Patentamts-Chef: „Künstliche Intelligenz ist per se nicht intelligent“
Wer hat’s erfunden? Der KURIER blickt in einer Sommerserie zurück auf geniale, historische Erfindungen, speziell Gegenstände, die nicht unbedingt immer mit Österreich verbunden werden: Der FI-Schutzschalter, die Postkarte, der Würfelzucker, die wasserfeste Wimperntusche, die Zahncreme in der Tube und andere.
Den Auftakt macht ein Interview mit Patentamts-Präsident Stefan Harasek über die Entwicklung der Patentanmeldungen, die Zukunft von Erfindungen im KI-Zeitalter und Rahmenbedingungen, die es braucht, damit Österreich ein Land der Innovationen bleibt.
KURIER: Vom FI-Schutzschalter über die Kaplan-Turbine bis zur wasserfesten Wimperntusche. Österreich hat eine beeindruckende Historie als Erfinderland. Welche historische Erfindung beeindruckt Sie persönlich am meisten?
Stefan Harasek: Ich tu mir schwer, da ein konkretes Beispiel zu nennen. Für mich sind jene Erfindungen am beeindruckendsten, die eine Technologie für etwas anderes nutzen als dafür, womit man sie eigentlich in Verbindung bringt. Verblüffend finde ich die Elektromobilität, die ja schon vor dem Verbrenner um die Jahrhundertwende großes Thema war. So war der erste Porsche elektrisch und auch die Post hatte früher Zustellwagen mit Elektroantrieb. Heute hat sie wieder welche, so schließt sich ein Kreis.
Wenn Sie die Patentanmeldungen der letzten 20 Jahre betrachten, wie haben sich die Erfindungen verändert?
Die Einzelerfindung ist weniger geworden, die Technologie komplexer. Es dominiert das Zusammenspiel aus verschiedenen Fachrichtungen, oft über Grenzen hinweg, während es früher oft isolierte Bereiche waren. Österreich war und ist als Erfinderland vor allem im Spezialmaschinenbau besonders stark. Ein großer Trend derzeit sind natürlich Erfindungen rund um das Thema künstliche Intelligenz.
Anlaufstelle für Erfindungen
Das Österreichische Patentamt ist die zentrale Anlaufstelle für den Schutz geistigen Eigentums in Österreich. Es registriert Patente, Marken und Designs und begleitet Erfinder/innen von der Idee bis zur internationalen Absicherung ihrer Schutzrechte. Es werden 244 Mitarbeitende beschäftigt.
Stefan Harasek ist seit 2023 Präsident. Er begann 2004 als Patentprüfer, baute später die Stabstelle Strategie auf und prägte ab 2016 die strategische Ausrichtung des Amts maßgeblich mit. 2022 wurde er zum Vizepräsidenten bestellt.
2.272 Erfindungen (Patente, Gebrauchsmuster)
wurden 2025 angemeldet (+4,4 Prozent). Insgesamt sind 135.131 Erfindungen beim Patentamt geschützt, 10.210 Erfindungen meldeten Österreicher/innen weltweit an. 124.177 europäische Patente sind in Österreich gültig.
Kommen viele KI-Anmeldungen?
Ja, das ist natürlich ein großes Thema, weil es für immer mehr Anwendungen genutzt wird, etwa KI-basierte Simulationen für diverse Industrieanwendungen. Da sprechen wir von der physischen Next-Level-KI, die die Wirtschaft verändern wird.
Wie entwickeln sich die Patentanmeldungen?
Bei den Erfindungen liegt die Zeit der Rezession hinter uns, was uns sehr freut. Wir hatten schon 2025 ein Plus von 4,4 Prozent bei den Patentanmeldungen und heuer im ersten Halbjahr kommen wir sogar auf eine Steigerung von 10 Prozent. Das ist wirklich toll, weil es zeigt, dass wieder mehr an Innovationswillen und Vertrauen in die Zukunft da ist.
