Wirtschaft
08.06.2018

Ein wirklich runder Geburtstag

Ohne Raiffeisen würde Österreich schlechter dastehen, sagen Vertreter aus Wirtschaft und Politik.

Im Auditorium in Grafenegg fand gestern, Freitag, der Raiffeisentag des Österreichischen Raiffeisenverbandes statt. Hunderte Spitzenvertreter aller Sparten und Bundesländer sind der Einladung von Generalanwalt Walter Rothensteiner gefolgt, den 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu feiern. „Raiffeisen nimmt in der Republik einen wichtigen Platz ein“, sagt der Obmann der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien, Erwin Hameseder. Man sei ein verlässlicher Partner für die Privatwirtschaft und die öffentliche Hand sowie ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor. Sein Wunsch an die Politik: Sie solle mehr Vertrauen in die Menschen und ihr Verantwortungsbewusstsein haben.

Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner verwies darauf, dass Niederösterreich die Wiege von Raiffeisen in Österreich sei. 1886 wurde die erste Raiffeisen-Kasse in Mühldorf im Bezirk Krems-Land eröffnet – wie es der Zufall will, der Geburts- und Wohnort von Hameseder. Raiffeisen und Niederösterreich verbinde seit Jahren eine enge Partnerschaft. „Wir haben schon viel erreicht, aber wie haben noch viel vor“, sagt Mikl-Leitner. Zum Beispiel seien in Grafenegg der Wolkenturm und das Auditorium entstanden oder in Klosterneuburg mit dem AST eine international akzeptierte Forschungseinrichtung, was ohne Raiffeisen nicht möglich gewesen wäre.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann verwies auf die Bedeutung der Grundsätze von Raiffeisen, wie Solidarität und „das für andere Eintreten“. Wichtig sei es, eine Gemeinschaft zu schaffen, die Grundform einer solchen Gemeinschaft sei die Familie, und das habe sich Raiffeisen zum Prinzip gemacht.

Ein wichtiger Moment

Damit Unternehmen in Österreich wirtschaften könnten, müsse aber auch die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz. Er habe Angst, dass andere Regionen Österreich überholen würden. „Wir befinden uns in einem starken Umbruch, der Wohlstand in Österreich ist nicht gottgegeben.“ Er will den Standort wettbewerbsfähig halten.

Bundespräsident Alexander van der Bellen betonte, dass es Österreich im Gegensatz zu anderen Staaten geschafft habe, die Entleerung des ländlichen Raums zu verhindern. Raiffeisen sei dabei ein wichtiger Moment gewesen. Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner meldete sich zum Schluss des Raiffeisen-Tages nochmals zu Wort. Er wurde am Donnerstag erneut zum Generalanwalt für vier Jahre gewählt, als solcher habe er noch viel vor. Raiffeisen sei eine bekannte Marke, doch habe man noch nicht die Imageführung. Dafür wolle er Ressourcen aufbringen. Auch in den Bereichen Revision und künstliche Intelligenz gebe es noch viele Möglichkeiten.

Sprachkurs  für die Raiffeisen-Familie

Schon vor dem eigentlichen Raiffeisentag traf sich die „Raiffeisen-Familie“ am Donnerstag in Grafenegg zum  Get-together samt Konzert im Wolkenturm. Man lauschte Klängen von Schubert bis Glenn Miller und genoss die Küche von Toni Mörwald.

Auch am Freitag  beim Raiffeisen-Fest im Schloss Grafenegg gab’s prominente Gesichter – und unerwartete Einsichten.  Bundespräsident Alexander Van der Bellen erfreute mit kurzem Sprachkurs in Kauntalerisch (der Sprache seiner Tiroler Heimatgemeinde)  und erheiterte mit der Begrüßung der „Genossinnen und Genossen“ im Saal – eine Idee, die er sich erklärtermaßen von Philosoph Konrad Paul Liessmann geliehen hatte.

Apropos Genossen:  Karl Marx, im selben Jahr wie der gefeierte Sozialreformer Raiffeisen geboren, wurde an diesem Tag mehrmals erwähnt. Erstmals überraschenderweise von Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und seit Donnerstag gewählter Stellvertreter von Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner. Allerdings, so Hameseder, habe  sich Genossenschafts-Erfinder  Raiffeisen im Vergleich zu Marx „eher als Praktiker“ herausgestellt. 

Nebst  Staatsspitze (Bundespräsident Van der Bellen, Kanzler Sebastian Kurz und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka), derzeitigen und ehemaligen Regierungsmitgliedern (Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger,   Ex-Finanzminister Josef Pröll, jetzt LLI-Chef) wurden Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny, Raiffeisen-General-Anwalt a. D. Christian Konrad und Caritas-Präsident Michael Landau gesehen. Raiffeisen sei zwar „ein Verein und nicht die  Caritas“, ließ Generalanwalt Rothensteiner in seiner  Begrüßungsrede wissen, aber „uns verbindet viel mit der Caritas“.

Geheimnisse über Werbe-Drehs verriet Markenbotschafter Hermann Maier: Die  rosa Werbespot-Häuschen  kämen mittlerweile im Kindergarten seiner Töchter zum Einsatz.