Wirtschaft
21.07.2017

Easyjet-Chefin: Warum das Fliegen noch billiger wird

Ticketpreise bleiben bis 2018 umkämpft, erwartet Carolyn McCall – Professionelle Aufsicht gab Ausschlag für Austro-Lizenz der Billigfluggesellschaft.

Der erste Easyjet-Airbus unter rot-weiß-roter Flagge landete überpünktlich: EZY 2463 aus London/Luton setzte um exakt 10.26 Uhr in Wien-Schwechat auf, neun Minuten vor Planankunft.

Als Carolyn McCall 2010 Easyjet-Chefin wurde, war die Billigfluglinie für alles andere als Pünktlichkeit bekannt. Der Spitzname lautete "Sleazyjet" (im Sinne von versifft). Was sich unter McCalls Ägide gehörig gewandelt hat.

KURIER: Ein Porträt über Sie trug den Titel "Löwenbändigerin". Gefällt Ihnen der Spitzname?

Carolyn McCall: Wirklich, Löwenbändigerin? Was soll das denn bedeuten?

Offenbar, dass Sie als Quereinsteigerin ein männlich dominiertes Business ganz gut in den Griff bekommen haben.

Das ist nett, aber ich sehe es nicht so. Ich weiß, dass das für viele Frauen bedeutsam ist, aber mir war immer nur wichtig, mit meinem Team die Ziele zu erreichen.

Was Sie sechs Jahre äußerst erfolgreich geschafft haben. 2016 war dafür schwierig, oder?

Ja, die Umstände waren 2016 extrem außergewöhnlich. Wir hatten sieben Terroranschläge hintereinander. Und dann gab es das Brexit-Referendum und die Abwertung des britischen Pfund, die uns sehr viel Gegenwind einbracht hat. Diese Kombination gibt es nicht alle Tage.

Wie sieht die Lage aktuell aus?

Jetzt sehen wir Aufwind, wir haben unsere Gewinnerwartung gerade erst heute angehoben. Unsere Kunden sind sehr loyal, das Team ist fantastisch. So stabil wie Easyjet jetzt aufgestellt ist, kann es die nächsten zwanzig Jahre weitermachen.

Trotzdem verlassen Sie Easyjet Ende des Jahres. Warum?

Man sollte als Vorstandschef gehen, solange die Leute wollen, dass man bleibt. Manche bleiben einfach zu lange hängen. Ich wäre aber nie gegangen, solange die Zulassung nicht erteilt ist. Dann war mir die Ankunft des Airbus a320neo sehr wichtig, dieser Auftrag ging vor vielen Jahren raus. Dessen gute Resultate zu sehen, freut mich sehr. Das Dritte war das moderne automatisierte Nordterminal am Flughafen London-Gatwick, unsere größte Basis. All das läuft. Das Jobangebot (den TV-Sender ITV zu führen) kam für mich aus dem Blauen heraus.

Sie erwarten in Ihrem Ausblick, dass die Preise bis 2018 hart umkämpft bleiben. Die Konsumenten würde es freuen – kann Fliegen noch billiger werden?

Solange die Kapazitäten weiter so wachsen, wird die Preisgestaltung schwierig bleiben – das gilt für alle Anbieter, nicht nur für uns. Das hat auch Lufthansa vor einigen Tagen eingeräumt.

Neben Ihren Hauptrivalen wie Ryanair bekommen Sie es nun mit Billigtöchtern "alter" Airlines zu tun, wie der Lufthansa-Tochter Eurowings. Erhöht das den Konkurrenzkampf?

Ryanair und Easyjet waren immer Billigfluggesellschaften. Beiden geht es sehr gut und unsere Geschäfte überlappen sich gar nicht so stark. Andere wollen das kopieren, aber das ist schwierig. Eurowings soll eine Low-cost-Airline sein? Das ist unmöglich. Vielleicht sind die Kosten niedriger als bei der Muttergesellschaft. Aber sie haben unverändert höhere Löhne und Pensionspläne, teure Büros, ältere Flieger, geringere Produktivität. Da fehlt alles, was Low-cost-Airlines ausmacht.

Gebühren und Steuern sind hier sicher nicht niedrig. Warum entscheidet sich eine Billigfluglinie für eine Austro-Lizenz?

Die Lizenz hier hat absolut nichts mit Steuern oder Preisen zu tun. Das stand nicht einmal im Kriterienkatalog. Für uns zählten die Qualität und Sicherheitsbestimmungen. Und die Behörde muss mit den britischen und Schweizer Regulatoren gut kooperieren. Die Österreicher waren da immer sehr professionell, effizient und transparent. Wir wussten genau, was wir zu tun haben. Deshalb sind wir absolut sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Thomas Haagensen: Wir mussten zudem eine Behörde finden, die die Zulassung von 110 Flugzeugen in 18 Monaten managen kann. Austro Control hat bereits gezeigt, dass sie so etwas schafft.

Haben Sie irgendwelche Preisnachlässe oder speziellen Steueranreize erhalten, damit die Wahl auf Österreich fiel?

Überhaupt nicht.

