Dunkle Wolken über der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main

© APA/dpa/Arne Dedert

Finanzindustrie
02/13/2016

Es donnert über Europas Banken

Die Deutsche Bank ist kein Einzelfall – die Anleger beäugen alle europäischen Institute skeptisch.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Wenn Bankchefs Pleitesorgen dementieren müssen, schrillen die Alarmglocken. Erst versicherte Deutsche-Bank-CEO John Cryan nach dem Megaverlust von 6,8 Milliarden Euro, die Bank sei „grundsolide“ und komme selbstverständlich all ihren Verpflichtungen nach. Zuvor hatte es Gerüchte gegeben, die Bank könnte (recht hohe) Zinsen auf Wandelanleihen (sogenannte "Coco-Bonds", siehe unten) schuldig bleiben. Um letzte Zweifel zu zerstreuen hob Finanzchef Marcus Schenck am Freitag die Barreserven von 215 Milliarden Euro hervor und kündigte an, um 4,8 Milliarden Euro Altschulden zurückzukaufen. „Eine Beruhigungspille für Gläubiger“, kommentierten Händler.

Warum ist die Deutsche Bank so sehr unter Beschuss?

Sie ist kein Einzelfall. Zwar hat die Aktie seit Anfang 2015 fast die Hälfte ihres Wertes verloren – die Deutsche Bank ist an der Börse nur noch 20 Milliarden Euro wert. Die Kursverluste von Konkurrenten wie Credit Suisse, Santander UniCredit oder Barclays bewegen sich aber in ähnlicher Dimension (siehe Grafik). Das Misstrauen der Anleger betrifft also alle europäischen Finanzwerte.

Warum verkaufen die Anleger ihre Bankaktien?

Traditionelle Großbanken sind in einer ungemütlichen Lage: Sorgen über die globale Konjunktur, EU-Krise, Regulierungskosten, neue Konkurrenten aus der IT-Welt – all das lässt Zweifel aufkeimen, wie sie künftig Geld verdienen. Und es nährt Zweifel, ob alle Institute auf Dauer überleben können; umso mehr, als die EZB noch sehr lange an Null- und Negativzinsen festhalten wird. Für Aktionäre sind Bankpapiere also wenig attraktiv.

Warum sind die Skandale noch nicht abgehakt?

Es stimmt: Viele Probleme sind hausgemacht. Die "Deutschbanker" waren in der Vergangenheit bei fast allen Branchenskandalen mittendrin statt nur dabei. Die Liste der Vorwürfe reicht von Beratungsfehlern über die Manipulationen bei Zinssätzen, Währungskursen oder Goldmärkten bis zu Geldwäsche-Verdacht in Russland. Die Prozessrisiken und Geldbußen sind enorm. Seit 2012 sind 12,7 Milliarden Euro aufgelaufen.

Warum ist die Deutsche Bank so wichtig?

Die Bank galt als Deutschlands Visitenkarte: Das 1870 gegründete Institut wurde groß, indem es deutsche Konzerne bei ihren Exporterfolgen in der ganzen Welt begleitete. Von diesem Geschäftsmodell hat sich die Bank weit entfernt, weil sie mit den großen Investmenthäusern mitspielen wollte. Sie zählt zu 34 Großbanken, die weltweit als systemrelevant gelten und einer verschärften Aufsicht unterliegen.

Was soll ihr künftiges Geschäftsmodell sein?

An dieser Frage ist schon der alte Vorstand gescheitert: Co-Chef Anshu Jain musste Mitte 2015 gehen, Jürgen Fitschen darf nur bis Mai 2016 bleiben. Doch auch Neo-Chef John Cryan blieb Antworten schuldig. Ja, die Deutsche Bank steigt aus zehn Märkten aus, verkauft ihre China-Tochter. Sie fährt einen strikten Sparkurs. Aber welche Perspektiven bietet sie Kunden und Investoren? Das sei nicht geklärt, kritisiert Finanzprofessor Hans-Peter Burghof. Er sieht Chancen für eine Rückbesinnung: Konzerne sollten Banking "Made in Germany" stärker vertrauen können als angelsächsischen Investmenthäusern: "Dort muss man höllisch acht geben. Die maximieren ihre Quartalsgewinne auch auf Kosten der Kunden."

"Ein noch gefährlicheres Bankensystem"

Hans-Peter Burghof gilt als einer von Deutschlands renommiertesten Bankenexperten. Die Regulierung habe unerwünschte Nebeneffekte, erklärt der Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzwissenschaften an der Universität Hohenheim im KURIER-Gespräch.

