen waren rasch mit Erklärungen zur Hand: Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie, gehäufte Feiertage, kühles März-Wetter und viele Krankenstandstage aufgrund einer Grippe-Welle wären Hinweise, dass es sich nur um ein vorübergehendes Schwächeln gehandelt hat.

„Im zweiten Quartal dürfte es zwar wieder etwas aufwärtsgehen“, sagte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. „Aber die Boomphase scheint definitiv vorbei.“ Was nach 15 Wachstums-Quartalen in Folge freilich nicht unerwartet käme – es ist schon jetzt die längste Aufschwungsphase seit 1991. Fürs Gesamtjahr erwartet die Bundesregierung in Berlin 2,3 Prozent Plus.

Zur jüngsten Abschwächung trug auch bei, dass die Konsumausgaben des Staates – etwa für Sozialleistungen oder Beamtengehälter – zuletzt gesunken waren. Der im betreffenden Zeitraum starke Euro-Kurs hatte obendrein den Außenhandel gedämpft – von den Exporten kam aktuell kein Wachstumsbeitrag mehr. Auf der Haben-Seite verbuchen kann die deutsche Wirtschaft hingegen den Bauboom, die prall gefüllten Auftragsbücher, steigende Beschäftigungszahlen und endlich auch Reallohnzuwächse. Das spricht für einen anhaltend kräftigen Privatkonsum.

USA

Auf internationaler Ebene sind für den Coface-Ökonomen die USA die größte Gefahr für das Wachstum. Protektionismus sei die eine Sache, die andere sei der Zick-Zack-Kurs von Präsident Donald Trump. „Alle Unternehmen in Europa durchleuchten derzeit ihre US-Geschäfte und wägen ab, was sie in den Sanktions-Ländern weiter machen werden“, erklärt Sielewicz.

( kurier.at ) Erstellt am 16.05.2018