Wie steht Österreich da im europäischen Vergleich da?
Da liegen wir ganz gut, aber es gibt auch in den anderen Ländern ein Plus. Ich glaube, dass da nicht nur die Konjunktur eine Rolle spielt, sondern auch der Einsatz von KI-Tools, die das Verfassen der Unterlagen für eine Patentanmeldung erleichtern. Auch wir als Patentamt werden über unsere IP Academy Schulungen anbieten, wie man KI-Tools für die Vorbereitung einer Patentanmeldung einsetzen kann, etwa zur Recherche.
KI erleichtert nicht nur die Anmeldung, Algorithmen entwickeln selbst neue Materialien oder Designs. Wie gehen Sie mit KI-generierten Erfindungen um?
Mit letzter Gewissheit kann niemand herausfinden, ob eine Erfindung von einer natürlichen Person gemacht wurde oder KI-generiert ist. Die Rechtsprechung sagt aber: Als Erfinder kann nur eine natürliche Person gelten. Ich finde die Erwartungshaltung KI gegenüber aber mitunter zu hoch. KI ist per se nicht intelligent, sondern hat das schon vorhandene Wissen jederzeit parat. Sie kann Wissen aufnehmen und abspeichern, aber nicht wirklich kreativ sein und in erfinderischer Weise Neues schöpfen.
Start-ups gelten als Innovatoren in der Wirtschaft. Spiegelt sich das auch bei den Patentanmeldungen wider?
Statistisch noch nicht, da dominieren innovative Industriebetriebe wie AVL List oder Blum, unsere beiden Top-Anmelder im Jahr 2025. Es gibt aber mehr Anmeldungen von Start-ups und Spin-offs. Das ist schön, weil sie oftmals die Träger von wirklichen Innovationssprüngen sind, während die Industriebetriebe ihre große Stärke darin haben, Bestehendes weiterzuentwickeln.
Viele Start-ups scheitern in Österreich daran, ihre Idee auch erfolgreich in den Markt zu bringen und Wachstumsfinanzierung aufzustellen. Woran liegt das?
Was Patente anbelangt, gibt es leider Hürden. So sehen die nationalen Bilanzierungsregeln ein Aktivierungsverbot von selbst geschaffenen IPRs (Intellectual Property Rights) in der Bilanz vor. Das heißt, ein Spin-off, das rund um eine neue Technologie gegründet wurde und das Patent selbst nutzt, kann dies in der Bilanz nicht darstellen und hat daher kaum einen Wert für Investoren. Das soll sich jetzt mit der Umsetzung der Industriestrategie ändern.
Patente sollen auch als Sicherheit für Kredite herangezogen werden…
Ja, das ist auch auf EU-Ebene ein Thema und könnte die Wachstumsfinanzierung von Start-ups erleichtern. Im Gegensatz zu Immobilien oder Autos sind Patente schwierig zu bewerten. Banken sind daher sehr zurückhaltend, sie als Sicherheit für Kredite zu nehmen. Das wurde nun erkannt und in der Industriestrategie sind dafür Maßnahmen vorgesehen.
Österreich gibt im EU-Vergleich relativ viel für Forschung und Entwicklung aus. Trotzdem bleiben wir in Innovationsrankings weit hinter Ländern wie der Schweiz oder Schweden zurück. Was muss verbessert werden?
Die Schweiz hat mehr global agierende Konzerne mit Sitz in der Schweiz, daher gibt es dort auch mehr Patentanmeldungen. Die skandinavischen Länder haben früher mit einer engeren Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft begonnen. Wir sind da auf einem guten Weg, besonders bei der Vernetzung technischer Unis mit der Industrie, aber zeitlich noch hinter diesen Ländern. Auch hier erwarte ich mir von der Industriestrategie, dass der Fokus auf ausgewählte Schlüsselindustrien eine weitere Verbesserung bringt.
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