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Wirtschaft
12/29/2020

Corona-Krise: Die wirtschaftlichen Gewinner und Verlierer

Wer von der Pandemie profitiert und wer nicht - eine erste Zwischenbilanz.

von Anita Kiefer

Das Jahr 2020 und die Corona-Pandemie hat auch die Wirtschaft fest im Griff. Wem die Pandemie genützt und wem sie geschadet hat, hat der KURIER in einer exklusiven Analyse erhoben.

Gewinner und Verlierer final zu beurteilen, werde erst in ein paar Jahren möglich sein, sagt Bank Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer zum KURIER. „Wir sind noch mittendrin in der Pandemie. Am Anfang hat man China für seine harte Strategie gescholten, jetzt gilt es fast als Vorbild“, sagt er. Aber gewisse Trends ließen sich bereits ablesen.

Nach Kontinenten „konnte, kann und wird nächstes Jahr“ Asien besser mit der Krise umgehen als Europa und die USA, so Bruckbauer. Die Differenzierung zwischen USA und Europa sei schon schwieriger. „Ich würde aber die USA, auch wenn es momentan nicht ganz so aussieht, bei denen einreihen, die schlechter mit der Krise umgegangen sind.“

Ein Gewinner, so Bruckbauer, sei auch der staatliche Sektor. Die kommenden Jahre würden davon geprägt sein, dass der Staat in der Wirtschaft „eine große Rolle spielt“. Dieser Trend habe sich vor Corona abgezeichnet. Mittlerweile gebe es einen starken gesellschaftlichen Druck, dass die Politik etwa in Sachen Nachhaltigkeit vermehrt eingreift.

Die Corona-Krise habe dies „mit den riesigen fiskalischen Programmen“ verstärkt. Auch beim Konflikt Asien-USA-Europa sehe man „mehr Bewegung auf europäischer Ebene, mehr Industriepolitik.”

Klar auf der Gewinnerseite steht die Anlageklasse Aktien. Und innerhalb dieser wird sich wohl noch einiges tun – Stichwort „große Rotation“. Zuerst hätten viele Investoren nach dem Motto „raus aus den Zyklikern, rein in die defensiven Aktien“ agiert, erklärt Herbert Perus, Fondsmanager bei Raiffeisen Capital Management.

Mit defensiven Aktien meint er jene von Unternehmen, die in allen Zeiten konjunkturunabhängig ihre Cashflows liefern. Zykliker unterliegen hingegen stark den Schwankungen. In der Krise seien viele in defensive Aktien wie etwa jene von Nestlé, Roche oder Novartis gegangen.

Mit den ersten Erfolgsmeldungen zur Zulassung eines Corona-Impfstoffes hätten plötzlich wieder die Zykliker – Öl, Rohstoffe, Industrie – Kauforders gesehen.

Eine Umkehr ist in Sicht

Apropos Märkte. „Ich kann mir gut vorstellen, dass die Verlierer des heurigen Jahres die Gewinner des nächsten sind“, meint Perus – und das könnte auch der österreichische Markt sein. Keine Techaktien, kaum Nachhaltigkeit, dafür Großgewichte wie die OMV und stark gewichtete Finanztitel – bei dieser Zusammensetzung konnte man heuer nur verlieren. „Wenn sich diese Rotation aber fortsetzt, kann Österreich profitieren.“

Nicht ganz so einfach einzuordnen ist das Thema Immobilien. Dass großflächig nur mehr vom Homeoffice aus gearbeitet wird, glaubt Bank-Austria-Experte Bruckbauer nicht. Aber: Das Thema Nachhaltigkeit wird auch bei Immobilien eine größere Rolle spielen. Möglicherweise haben also viele Firmen die „falschen“, also nicht nachhaltigen, Gebäude.

Und auch beim Thema Handelsimmobilien kommt es wohl darauf an. Der aktuelle Trend zum Online-Handel werde sich „wieder zurückbilden.“ Er vermutet, dass es im stationären Handel eine noch stärkere Konzentration der Standorte geben wird. Dass alle aufs Land ziehen, hält Bruckbauer für unwahrscheinlich.

