Bürde Export-Erfolg: Das ewige deutsche Dilemma

Containerterminal am Hamburger Hafen
Foto: APA/dpa/Axel Heimken Container am Hamburger Hafen

Warum sich die Deutschen bei der IWF-Tagung in Washington auf heftige Kritik einstellen müssen.

Exporte sind gut, mehr Exporte besser. Aber kann es des Guten auch zu viel geben? Von IWF-Chefin Christine Lagarde bis zur EU-Kommission (PDF, 85 Seiten), vom Präsidenten der USA bis zum französischen Anwärter Emmanuel Macron: Der Exportweltmeister ist unter Beschuss. Die deutsche Wirtschaft sei zu sehr auf Auslandsgeschäfte fixiert und bereichere sich auf Kosten anderer Länder. Beim G-20-Treffen der großen Volkswirtschaften am Rande der IWF- und Weltbank -Tagung, die von 21. bis 23. April in Washington stattfindet, steht das Thema auf der Agenda. Was ist dran?

Was sind die Fakten? Wie groß ist die Schieflage?

Unbestritten ist: Die Deutschen exportieren viel mehr Güter, als sie importieren. Zusammen mit Dienstleistungen und Kapitalströmen ergab das 2016 einen stolzen Überschuss von 8,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die deutsche Volkswirtschaft nahm also rund 273 Mrd. Euro mehr ein, als sie ausgab.

Statistisches Bundesamt: Rangliste der größten deutschen Handelspartner (PDF, englisch, 6 Seiten)

Was sind die Gründe?

Daran scheiden sich die Geister bzw. Experten, je nachdem, wo sie ideologisch stehen. Für linke Ökonomen ist klar: In Deutschland seien die Löhne zu wenig stark gestiegen. Das "Lohndumping" mache deutsche Produkte für Ausländer billiger, die Deutschen selbst könnten sich weniger kaufen – deshalb so viel mehr Exporte als Importe.

Für konservative Experten regelt all das der Markt. Deutsche Firmen seien eben besser aufgestellt und es sei nur logisch, dass sie im Ausland investieren, wenn sie bessere Geschäftschancen sehen.

Warum folgen nicht alle dem deutschen Vorbild?

Das ist unmöglich, es können nicht alle Überschüsse erzielen. Solange Erdenbürger nicht mit Marsmännchen handeln, gleichen sich die globalen Wirtschaftsströme aus. Der Überschuss des einen ist also immer das Defizit eines anderen. Um so viele deutsche Autos, Maschinen und Lebensmittel kaufen zu können, verschulden sich andere Länder gegenüber dem Ausland. Ein Extremfall sind die USA, die sich die größte Verschuldung nur leisten können, weil der Dollar als Weltwährung gefragt ist.

Wo liegt das Problem?

Das Modell ist nicht nachhaltig. Ein Wirt kann seine Stammgäste eine Zeit lang anschreiben lassen. Irgendwann stellt sich die Frage, ob er das Geld je wieder sieht. So ein Anschreiben gibt es im Eurosystem: die deutsche Bundesbank hat buchmäßige Forderungen bei anderen Euroländern von 830 Mrd. Euro ausständig. Sollte der Euro jemals zerbrechen, müssten die Deutschen diese wohl in den Wind schreiben.

Wie argumentieren die Deutschen selbst?

Fleiß und Sparsamkeit gehören zur DNA der Deutschen. Sie sehen die Vorwürfe als Neid der Besitzlosen – und den Handlungsbedarf bei diesen: Griechenland und Co. sollten mit Reformen wettbewerbsfähiger werden. Da ist durchaus was dran, aber die gemeinsame Währung im Euroraum macht es für andere schwer, "deutscher" zu werden.

Was wären mögliche Lösungsansätze?

Von höheren Löhnen oder Budgetdefiziten will Finanzminister Wolfgang Schäuble nichts wissen. Mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur wären sicher sinnvoll. Oder: Deutschland könnte einen Staatsfonds anlegen, der im Ausland investiert und künftige Pensionen absichert– so wie Norwegen.

(kurier) Erstellt am
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