Wirtschaft
10.04.2018

Boom der Ich AG: Schon 60 Prozent aller Firmen

Österreichs Wirtschaft wird immer kleinteiliger. Wo die 350.000 Solisten arbeiten - und wie es ihnen dabei geht.

Für die einen ist es die wahre Selbstverwirklichung. Andere sehen darin den beschleunigten Wandel von der industriell geprägten Wirtschaft hin zur Wissensökonomie. Skeptiker behaupten einfach, Betriebe lagern den teuren Faktor Arbeit aus. Wie dem auch sei, die „Single-Wirtschaft“ ist nicht aufzuhalten. Schon knapp 60 Prozent aller Unternehmen in Österreich bestehen aus nur einer Person. Insgesamt gibt es derzeit 307.883 Ein-Personen-Unternehmen (EPU), geht aus aktuellen Zahlen der Wirtschaftskammer (WKO) hervor, die dem KURIER vorliegen. Rechnet man die so genannten „Neuen Selbstständigen“ ohne Gewerbeschein dazu, gibt es sogar erstmals mehr als 350.000 Selbstständige in Österreich.

Die mit Abstand größte und rapide wachsende EPU-Gruppe ist ausgerechnet jene, die eigentlich gar nicht in die WKO passt: Die fast 68.000 Personenbetreuerinnen. Aber selbst ohne die in der 24-Stunden-Betreuung tätigen ausländischen Pflegerinnen beträgt der EPU-Anteil immer noch 53,9 Prozent. Der Wert ist zwar gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken, der Trend aber noch lange nicht gebrochen: „Die Entwicklung stabilisiert sich“, analysiert Elisabeth Zehetner-Piewald, EPU-Beauftragte in der WKO. Befürchtungen, dass in Österreich nur noch Solo-Firmen gegründet werden, seien völlig unbegründet. Aber was machen die vielen EPU eigentlich – und wie geht es ihnen?

- Bunter Haufen Die Schwierigkeit der Interessensvertretung ist die Heterogenität der Gruppe: Die Palette reicht vom Fotografen über den IT-Techniker bis zum Masseur, von der Hochzeitsplanerin über die Thermomix-Verkäuferin bis zur Buchhalterin. Die wachstumsstärksten Einzelkämpfer-Sparten sind „Information und Consulting“ und persönliche Dienstleister, wo quasi im Wochentakt neue Berufe entstehen. Einen regelrechten Gründerboom gab es zuletzt im Bereich Humanenergetik, zumeist im Nebenerwerb.

- Mischformen Bei weitem nicht alle Selbstständigen leben ausschließlich von dieser Erwerbsform. Nur 58 Prozent sind hauptberuflich in Vollzeit selbstständig, jeder Vierte nebenberuflich, bei Frauen sogar 30 Prozent (siehe Grafik) . Mischformen zwischen selbstständig und unselbstständig werden häufiger, bei den Frauen ist jede fünfte Selbstständige auch angestellt. Viele haben daher gar nie vor, Personal einzustellen. Dass EPU deshalb keine „richtigen“ Unternehmen seien, weist Zehetner entschieden zurück: „Die Tätigkeit als EPU ist mehr als nur Arbeit. Das ist wirtschaftliche Selbstständigkeit in ihrer ureigensten Form, unternehmerischer geht’s nicht.“

- Motive Unabhängigkeit, flexible Zeiteinteilung und Selbstverwirklichung sind mit mehr als 70 Prozent Zustimmung die häufigsten Gründungsmotive, geht aus dem EPU-Monitor der WKO hervor. „Ein Unternehmen zu gründen ist heute keine große Sache und auch nix Endgültiges mehr. Vor 20 Jahren war das noch eine ganz große Lebensentscheidung“, analysiert Regina Haberfellner, Sozialwissenschafterin und Unternehmensberaterin. Immer öfter sei Selbstständigkeit eine Übergangsphase, die Gestaltungsmöglichkeit spiele da häufig eine größere Rolle als das Finanzielle.

- Zufriedenheit Laut „Austrian Entrepreneurial Index 2017“ der KMU Forschung Austria sind EPU mit ihrer beruflichen Situation zufriedener als Arbeitgeber-Betriebe. Frauen noch etwas mehr als Männer. „Vor allem hinsichtlich der Belastungssituation sowie der Vereinbarkeit der selbstständigen Tätigkeit und dem Privatleben gibt es deutliche Unterschiede“, fasst Peter Voithofer von der KMU Forschung Austria zusammen. EPU beurteilen auch Standortfaktoren wie Steuern und Abgaben etwas besser als Betriebe mit Beschäftigten. „Das ganze Thema Arbeitsrecht fällt bei ihnen weg“, hat Voithofer eine Erklärung.

- Soziale Lage Die soziale Absicherung für Selbstständige ist in Österreich besser als in den meisten EU-Ländern. Dennoch ist die Zahl der „Working Poor“ unter den Selbstständigen laut Gewerkschaft mit 15 Prozent doppelt so hoch als bei den Arbeitnehmern. Und: Fast 20 Prozent der Privatpleiten sind Ex-Selbstständige. Zurück bleibt ein Berg von Schulden. „Es gibt Qualifikationsprobleme. Nicht jeder eignet sich für die Selbstständigkeit“, sagt Haberfellner. „Wenn nach zwei bis drei Jahren kein Licht am Horizont auftaucht, ist es besser, das Unternehmen wieder zu schließen oder das Geschäftsmodell zu überdenken“, empfiehlt Zehetner.

Für die Gesamtwirtschaft sei die dynamische Entwicklung bei den EPU „weder gut noch schlecht“, meint IHS-Ökonom Helmut Hofer. „Es kommt ganz darauf an, was die machen.“ Während die Scheinselbstständigkeit am Bau eine klare Umgehung des Arbeitsrechts sei, könne die 24-Stunden-Pflege wohl nur in selbstständiger Form überhaupt leistbar bleiben.