Wirtschaft
06.10.2017

Die Börsenbullen stampfen – wie lange noch?

Auf Jahressicht liegt Wiens Börse weltweit sogar unter den Spitzenreitern.

Rekorde, so weit das Auge reicht: Der Aktienindex DAX in Frankfurt ist nur Wimpernschläge von 13.000 Punkten entfernt. Die US-Börsenbarometer Dow Jones und S&P500 tickern Tag für Tag zu neuen Rekorden – fast wie mit dem Lineal gezogen.

Dennoch findet sich in der Rangliste eine andere Börse weit oben: Wien. Der Leitindex ATX mag von seinen Vorkrisenrekorden weit entfernt sein, er legte aber auf Sicht von 52 Wochen satte 38 Prozent an Wert zu – und da sind die Dividenden noch nicht eingerechnet. Damit wird Wien nur von Märkten wie der Mongolei (+64 Prozent) oder Argentinien (+ 54 Prozent) übertroffen.

Was sind die Gründe für den Höhenflug in Wien?

Der Börseplatz hatte im internationalen Vergleich "erheblichen Nachholbedarf", erklärt Wolfgang Fusek vom Bankhaus Krentschker. Und: Österreich habe aus Sicht internationaler Anleger ein "Osteuropa-Pickerl", sagt Bernd Maurer, Chefanalyst der Raiffeisen Centrobank (RCB). Denn viele Börse-Unternehmen sind stark in den Ostmärkten engagiert, die derzeit viel stärker als die Eurozone wachsen. Rumäniens Wachstum etwa soll heuer 5,7 Prozent erreichen.

Welche Werte haben besonders stark zugelegt?

Vor allem die Banken- und Finanzwerte haben die Börsen beflügelt. Weil in Wien diese Titel – wie Erste Group oder Raiffeisen Bank International – besonders hohes Gewicht im Index ATX haben, hat das den Kursaufschwung verstärkt. Bank-Titel waren nach der Krise 2008 tief gefallen, die damaligen Einstiegskurse waren günstig. "Das Umfeld für die Finanzwelt hat sich mit der Aussicht auf moderat steigende Zinsen jetzt verbessert", sagt Maurer.

Woher kommt das Geld?

Die niedrigen oder sogar Nullzinsen verursachen eine Geldschwemme und eine Art Anleger-Notstand: Vermögende aus aller Welt suchen händeringend nach Gewinnchancen. Und die sind an der Börse eben höher als am Sparbuch. Die neureiche Mittelklasse aus politisch unsicheren Ländern – Russland, China, dem arabischen Raum und Südafrika – legt ihre Millionen gern in Mitteleuropa an. Neben Aktien kaufen sie Immobilien und treiben die Preise hoch.

Wie lange geht diese Hochphase noch weiter?

Seit 2009 geht es an den Börsen bergauf. "Ungewöhnlich lange", sagen Analysten. Wann dieser Aufschwung endet, wagt niemand zu prognostizieren. Schon vor drei, vier Jahren war zu hören, die Party sei vorbei. "Sie könnte aber noch einige Zeit weitergehen", vermutet Fusek. Vor allem mangels Alternative: "Was sollte ein Investor machen, der seine Aktien verkauft?" Die EZB sei wegen der hohen Schulden der Euro-Krisenländer geradezu dazu verdammt, die Zinsen lange niedrig zu halten: "Dieser Schmierstoff funktioniert noch wunderbar."

Maurer ist der Ansicht, dass sich der Börsezyklus jedenfalls schon in der Spätphase befindet. Zu Beginn, 2009 seien die Investoren vorsichtig gewesen und hätte lieber in große Märkte wie die USA investiert. In der Endphase gewinnen typischerweise Randbörsen an Fahrt. Wie Wien – mit 0,09 Prozent ist der globale Anteil der Börse extrem gering.

Wo liegen die Gefahren, sollte es zu einem Kurseinbruch der Aktien kommt?

Das billige Geld bringt Investoren dazu, höhere Risiken eingehen zu müssen. Was am Ende eine Kurskorrektur auslösen könnte, weiß im Vorhinein niemand. Sicher ist: Nicht nur Aktien, auch Anleihen und Immobilien sind teuer wie nie. Das birgt die Gefahr, dass die Kurse im Gleichklang runterrasseln. Und könnte für Finanzhäuser gefährlich werden, die sich im Boom zu weit aus dem Fenster gelehnt haben.