Die Gewinner/Verlierer-Branchen im Detail

„Aktien haben 2020 zu den Outperformern gehört“, sagt Bank-Austria-Chefanalyst Stefan Bruckbauer. Die Zinsen werden niedrig bleiben, so der Analyst. Das sei zwar ohne Risiko, aber für viele Anleger keine Option. „Das macht die anderen Vermögenswerte attraktiver“, sagt Bruckbauer.

„Man sieht, dass die Haushalte überdurchschnittlich viel in Aktien und Aktienfonds umgeschichtet haben“ sagt Bruckbauer – wenn auch natürlich auf relativ geringem Niveau. Viele Anleger hätten jetzt auch gesehen, dass selbst „in einer so heftigen Krise die Aktienmärkte nicht komplett abstürzen.“

Insgesamt haben die Österreicher heuer einen Rekord in der Geldvermögensbildung aufgestellt, die bei 13,5 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2020 lag. Während täglich fällige Einlagen weiterhin stark gefragt waren, wurden im ersten Halbjahr gebundene Einlagen und Anleihen reduziert.

Das ergeben Daten der Nationalbank. Deren Vizegouverneur Gottfried Haber erklärte bei der Präsentation der Daten, dass hingegen börsennotierte Aktien beliebter geworden sind. „Vor allem nach dem Börsencrash im März.“ Wobei diese Beliebtheit in Sachen Aktien hierzulande noch auf vergleichsweise niedrigem Niveau stattfindet.

Bei den Börsengängen gab es heuer ein kräftiges Plus: 1.322 Firmen hatten heuer weltweit ihr Börsendebüt – um 15 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens EY hervor.

Rund ein Viertel aller Börsengänge entfallen auf Technologiekonzerne, 17 Prozent auf Unternehmen im Gesundheitsbereich. Exakt 514 Börsengänge verzeichnete allein China.

Maskenpflicht im Supermarkt

Reale Umsatzzuwächse von fast sieben Prozent gab es in den ersten neun Monaten des Jahres nur für einen Teil des österreichischen Handels – nämlich den Lebensmitteleinzelhandel. Lockdown, Homeoffice und immer wieder geschlossene Restaurants führten natürlich dazu, dass die Menschen mehr in den Supermärkten kauften oder deren Online-Bestellservices nutzten. Die Erlöse im Nicht-Lebensmittelhandel sind hingegen im Schnitt um 3,5 Prozent zurückgegangen. Größter Leidtragender der Pandemie ist der Bekleidungs- und Schuhhandel: Es gab reale Umsatzrückgänge von durchschnittlich einem Fünftel. Das zeigen die Daten der Statistik Austria.

Neben dem Lebensmitteleinzelhandel hat auch der Versand- und Internet-Einzelhandel heuer stark zugelegt – nämlich mit realen Umsatzzuwächsen von rund zwölf Prozent. Apotheken und der Kosmetikhandel mussten in diesem Zeitraum leichte Rückgänge von rund zwei Prozent hinnehmen.

Das diesjährige Weihnachtsgeschäft lag – bedingt durch Lockdown Nummer zwei, der bis inklusive 6. Dezember galt – massiv unter den Vorjahreswerten. Bis inklusive Samstag, 19. Dezember, gingen laut Berechnungen der KMU Forschung die Umsätze um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Der Modehandel musste Rückgänge von sogar 34 Prozent hinnehmen. Die KMU-Forschung hat für das gesamte Weihnachtsgeschäft wegen Lockdown Nummer drei Umsatzrückgänge von 150 bis 300 Millionen Euro auf 1,2 bis 1,4 Milliarden Euro berechnet.

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Homeoffice boomt. Allein in Österreich hat im dritten Quartal laut Zahlen der Statistik Austria rund jeder fünfte Arbeitnehmer Telearbeit verrichtet. Und das, obwohl das dritte Quartal eines war, das von der Corona-Krise vergleichsweise schwächer getroffen war. Der momentane Trend zum Homeoffice braucht natürlich auch das notwendige Equipment und Software – Videoconferencing ist gefragt wie nie.

Bestes Beispiel dafür ist wohl der Videokonferenz-Anbieter Zoom, der mittlerweile so ziemlich jedem ein Begriff ist. Allein im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres schoss der Zoom-Umsatz im Jahresvergleich von knapp 146 Millionen Dollar auf 663,5 Millionen Dollar in die Höhe. Auch der Quartalsgewinn explodierte von 5,5 Millionen Euro auf 186 Millionen Dollar. Im dritten Quartal erzielte Zoom einen Umsatz von rund 777,2 Millionen Dollar – das ist mehr als eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr rechnet Zoom mit 2,58 Milliarden Dollar Umsatz.

