Wirtschaft
27.03.2017

Wenn die Maus die Amtsstube ersetzt

Experte: Durch die Vereinfachung von Bürger-Services könnten 500 Millionen Euro an Verwaltungskosten eingespart werden.

Sich zu viel bezahlte Lohnsteuer zurückholen, die Fischereilizenz und gleich auch noch den Führerschein beantragen – das alles mit ein paar Klicks auf einer einzigen Online-Plattform? In Österreich noch Zukunftsmusik, in Großbritannien schon Alltag. "In Österreich ist man auf die eGovernment-Leistungen recht stolz. Wir sind auch recht gut, aber Großbritannien spielt in einer anderen Liga", sagt Alexander Burtscher. Er ist Geschäftsführer des Consulting-Unternehmens Wonderwerk, das Ministerien, die Stadt Wien oder Landesverwaltungen, aber auch die Wirtschaftskammer dabei berät, wie durch die Digitalisierung das Service für Bürger und Mitglieder verbessert werden kann.

Bei einer von Wonderwerk organisierten "Lernreise" nach London konnten 15 Teilnehmer (unter anderem aus dem Kanzleramt oder dem Fonds Soziales Wien) hautnah erleben, wie groß der Vorsprung der Briten ist. Auf der Plattform des Government Digital Service (GDS) im Cabinet Office (dem Bundeskanzleramt vergleichbar) werden mittlerweile mehr als Hundert Dienstleistungen angeboten. Das GDS bietet das Digitalisierungs-Know-how allen Ministerien an. "Das ist ein junges Team und hat zum Teil Start-up-Charakter", schwärmt Burtscher.

Konsequenz dieser Entwicklung: Für das Gründen einer Firma braucht man nur noch 20 Minuten Zeit, für die Steuererklärung noch viel weniger.

Zeit ist dabei nicht nur für die Bürger Geld, sondern auch für den Staat. Durch die Digitalisierung und Vereinfachung von Services konnte Großbritannien in den vergangenen drei Jahren 3,5 Milliarden Pfund (rund vier Mrd. Euro) einsparen. Weil Großbritannien in etwa acht Mal so viele Einwohner hat wie Österreich, kommt Burtscher für Österreich auf ein Einsparpotenzial von 510 Millionen Euro. "Wir empfehlen dafür ganz stark eine eigene Digitalisierungsagentur, wie die Briten sie haben."

Weniger Barriere

Es gibt aber viele Aspekte, die mit Geld nichts zu tun haben. Als Beispiel nennt Burtscher die Jugendberatung in London, die früher über eine Telefon-Hotline lief. Dann wurde auf WhatsApp umgestellt. "Damit ist eine Barriere reduziert worden, die Nutzungszahlen sind deutlich gestiegen."

Entbürokratisierung kann sich Wonderwerk auch in Spitälern vorstellen: Keine mühsame Zettelwirtschaft und Krankenakte mehr, sondern Tablets und zentrale Daten, auf die Ärzte und Schwestern zugreifen können. Noch ein Vorschlag von Jungvater Burtscher: Statt der Behördenwege nach der Geburt eines Kindes sollte es schon im Spital eine zentrale Stelle geben, um die Formalitäten zu erledigen. In manchen Spitälern gebe es zwar einen "Babypoint" – "da kommt ein Standesbeamter, aber der ist nicht immer da". Dieses System gehöre "ausgerollt".

Die zweite Lernreise, die Wonderwerk organisiert hat, findet gerade statt. Von 26. bis 28. März steht Tallinn in Estland auf dem Programm. "Dort kann man eine Firma innerhalb von acht Minuten gründen, bei uns dauert es 25 Tage", sagt Burtscher. In Sachen eGovernment gilt Estland weltweit als eines der Vorbilder.