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Politik Inland
03/04/2021

Wie realistisch eine Impfstoff-Fabrik in Österreich ist

Mit Dänemark und Israel wälzt der Kanzler Pläne für Impf- und Forschungszentren. Kann das klappen?

von Christian Böhmer

Müsste Sebastian Kurz in einem Satz erklären, warum er heute, Donnerstag, nach Tel Aviv fliegt, es wäre vermutlich dieser: „Wir müssen uns auf weitere Mutationen vorbereiten und sollten bei der Produktion von Impfungen der zweiten Generation nicht nur von der EU abhängig sein.“

Gemeinsam mit den Amtskollegen Mette Frederiksen (Dänemark) und Benjamin Netanjahu (Israel) will der Österreicher beraten, wie man bei Impfstoffen und Therapien enger kooperieren kann. „Autarkie“ ist ein Schlüsselbegriff.

Die EU-Kommission sagt, sie wolle von der Kooperation Österreich-Dänemark-Israel „lernen“. Aber: Ist das Unterfangen überhaupt realistisch? Kann man eine eigene Impf- und Forschungsstruktur zu Corona in Österreich und/oder Dänemark aufbauen?

"Können Produktionszeit halbieren"

Wer eine Ahnung bekommen will, wie kompliziert die Produktion von High-Tech-Impfstoffen ist, der muss mit Renée Gallo-Daniel sprechen. Die Pfizer-Managerin ist Präsidentin im Verband der Impfstoffhersteller und dafür verantwortlich, die Programme der europäischen Impf-Industrie zu koordinieren.

Was die Produktion des eigenen Impfstoffes angeht, hat man einiges geschafft, sagt sie: „Wir konnten die Produktionszeit von 120 auf rund 60 Tage für eine Charge halbieren.“

Zwei Monate? Für Laien klingt das immer noch lange. Aber dazu muss man wissen, wie viel in einer Impfung steckt: Allein im Pfizer/Biontech-Präparat finden sich 280 Inhaltsstoffe. Und nicht alle sind so leicht zu haben wie Zucker und Salz (ja, auch sie kommen in die Impfung). Für die „Chromatografie“ zum Beispiel sind spezielle Harze nötig, um den mRNA-Wirkstoff zu reinigen. Und die Harze sind ein knappes Gut.

Rohstoffe
Zucker, Salz, Fette oder Harze: Für Impfstoffe müssen weltweit Rohstoffe beschafft werden. Diese sind bisweilen begrenzt – insbesondere  in einer Pandemie.

Inhaltsstoffe
Der Wirkstoff – bei der Covid-Impfung zum Beispiel die mRNA – wird produziert. 

Formulierung
Der Wirkstoff wird mit anderen Stoffen gemischt. Etwa mit Salz, um den pH-Wert zu beeinflussen oder  Zucker-Arten, um das Gemisch für den Transport zu stabilisieren. 

Abfüllung
Das Gemisch kommt in  Mehrdosen-Behälter

Konfektionierung
Die behördlich vorgeschriebene Kennzeichnung und Verpackung wird angebracht

Distribution
Die Arzneimittel werden weltweit ausgeliefert

Tiefgefroren

Die Arbeitsprozesse sind so komplex, dass sie an 89 Standorten erledigt werden. Ein Ausschnitt: Die mRNA wird in Mainz tiefgefroren, von dort kommt sie zum Reinigen nach Laupheim, dann weiter nach Klosterneuburg, um sie in mikroskopische Fett-Tröpfchen zu packen. Endgültig abgefüllt wird im belgischen Puurs, der Pfizer-Drehscheibe in Europa.

Ist das nicht ein Irrsinn, Bestandteile quer über den Kontinent zu schicken?

Gallo-Daniel widerspricht sanft: „Es ist durchaus sinnvoll, die Produktion von der Abfüllung zu trennen.“ Man kann an dieser Stelle nicht in die Tiefe gehen, aber es geht um Dinge wie das „Umstellen von Einzel- auf Multidosen“.

Zurück zur Ursprungsfrage: Ist eine Covid-Impffabrik realistisch? „Derzeit dauert es fünf bis zehn Jahre, bis ein Werk gebaut ist.“ So viel Zeit haben Österreich und Europa bei Corona nicht. Mit ein paar Baugenehmigungen ist es jedenfalls nicht getan. „Damit sich ein internationaler Konzern für einen Standort entscheidet, muss vieles passen: die Infrastruktur, um Rohstoffe rasch ins Werk zu bekommen, die Fachkräfte vor Ort – und die Forschung“, sagt Gallo-Daniel. „Ohne Forschung geht de facto gar nichts.“

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