Erwin Hameseder

© Kurier / Gerhard Deutsch

Wirtschaft
07/18/2020

„Corona ist für uns kein Grund, Bankstellennetz zu reduzieren“

Erwin Hameseder. Der Raiffeisen-Banker über Kontrollversagen und die Folgen der Pandemie

von Anita Kiefer

Erwin Hameseder, Obmann Raiffeisen Holding NÖ-Wien und Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien und der RBI, zum Skandal rund um die Commerzialbank Mattersburg und die Auswirkungen von Corona auf die Kreditwirtschaft.

KURIER: Vor wenigen Tagen ist der große Betrugsskandal rund um die Commerzialbank Mattersburg aufgeflogen. Wie kann das bei einer österreichischen Bank passieren?

Erwin Hameseder: Indem die Kontrolle nicht funktioniert. Wir distanzieren uns klar von allem, was da passiert ist. Die Commerzialbank Mattersburg wurde 1995 von Raiffeisen aus dem Raiffeisenverbund ausgeschlossen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ein solcher Fälschungsskandal über Jahre unbemerkt bleiben kann?

Das wird wahrscheinlich der Staatsanwalt im Nachhinein beurteilen. Ich kann das von außen nicht bewerten.

Muss am System der Wirtschaftsprüfer gearbeitet werden? TPA Österreich argumentiert, selbst getäuscht worden zu sein. Das klingt fast zynisch.

Das mag zynisch klingen – der betroffene Wirtschaftsprüfer wird sicher in sich zu gehen haben. Wir bei Raiffeisen haben zusätzlich interne Sicherungssysteme und die strenge genossenschaftliche Revision. Das betrifft insbesondere die rechtzeitige Früherkennung.

Planen Sie jetzt angesichts des Skandals eine eigene Strategie, um das erschütterte Vertrauen der Kunden in die Banken zu halten?

Nein, denn wir brauchen das nicht machen. Typisches Beispiel ist die Corona-Krise: Wir Banken haben viel dazu beigetragen, dass Liquidität in den Unternehmen geblieben ist. Da unterschieden wir uns massiv von den Onlinebanken. Das sage ich mit Stolz: Dort wo es komplizierter wird und dort, wo Kunden individuelle Beratung brauchen, steigen Onlinebanken aus.

Davon abgesehen hat auch Wirecard einen 60-Millionen-Euro-Kredit bei der RLB NÖ-Wien. Ist das so, und ziehen Sie Konsequenzen daraus?

Die Antwort auf die erste Frage ist einfach: Bankgeheimnis. Unser Thema ist, dass wir uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren. Das ist die individuelle Beratung.
 

Glauben Sie, dass Kunden in der Corona-Krise wieder mehr zur klassischen Beraterbank wechseln?

Wir brauchen beides. Das Digitale ersetzt nicht das Persönliche. Wir haben in der Krise zehnmal so viele Stundungen durchgeführt wie vor Corona. Auch bei den Neukrediten für kleine und mittelständische Unternehmen haben wir eine Verdoppelung. Da sieht man auch, dass die Banken systemrelevant sind, das wird oft vergessen.

Wie wird denn die Post-Covid-Bankenlandschaft in Österreich aussehen? Gibt es Pläne, Raiffeisenbanken zu schließen?

Wir sind die Bank, auch das kann ich mit Stolz sagen, mit dem bei weitem dichtesten Bankstellennetz in Österreich. Die Corona-Krise ist für uns kein Grund, unser Bankstellennetz zu reduzieren. Die Raiffeisenbanken entscheiden selbst, ob Filialen geschlossen werden. Und vor Ort entscheiden die Kunden – wenn sie nicht in unsere Banken gehen. Es gibt aber mit Sicherheit kein Bankschließungskonzept wegen Corona.

Rechnen Sie mit vielen faulen Krediten aus der Vergangenheit, weil Unternehmen durch die Corona-Pandemie in eine finanzielle Schieflage geraten sind?

Aus der Vergangenheit heraus nicht. Aus der Corona-Krise ist ein Anstieg zu erwarten, aber ein bewältigbarer. Ohne Zweifel steht Österreich wie andere Länder vor wirtschaftlich herausfordernden Jahren. Als Bankengruppe stehen wir auf einem stabilen Fundament, insbesondere was die Eigenkapitalausstattung und die guten Kapitalquoten betrifft. Im Geschäftsjahr 2019 und davor haben wir uns eine solide Basis erarbeitet, mit der wir für die kommenden herausfordernden Zeiten gerüstet sind.

Funktioniert die Kreditvergabe aufgrund der staatlichen Hilfen im Zuge der Covid-Krisenbewältigung, oder gibt es eine Kreditklemme?

Wo immer es auch nur irgendwie möglich ist, ermöglichen die Banken die Finanzierung der Unternehmen, eine Kreditklemme gibt es nicht. Klar ist, wir können Kredite nicht freihändig vergeben, wir sind an sehr strenge Regulatorien gebunden und müssen auch im Sinne unserer Einleger auf die Rückzahlbarkeit achten. Wir sind in enger Abstimmung mit den Förderstellen und der Bundesregierung und nutzen unser Spezialwissen, um rasch zu helfen. Gerade wir als Raiffeisenbanken setzen auf individuelle Beratung, weil jedes Unternehmen andere Rahmenbedingungen hat, gemeinsam erarbeiten unsere Experten mit den Kunden maßgeschneiderte Lösungen. Die bisherigen Leistungen der österreichischen Banken sprechen eine deutliche Sprache, die Banken haben sich als wesentlicher Teil der Lösung bewiesen, weil sie für Liquidität und nachhaltige Finanzierungslösungen gesorgt haben.

Sind Sie zufrieden mit der Bundesregierung, was Krisenbewältigung angeht?

So wie die  Bundesregierung bis dato agiert hat, das würden sich viele andere Staaten wünschen. Das sieht man auch an den Zahlen. Es wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Raiffeisen NÖ-Wien hat vor kurzem bekannt gegeben, dass mit August 18 neue Lehrlinge aufgenommen werden. Worauf liegt denn der Fokus in der Ausbildung der jungen Menschen?

Uns und mir persönlich ist sehr wichtig, dass wir mit der Banklehre – die habe ich bei uns 2010 eingeführt – eine zusätzliche Chance bieten. Wir haben damit beste Erfahrungen gemacht. Die Lehre fußt auf drei Säulen: Unsere eigene Raiffeisenausbildung, das training on the job vom ersten Tag weg und die Berufsschul-Ausblildung. Wir übernehmen die Ausgebildeten im Anschluss ins Angestelltenverhältnis. Wir wollen das pro futuro verstärken, also noch mehr aufnehmen.

Sie glauben also an die längerfristige Zukunft der Beraterbanken, und dass sie diese ausgebildeten Personen auch brauchen werden?

Beraterbanken waren in der Vergangenheit die Zukunft, und werden es auch weiter sein. Was wir natürlich gemacht haben – und da haben wir gerade durch die Corona-Krise einen Megasprung nach vorne gemacht –: Wir haben alles, was mit Digitalisierung zu tun hat, vorangetrieben – sowohl auf der technischen Seite als auch bei der Ausbildung.

Erwin Hameseder ist Aufsichratspräsident des KURIER (Anm. d. Red.)

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