Wirtschaft
07.07.2017

Brigitte Ederer warnt: "Europa verliert an Bedeutung"

Eigene EU-Behörde sollte Ausverkauf strategisch wichtiger Branchen verhindern.

"Die Produktion von Hochtechnologie hat eine hohe strategische Bedeutung. Aber bei der Produktion verliert Europa an Bedeutung." Die Obfrau des Fachverbandes der Elektro/Elektronikindustrie, Ex-Siemens-Managerin Brigitte Ederer, warnt vor weiterem Terrainverlust Europas bei Spitzentechnologien vor allem gegenüber China.

Und untermauert ihre Befürchtungen mit Fakten: "Vor zehn Jahren war die chinesische Bahnindustrie kaum präsent. Heute hat sie einen Weltmarktanteil von 41 Prozent." Laut einer Studie der Beratungsfirma A.T. Kearney würden nur noch 24 Prozent der weltweiten Umsätze im Schlüsselbereich Informations- und Kommunikationstechnologien durch europäische Unternehmen generiert.

Europa müsse vor allem, fordert Ederer, die Produktion von Mikroelektronik stärker fördern, diese Branche ist in den vergangenen Jahren aus Kostengründen sukzessive nach Asien abgewandert. Was fatale Folgen haben könnte, denn mittelfristig könne ohne Produktion auch keine Forschung aufrecht erhalten werden. Für den Aufbau neuer Produktionen in der EU gebe es aber so gut wie keine Förderung.

Schutz vor Ausverkauf

Gegen einen drohenden Ausverkauf von Technologiebranchen an chinesische Investoren wünscht sich Ederer eine EU-Behörde, die wie eine ähnliche Einrichtung in den USA einen Verkauf von strategisch wichtigen Unternehmen ins Ausland verhindern können soll.

Zufrieden ist Ederer mit der Konjunktur. 2016 stieg der Produktionswert um sieben Prozent auf den Rekord von 15,3 Milliarden Euro. Die Exporte legten um 5,9 Prozent zu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg um 1000 auf 62.000.

Gelassen reagiert Ederer auf die gescheiterten Sozialpartner-Gespräche über die Arbeitszeitflexibilisierung, während man sich beim Mindestlohn auf 1500 Euro einigte: "Natürlich wäre mehr Flexibilität wünschenswert, aber eine geknebelte Industrie sind wir nicht."

Industrie erhöht den Druck

Den Druck auf die Flexibilisierung erhöhen wird dagegen die Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer, in der alle Industriebranchen zusammengefasst sind. Sparten-Geschäftsführer Andreas Mörk: "Wir werden diese Forderung sicher nicht fallen lassen." Offen sei allerdings, auf welcher Ebene – politisch via Gesetz, Kollektivvertragsverhandlungen oder auf Ebene der Unternehmen – das Thema weiter verhandelt werden soll.

Das "Scheitern in letzter Minute" versteht Mörk nicht. Es sei nur um Entbürokratisierung, etwa Verbesserungen bei der Übertragung von Zeitguthaben und eine Entkriminalisierung bei Arbeitszeitverstößen gegangen. "Es ging nie", beteuert Mörk, "um die Abschaffung von Überstunden-Zuschlägen oder um einen generellen 12-Stunden-Tag."

Die gesamte heimische Industrie startete heuer gut, erstmals seit Jahren stieg die Produktion im 1. Quartal gegenüber 2016 um 14 Prozent auf 39 Milliarden Euro.