Deutlich zugelegt haben heuer auch die Smartphone-Handyverträge und jene für besonders schnelle Festnetzverträge. Allein in Österreich wurden zwischen April und Juni rund 68.000 zusätzliche Smartphone-Verträge abgeschlossen, wie aus Daten der Aufsichtsbehörde RTR hervorgeht. Außerdem gibt es 28.000 neue Verträge mit mobilen Datentarifen.

Bei den Breitband-Festnetzanschlüssen kamen hingegen nur 13.000 dazu. Aber: Die vorhandenen Festnetzanschlüsse wurden stark aufgerüstet. Jeder sechste von ihnen (414.000) hat nämlich mittlerweile über 100 Mbit Datendownload. Das ist ein Plus allein gegenüber dem Vorquartal von 16 Prozent.

Gartenzubehör, Werkzeug, Pools – alles, was unter den Konsumgütern das eigene Heim verschönert und verbessert, hat heuer einen Boom erfahren. Eine Auswahl: Laut dem Marktforschungsinstitut Branchenradar gab es heuer einen Boom bei den Swimmingpools. Das Marktforschungsinstitut geht für heuer von einem Absatz von rund 12.400 Stück aus – das wäre ein Plus von 22 Prozent gegenüber 2019.

Kinderplanschbecken, aufblasbare Schwimmbecken und selbstaufstellende Luftringbecken sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Aber: Die Nachfrage nach Pools zur gewerblichen Nutzung ist um etwa sieben Prozent zurückgegangen. Das Umsatzplus von Herstellern und Importeuren von Swimmingpools dürfte laut der Erhebung daher um lediglich elf Prozent auf 48 Millionen Euro steigen.

Die deutsche Baumarktkette Hornbach darf sich ebenfalls freuen. Sie rechnet für das Gesamtjahr mit einem Umsatzplus von rund 13 bis 17 Prozent.

Auch der deutsche Motorsägenhersteller Stihl verbuchte satte Zuwächse beim Umsatz. Erstmals seit neun Jahren gebe es ein zweistelliges Umsatzplus, wie Stihl-Chef Bertram Kandziora gegenüber dem „Handelsblatt“ sagte. Erstmals werde der Umsatz bei über vier Milliarden Euro liegen.

Lockdown eins, zwei und drei, Softlockdown – Gastronomie und Hotellerie mussten bei all diesen Maßnahmen geschlossen halten. Das macht mehrere Monate Schließdauer heuer – und bis 18. Jänner müssen sich Gastronomen und Hoteliers noch gedulden, bis sie wieder öffnen dürfen.

Die Nächtigungen in Österreich sind – wie auch überall anders – dramatisch eingebrochen. In den ersten neun Monaten gingen die Nächtigungen laut Statistik Austria um 30,9 Prozent auf 97,13 Millionen Nächtigungen zurück. Besonders schlimm hat es – mangels ausländischer Touristen – die Stadthotellerie getroffen. Allein im November lag in Wien der Rückgang der Nächtigungen bei 93,3 Prozent.

Einiger Trost für die Gastronomie: Sie sind zumindest nicht zur völligen Untätigkeit verdammt. Die Gastronomie darf nach wie vor Lieferservice und Abholung anbieten.

Zumindest mit den staatlichen Hilfen wie Umsatzersatz und Co. können sich Gastronomie und Hotellerie nach wie vor über Wasser halten. Außerdem wurde heuer im Juli bis Ende 2021 die Umsatzsteuer auf touristische Übernachtungen auf fünf Prozent gesenkt. Dieser niedrige Steuersatz gilt auch auf Speisen und Getränke in der Gastronomie (und darüber hinaus etwa auch auf Kino- und Theaterkarten sowie Zeitungen).

Kroatien

Eine der leidtragendsten Branchen unter der Corona-Krise ist zweifelsohne jene, die Urlaub und Reisen als Geschäftsmodell hat. Also neben Hotels sind das Flughäfen, Reisebüros und Fluglinien oder Busunternehmen.