KURIER: Warum werden die Banken derzeit so abgestraft?
Hans-Peter Burghof: Wir haben die Banken sicherer gemacht, aber ihre Ertragsmöglichkeiten massiv beschnitten und ein Regulierungssystem erzeugt, das gewaltige Lasten produziert. Dazu ist jetzt klar, dass die Europäische Zentralbank bei den Niedrigzinsen verharrt, was für die Banken dauerhaft niedrige Erträge bedeutet.

Gefährden die aktuellen Kursverluste an den Börsen die Geschäftsfähigkeit der Banken?
Zunächst gibt es da keine Rückwirkung, aber die Aktienkurse nehmen ein längerfristig tiefes Tal für die Banken vorweg. Je länger die Niedrigzinsphase andauert, umso gefährlicher wird Schock sein, wenn die EZB die Zinsen in vier, fünf Jahren erhöht. Das wird viele Banken ins Schwimmen bringen. Die Vermutung liegt nahe, dass es die eine oder andere dann vielleicht nicht schafft.

Als Hüterin der Geldpolitik will die EZB, dass die Banken mehr Kredite vergeben, also Risiken eingehen. Als Aufseherin will sie, dass sie weniger Risiko nehmen. Wie passt das zusammen?
Gar nicht, diesen Interessenkonflikt kriegen Sie nicht gelöst. Deshalb war es ein Fehler, die Bankenaufsicht bei der EZB anzusiedeln. Das sollte jetzt, wo die Aufsicht halbwegs steht, aus der EZB rausgelöst werden. Es sind jetzt schon viele Entscheidungen der Aufsicht eher politisch als sachlich motiviert.

Die Banken sind in einer Zwickmühle: Die Öffentlichkeit und Kunden nehmen ihnen Jobabbau und Filialschließungen übel. Investoren erwarten aber weiterhin 10 bis 12 Prozent Eigenkapitalrendite. Was ist realistisch?
Weniger. Es gibt ja nur zwei Wege, wie höhere Gewinne möglich wären. Indem der Wettbewerb beschränkt würde, was wir in Deutschland und Österreich aber nicht wollen, zumal die Kunden die Kosten tragen würden. Oder indem wir durch maßvollere Regulierung dem Geschäftsmodell der Banken mehr Spielraum lassen.

Warum nicht Auslese durch den Markt? Die guten Banken überleben, die schlechten sperren zu oder werden übernommen?
Das Problem ist: Diese Konsolidierung würde nicht betriebswirtschaftlich, sondern durch die Kosten der Regulierung erzwungen. Das läuft schon. Wir zerstören die kleineren Institute, die uns gar keine Sorgen gemacht haben und schaffen ein noch gefährlicheres Bankensystem. Das kann es ja auch nicht sein. In Deutschland denken viele Sparkassen und Volksbanken über Fusionen nach. Was ein Blödsinn ist, denn sie haben ihre optimale Größe in der lokalen Verankerung.

Muss man sich Sorgen um die Deutsche Bank machen?
Ich glaube nicht, dass sie Zahlungsprobleme hat. Allerdings zeigt sich jetzt, wie zweischneidig Coco-Bonds sind (Zwangswandelanleihen, siehe Glossar unten). Die Idee war, dass Anleger bei Schwierigkeiten auf Zinszahlungen verzichten oder Verluste mittragen müssen. Jetzt kommt man drauf, dass die Papiere zur Beunruhigung der Kapitalmärkte beitragen.Verschärft wird das durch die hohe Verzinsung: Wenn Aktionäre keine Dividende kriegen, warum sollen Coco-Anleger sechs Prozent erhalten?

Also noch ein unerwünschter Nebeneffekt der Regulierung?
Genau. Ich habe diese Vermengung von Eigen- und Fremdkapital schon immer für problematisch erachtet.

Warum wird die Deutsche Bank derzeit so kritisch beäugt?
Das hat, fürchte ich, zwei Gründe. Erstens konnte sie ihre Identität bisher nicht hinreichend erklären: Soll die Deutsche Bank eine internationale Investmentbank sein oder ein deutscher Unternehmensfinanzierer? Zudem sind die Altlasten und Prozessrisiken immer noch erheblich. Das US-Rechtssystem ist wie Wild West auf modern.