Haben Sie gar nicht danach gefragt? Wäre das nicht normal?

Nein, so was tut man nicht. Der Regulator ist da, um unsere Sicherheitsstandards zu prüfen und gewährleisten. Das hat oberste Priorität, da darf es nicht den Anschein von Absprachen geben. Das muss sauber und getrennt bleiben.

Sind Österreichs Flughäfen für Sie attraktive Destinationen?

Unser Geschäftsmodell mag billig sein, aber das spüren unsere Kunden nicht. Wir haben neben Familien und Studenten viele kaufkräftige Kunden und Geschäftsleute. Die Marke Easyjet passt damit sehr gut zu Österreich und Wien. Wir hatten hier seit Anfang 2017 schon eine Million Kunden und wollen das ausbauen.

Was müsste passieren, damit hier in Wien auch Easyjet-Flugzeuge stationiert werden?

Thomas Haagensen: Wir sind recht kräftig in Wien und Österreich gewachsen, das soll auf sinnvolle Art so weitergehen. Aber wir sind ein europäisches Netzwerk, deshalb schauen wir uns in ganz Europa die Möglichkeiten an: Das gilt für Flüge ebenso wie Standorte. Was die Zukunft bringt, müssen wir abwarten.

Die "Medien-Tussi" hat's allen gezeigt

Zu den Personen

Als Carolyn McCall, zuvor Leiterin des Verlagshauses „Guardian“, Easyjet-Chefin wurde, lästerte ihr Rivale, Ryanair-Chef Michael O’Leary, über die „Medientussi“. Das Lachen ist ihm vergangen . McCall hat die Easyjet-Gewinne stetig gesteigert und den Aktienkurs nahezu vervierfacht. Ende 2017 wechselt sie zurück in die Medienbranche und wird Chefin beim britischen TV-Sender ITV. Thomas Haagensen, Country Manager von Deutschland, Österreich und Schweiz, leitet die neue Easyjet Europe.

Easyjet Europe wird die größte „österreichische“ Airline

Die britische EU-Mitgliedschaft endet voraussichtlich mit März 2019. Bis dahin muss der Job erledigt sein: Die 110 Flieger starke Flotte der neu gegründeten Easyjet Europe wird dann mit rot-weiß-roter Lizenz (im Jargon AOC, Air Operator Certificate) und unter österreichischem Hoheitszeichen (OE) fliegen. So sichert sich die Fluglinie ab, dass sie nach dem Brexit EU-weit weiterfliegen darf.

„Damit wird Easyjet am Ende die größte ’österreichische’ Airline sein“, sagt Luftfahrtberater Kurt Hofmann zum KURIER. Österreichisch unter Anführungszeichen, denn die Eigentümer der großen Fluglinien sitzen allesamt im Ausland. Zum Vergleich: Die Flotte der Lufthansa-Tochter AUA umfasst 82 Flugzeuge – die aber tatsächlich in Wien stehen und nicht als Papierflieger, wie man dort betont. Lufthansa-Billigtochter Eurowings hat 8 Flugzeuge in Rot-weiß-rot – fünf stehen in Wien, eins in Salzburg, zwei in Palma. Niki, der Ferienflieger von Etihad/Air Berlin, kommt auf 21 Flugzeuge mit OE-Kennung.

Basis in Wien noch offen

Easyjet bringt Wien zwar Renommee, Jobwunder ist keines zu erwarten. In den Büros in der Wiener Innenstadt, nahe der Luftfahrtbehörde Austro Control, nimmt eine „niedrige zweistellige Zahl“ an Mitarbeitern Platz. Ob in Wien künftig Flugzeuge stationiert werden, lässt Easyjet-Europe-Chef Thomas Haagensen offen.

„Für mich wäre es logisch, dass in Wien eine weitere Basis entsteht“, sagt Experte Hofmann. Fix ist: Das Management in Wien wird künftig für 4000 Mitarbeiter und dann 110 Flugzeuge zuständig sein, die EU-weit unterwegs sein sollen. Daneben verfügt Easyjet schon jetzt über die Schweizer Betriebslizenz und natürlich die Zulassung in Großbritannien, wo 6000 Mitarbeiter und 140 Flugzeuge stationiert sind.

Mehr Arbeit fällt für die Austro Control an, die dann die Aufsicht über Easyjet inne hat. Laut Austro-Control-Chef Heinz Sommerbauer werden österreichische Inspektoren laufend den operativen und technischen Betrieb und die Wartung kontrollieren.

Weil die Flieger der Billigairlines viel öfter unterwegs seien, sei das ein zentraler Wettbewerbsfaktor, sagt Hofmann: „Die Portugiesen wären vielleicht billiger gewesen, aber Zuverlässigkeit und strenge Richtlinien sprachen wohl für Österreich.“

60 Prozent Plus

Derzeit fliegt Easyjet von den Flughäfen Innsbruck, Salzburg, Klagenfurt und Wien 20 Ziele in Europa an. 2016 sei die Zahl der Passagiere um 60 Prozent gestiegen. Heuer wurde bereits eine Million Fluggäste von und nach Österreich befördert.