Für Fluglinien wie die Austrian Airlines in Österreich oder deren Mutter Lufthansa in Deutschland wurden große Rettungspakete geschnürt. Die AUA in Österreich wurde etwa mit einem 600-Millionen-Euro Paket gestützt.

Denn Flüge waren heuer Mangelware: Am Flughafen Wien gab es laut den aktuellsten Zahlen im November ein Passagierminus von über 92 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Von Jänner bis November lag das Minus bei 74 Prozent. In den ersten elf Monaten wurden 7,6 Millionen Reisende transportiert. International sahen diese Zahlen nicht viel anders aus.

Besonders hart getroffen hat die Corona-Pandemie natürlich auch die Reisebüros, von denen es in Österreich rund 2.700 gibt. In Österreich springt jetzt der Staat bei Insolvenzen in der Reisebranche ein, um Kundengelder abzusichern. Dafür gibt es einen Haftungsrahmen in Höhe von 300 Millionen Euro.

Laut Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) hätten mittlerweile alle Versicherer ihre Angebote für Pauschalreiseversicherungen in Österreich eingestellt. Hintergrund des staatlichen Einspringens ist, dass Reiseveranstalter ohne Insolvenzschutz für Kundengelder keine Pauschalreisen anbieten dürfen.

Noch eine schlechte Nachricht für alle, die sich gern für neue Reisen im Jahr 2021 inspirieren lassen wollten: „Lonely Planet“ sieht heuer wegen der Pandemie davon ab, die Top-Ziele 2021 zu küren.

Was es seit März so gut wie nicht gab, waren Großveranstaltungen. Festivals, Konzerte, große Messen, Sportevents wie der Vienna City Marathon – auf all das mussten wir heuer verzichten. Das ist nicht nur ein Problem für die Veranstalter, sondern auch für Caterer, Techniker, Fotografen, Künstlerbetreuer und Eventagenturen.

Große Eventveranstalter wie der deutsche CTS Eventim – die Mutter von Oeticket und Barracuda in Österreich – rutschten wegen der ausgefallenen Konzerte in die roten Zahlen. Das bereinigte Ebitda von CTS Eventim krachte in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 von 177 Millionen Euro im Vergleichszeitraum des Vorjahres auf minus 17,7 Millionen Euro. Der Umsatz brach um 79 Prozent auf 228,7 Millionen Euro ein.

Kurz vor Weihnachten hat die österreichische Regierung jetzt das Ok der EU-Kommission für den heimischen Veranstaltungs-Schutzschirm erhalten. Kann eine Veranstaltung coronabedingt nicht oder nur eingeschränkt stattfinden, können alle nicht stornierbaren Ausgaben der Veranstalter bis zu einer Höhe von einer Million Euro ersetzt werden.

An Ausfallsgarantien für die angeschlagene Branche stehen wie geplant 300 Millionen Euro bereit. Ab 15. Jänner sollen Anträge möglich sein.

Der Automarkt hat heuer stark unter der Krise gelitten. Im November sind die Neuzulassungen in Europa um 12 Prozent auf 897.692 Fahrzeuge zurückgegangen. Nach elf Monaten wurden in Europa gut 8,9 Millionen Autos neu zugelassen – um ein Viertel weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Negativrekord war der Lockdown-Monat April mit einem Einbruch der Neuzulassungen um 76,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

In Österreich gab es im November ein Minus von knapp 14 Prozent, nach elf Monaten lag es bei 26,6 Prozent. Unter den Autobauern hat es Daimler heuer am stärksten erwischt. Daimler hatte im November ein Minus von 15 Prozent bei den Neuzulassungen hinzunehmen.

Am schnellsten wird wohl der chinesische Automarkt aus der Krise kommen. Das sagt der deutsche Branchenbeobachter Ferdinand Dudenhöffer. Er schätzt, dass China 2022 das Marktniveau von 2018 wieder erreichen wird. Für den deutschen Markt rechnet Dudenhöffer auch 2022 noch mit Werten unter dem Vorkrisenniveau. Das liege auch daran, dass der Markt gesättigt sei.

Das trifft natürlich auch die Autozulieferer. Mahle, Schaeffler oder etwa Continental haben bereits angekündigt, Jobs abbauen zu wollen.

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