Einkaufszent­ren haben die Orte „ausgesaugt“

Einkaufszentrum (1)
Foto: Reibenwein Symbolbild

Politik müsste sich bemühen, Geschäfte wieder in Orte hineinzuziehen, fordert Handelsverbands-Chef Mayer-Heinisch.

Die Politik müsse einen „Plan, Herz und langfristiges Denken“ haben, um wieder Geschäfte in die Ortszentren zu locken, sagt Handelsverbands-Chef Stephan Mayer-Heinisch. Dazu gehöre auch, keine weiteren, großen Verkaufsflächen mehr vor den Toren der Gemeinden zu genehmigen. Der Experte scheint Konflikte nicht zu scheuen: „Der größte strukturelle Fehler ist, dass die Bürgermeister für Raumordnungsfragen zuständig sind. Viele sind vom Traktor direkt in den Bürgermeistersessel gerückt.“ Und gerade auf dieser politischen Ebene würden so langfristige Entscheidungen fallen, kritisiert er im KURIER-Gespräch.

Die Einkaufs-Konglomaterate vor den Toren vieler Städte hätten „wirklich hässliche Vororte“ erzeugt, die Städte „ausgesaugt“ und „kaputt“ gemacht. Dieser Trend müsse umgedreht werden. Als gelungenes Beispiel dafür lobt Mayer-Heinisch die steirische Stadt Leoben. Dort wurde ein leer stehendes Kloster am Hauptplatz in ein Einkaufszentrum umgewandelt. Gut findet er auch die Einkaufszentren in Wien-Mitte und am Westbahnhof („es hat der Mariahilfer Straße einen Kopf gegeben“).

Vertane Chance

Auch die Entwicklung des zweiten Wiener Bezirks sei gelungen, genauso wie die Schaffung des neuen (öffentlich gut angebundenen) Stadtteils nahe der Donauinsel. „Todsünden“ (trostlose Ansiedelungen auf der grünen Wiese) seien hingegen zum Beispiel im steirischen Liezen zu besichtigen. Innerhalb Wiens lasse man Favoriten „verkommen“, obwohl es stadtnah liege. Der neue Hauptbahnhof sei städtebaulich überhaupt nicht genutzt worden. Er hätte sich zur Favoritenstraße hin öffnen müssen – auch rundherum hätte man kreativer bauen können. „Jetzt schwimmt er hingegen wie eine Insel mitten zwischen den Bezirken – eine vertane Chance.“

Sorgen macht sich Mayer-Heinisch auch um das rot-grüne Vorzeigeprojekt, die Wiener Mariahilfer Straße. Autos sollen dort zunehmend verschwinden. Doch zumindest wichtige Querungen müssten erhalten bleiben, wünscht sich der Handelsexperte. Ansonsten könnte ein Teil der Kunden ganz ausbleiben – was für einige Geschäfte durchaus den Todesstoß bedeuten könnte. (Ein KURIER-Stadtgespräch zu diesem Thema findet am 13. Juni im Plutzer Bräu am Spittelberg ab 18 Uhr statt.)

Schlafstädte

Gut an den grünen Vorschlägen findet der Handels-Fachmann die „Verdichtung“. Reine Schlafstädte oder reine Büro-Ansiedelungen seien problematisch, das ließe sich in internationalen Großstädten wie Paris gut studieren.

Damit es sich für das Gemeindebudget nicht mehr lohnt, große Einkaufszentren anzuziehen, müsste es zwischen den Kommunen mehr Steuerausgleich geben. Österreich habe neun Raumordnungen, dadurch funktioniere auch der öffentliche Verkehr nicht bundesländerübergreifend.Wenn, was anzunehmen sei, der städtische Autoverkehr weiter eingeschränkt werde, müsse es auch mehr Park-and-ride-Anlagen geben, wo Pendler „andocken“ können.

Und noch ein prinzipielles Anliegen hat Mayer-Heinisch: Ihn stört das schlechte, mediale Bild des Handels: „Er wird auf die Billa-Verkäuferin reduziert. Dabei ist der Handel der zweitgrößte Arbeitgeber des Landes.“

(kurier) Erstellt am
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