Halten Sie die Strafen wegen der Skandale für willkürlich?
Nein, ich will damit nicht sagen, dass die Deutsche Bank zu Unrecht bestraft würde. Aber die Kosten der Strafen sind nicht kalkulierbar. Und US-Großbanken können in ihrer Wettbewerbsituation hohe Gewinnen erzielen und somit Strafen leichter verkraften.

Was sollte die Deutsche Bank Ihrer Meinung nach sein?

Das ist nicht so einfach. Hätte ich die Lösung, würde ich mich bewerben. Ich glaube, das spezifisch deutsche Profil könnte in der Unternehmensfinanzierung liegen – verbunden mit globalem Know-how und Kapitalmarktkompetenz. Die Unternehmen müssten Banking „Made in Germany“ anders vertrauen können als angelsächsischen Investmentbanken. Bei denen müssen Sie höllisch acht geben, die maximieren ihre Quartalsgewinne auch auf Kosten der Kunden. Das war bei Goldman Sachs auch einmal anders, seit dem Börsegang ist das so.

Auch die Deutsche Bank ist börsenotiert. Reicht der biedere Fokus darauf, die deutschen Konzerne zu finanzieren, als Börsestory für Investoren?

Es wäre zumindest glaubwürdig. Ich hielte es für sehr gefährlich, für kurzfristige Gewinne das Investmentbanking-Geschäft wieder hochzufahren. Man hat gesehen: Viele der Gewinne im Investmentbanking sind nur periodische Verschiebungen. Tatsächlich bleibt kein Gewinn übrig, wenn man die Rechtsrisiken einrechnet.

Coco, das klingt nach Chanel, Pazifikinsel oder Kokosnüssen. In der Finanzwelt ist damit allerdings „Contingent Convertible“ gemeint: Coco-Bonds sind also Anleihen, die in Notsituationen zwangsweise in Aktien gewandelt werden können. Damit wird die Bank Schulden los und erhält neues Eigenkapital, der Geldgeber bleibt auf den Verlusten sitzen.

Modern geworden sind die Papiere nach der Finanzkrise, weil anstelle der Steuerzahler künftig die Geldgeber die Verluste maroder Banken schultern sollen. Da passen Cocos gut ins Konzept: Bei Pleitegefahr kann die Aufsicht verfügen, dass die Zinsz-Zahlungen (üblicherweise 6 bis 7 Prozent) gestrichen oder die Papiere in Aktien gewandelt werden. Ja, die Zinsen dürfen sogar nur dann gezahlt werden, wenn ausreichende operative Gewinne verfügbar sind.

Achtung, Brandbeschleuniger

Das klingt in der Theorie logisch und vernünftig, erweist sich in der Praxis aber als schwierig: Einer Bank, die die Zinsen auf Cocos nicht bedient, würden die Sparer und Investoren sofort das Vertrauen entziehen. Womit die Pleite erst recht unausweichlich würde. Weshalb sich die Deutsche Bank sehr beeilte darauf hinzuweisen, dass sie ohne Probleme die 350 Millionen Euro Zinsen zahlen könne, die nächstes Jahr für ihre Cocos fällig werden.

Womit sich allerdings das Prinzip der Cocos ad absurdum führt, wie auch Finanzprofessor Burghof hinweist. Cocos gelten als Risikopapiere und werfen relativ hohe Zinsen ab. Warum müssen also Aktionäre der Deutsche Bank auf eine Dividende verzichten, während die Risikoanleger weiter ausbezahlt werden?

"Coco-bella" in Verruf

Damit steht das Instrument Coco-Bond aber generell zur Debatte. Tragen die Papiere zu mehr Sicherheit bei? Oder wirken sie als Brandbeschleuniger? Es geht um keine Kleinigkeit: Laut "Economist" wurden seit 2013 rund 91 Milliarden Euro an Cocos begeben.

Coco-Papiere gehören zur Kategorie der Wandelschuldverschreibungen, die auch in Österreich keine Seltenheit sind. Im Jahr 2015 zum Beispiel wurden bei der Kontrollbank (OeKB) von österreichischen Banken Wertpapiernummern für 48 Wandelschuldverschreibungen im Volumen von 806,6 Millionen Euro beantragt. Das heißt aber noch nicht, dass dieses Volumen am Ende auch platziert und verkauft wurde. Laut Kontrollbank wird obendrein der Großteil der Papiere von heimischen Wohnbaubanken begeben - und diese wandeln nicht in Aktien, sondern auf Partizipationsscheine.

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