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Wirtschaft
03/23/2021

Eigene Impfstoffproduktion käme zu spät

Österreich würde gerne selbst Impfstoff produzieren. Das würde sich vom zeitlichen Aspekt gar nicht lohnen, so der Präsident des Verbands der pharmazeutischen Industrie.

In Österreich wird viel über den Aufbau einer Impfstoffproduktion diskutiert. Das käme aber für die aktuelle Pandemie jedenfalls zu spät, sagt Philipp von Lattorff, Präsident des Verbands der pharmazeutischen Industrie Österreichs (Pharmig).

Natürlich könnten Unternehmen bestehende Anlagen rascher ausbauen uns so zusätzliche Produktionskapazitäten schaffen. Lattorff verweist auf Novartis, wo schon im zweiten Quartal 2021 mit der Produktion von mRNA-Impfstoffen am Standort Kundl/Tirol begonnen wird. Ein neues Impfstoff-Werk auf die grüne Wiese zu stellen, würde aber wohl fünf bis sechs Jahre brauchen. So habe Boehringer Ingelheim mit dem Neubau einer biopharmazeutischen Produktionsanlage 2016 begonnen, die Produktion für den Weltmarkt starte erst heuer gegen Ende des Jahres, also fünf Jahre später. 

Von Lattorff erinnert daran, dass beispielsweise der Impfstoff von Pfizer letztlich 290 Komponenten braucht, bis er beim Patienten verimpft wird. "Man kann sowieso nicht alles in Österreich herstellen", so von Lattorff, Generaldirektor von Boehringer Ingelheim RCV. "Wenn, ist es eine europäische Sache" einen Impfstoff zu erzeugen. Es gäbe aber heimische Unternehmen wie die Firma Polymun aus Niederösterreich, die in der europäischen Impfstoff-Produktion eine zentrale Rolle spielen können.  

Man sollte jedenfalls schauen, möglichst viel in Europa herzustellen. Um schnell zu einem Ergebnis zu kommen, sollte man vorrangig die Werke ausbauen, wo bereits Impfstoff hergestellt wird.

Wenn Österreich auf dem Sektor mitspielen will, würde von Lattorff empfehlen, die Forschung in diese Richtung auszubauen. "Das wäre meiner Meinung nach das attraktivste und realistischste was wir machen können". Das wäre aber dann schon eine Vorbereitung für künftige Pandemien und keine kurzfristige Lösung. Wobei Österreich schon jetzt sehr effizient und großzügig Forschung fördere, wie von Lattorff unterstreicht. Das ermögliche ihm, immer wieder große Forschungsprojekte innerhalb des Boehringer-Ingelheim-Konzerns nach Wien zu lotsen.

Für erfolgreiche Forschung ist es entscheidend, die besten Köpfe nach Wien zu lotsen. Da gehe es weniger um die Gage für die Forscher als um die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit. So habe Boehringer Ingelheim die später preisgekrönte Forscherin Elly Tanaka nur deshalb an das IMP in Wien holen können, weil ihr Wunsch nach einem Aquarium für 2000 Axolotl (mexikanische Lurche) mit jeweils getrennten Zellen für jedes Exemplar - und noch ein paar andere Bedingungen - erfüllt wurde, erzählt von Lattorff.

In der Regel sei Wien mehr für die "Rising Stars" interessant, die wirklich großen Namen würden sich schwer nach Wien locken lassen. Auch die französische Forscherin Emmanuelle Charpentier , die später für die Erfindung der Gen-Schere den Nobelpreis erhalten sollte, war als "Rising Star" in Wien bei den Max F. Perutz Laboratories (MFPL) beschäftigt. Heute würde sie wohl nicht mehr nach Wien kommen, so von Lattorff.

Boehringer Ingelheim selber forscht nicht an Impfstoffen, hat aber eine Antikörper-Behandlung gegen Corona in der Pipeline. Trotzdem sei sein Unternehmen von den russischen Herstellern des Corona-Vakzins Sputnik V angesprochen worden, ob sie dieses herstellen könnten.

Sie hätten sich genau informiert, was Boehringer Ingelheim in Wien anbieten könnte, dann aber eingesehen, "wir können es nicht". Für Boehringer ist die Produktion von Sputnik V kein Thema, da Impfstoffe nicht zum Produktportfolio des Unternehmens gehöre. Die Vertreter von Sputnik V seien auch nach Italien, Frankreich, Deutschland gefahren und hätten überall versucht, eine Produktion in Gang zu bringen.

Hinweis: Artikel wurde am 23.3. um 17 Uhr aktualisiert

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