Philipp von Lattorff, Generaldirektor Boehringer Ingelheim RCV

© Kurier/Gilbert Novy

Interview
05/28/2020

Boehringer-Chef: "Können Corona-Krise ohne den Staat meistern"

Generaldirektor Philipp von Lattorff über Engpässe, lokale Produktion und Verzögerungen bei der Standorterweiterung.

von Anita Staudacher

Die Pharmabranche rückte durch die Corona-Pandemie in den Fokus globaler Aufmerksamkeit. Der KURIER sprach mit Boehringer-Ingelheim-Österreich-Chef Philipp von Lattorff über hochriskante Medikamenten-Entwicklung, Rezepte gegen Lieferengpässe und Standorterweiterung in Zeiten der Krise.

KURIER: Einserfrage derzeit in der Pharmabranche: Wann kommt ein Impfstoff beziehungsweise Medikament gegen Covid-19?

Philipp von Lattorff: Das wird wohl noch ein gutes Jahr dauern, denk ich ... An Corona sieht man gut, wie schwierig es ist, ein neues Medikament zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Man kann die Pharma-Produktionen auch nicht so einfach und schnell umstellen wie eine Sockenfabrik, die jetzt halt Masken schneidert. Jede Neuentwicklung eines Medikamentes ist ein Hochrisikogeschäft. Im Schnitt dauert die Entwicklung zehn Jahre und kostet zwei Milliarden Euro.

Wie involviert ist Boehringer im Kampf gegen Corona?

Direkt an einem Impfstoff oder Wirkstoff arbeiten wir nicht. Wir unterstützen aber Wissenschafter, die an diversen Projekten arbeiten und haben ein paar Medikamente, die vielleicht die eine oder andere Nebenwirkung bei Covid-19 abfangen können.

Human- und Tiermedizin

1885 gegründet, zählt der deutsche Pharmakonzern  zu den größten Arzneimittelforschern und -herstellern weltweit. Schwerpunkte: Humanpharma, Tiermedizin und Biopharmazeutika.

Das Regional Center Vienna (RCV) ist Zentrum für Krebsforschung und einer von vier Standorten für F&E sowie Produktion von Biopharmazeutika.  Mit 2.100 Mitarbeitern und einem jährlichen Forschungsaufwand von 200 Mio. Euro zählt Boehringer zu den wichtigsten forschenden Pharmafirmen in Österreich .Philipp von Lattorff  leitet seit 2013 das  RCV und trägt die Verantwortung für 30 Länder Mittel- und Osteuropas, Zentralasien, Schweiz und Israel.

Gute Geschäfte

2019 stiegen die Gesamterlöse in der Region  um 13,9 Prozent auf 1,02 Mrd. Euro. Das Kerngeschäft Humanpharmazie wuchs um 12,8 Prozent auf 902,9 Mio. Euro, das Tiergesundheitsgeschäft konnte – vor allem durch die Integration des Merial-Geschäfts in mehreren Märkten – um 23,3 Prozent auf 119,6 Mio. Euro zulegen. In der gesamten Region werden 3780 Mitarbeiter beschäftigt. In Österreich stiegen die Erlöse um 8 Prozent auf 111 Mio. Euro, Hauptumsatzträger waren der Blutgerinnungshemmer Pradaxa, Spiriva sowie Diabetes-Produkte.

Wenn es einen Impfstoff gibt, soll es eine Impfpflicht in Österreich geben?

Nein, absolut nicht.

Warum nicht?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden können. Wenn der Impfstoff wirklich hilft und sicher ist, werden sich die Menschen sowieso impfen lassen.

Soll der Corona-Impfstoff ein weltweites Allgemeingut sein, bis die Pandemie erfolgreich bekämpft ist?

Ein Patentschutz ist schon extrem wichtig. Es kann nicht sein, dass das Unternehmen, das den Impfstoff entwickelt, nichts davon hat. Bei einer Pandemie muss man aber auch andere Parameter anwenden und das Mittel weltweit zur Verfügung stellen. Klar ist, die Impfung müssen sich alle leisten können.

Die Corona-Krise führte zu Versorgungsengpässen bei Wirkstoffen, die nur noch in Asien produziert werden. Die Politik will daher wieder mehr Pharma-Produktion zurück nach Europa holen. Was ist zu tun?

Es ist sicher kein Allheilmittel, jetzt wieder alles nach Europa zurückzubringen. Wir leben in einer global vernetzten Welt, da gibt es immer wieder Engpässe. Bei Ausbruch der Pandemie haben auch Lieferketten in Europa nicht funktioniert. Da muss man auch innerhalb von Europa besser zusammenarbeiten. Die Politik muss sich sicher anschauen, welche kritischen Produktionen es noch in Europa gibt und sie unterstützen, damit sie nicht abhanden kommen. Und man muss sich überlegen, wie wir kritische medizinische Produkte länger in Europa vorrätig halten.

Wie kann Europa als Produktionsstandort gegen Indien oder China konkurrieren?

Damit Produktion in Europa bleibt, muss sie hoch automatisiert und steuerlich subventioniert werden, anders geht es nicht. Es muss einfach die Bereitschaft da sein, für Medikamente mehr zu bezahlen. Wenn es sich für den Hersteller nicht mehr rentiert, hier zu produzieren, wird eben ausgelagert.

Erwarten Sie in den nächsten Monaten Versorgungsprobleme bei Arzneien?

Derzeit sehe ich keine großen Engpass-Probleme auf uns zukommen. Vorausgesetzt, es kommt keine zweite Corona-Welle...

Um Engpässe zu vermeiden, gilt seit 1. April in Österreich ein temporäres Exportverbot für verschreibungspflichtige Medikamente. Zeigt es bereits Wirkung?

Es ist gut angelaufen, wir haben schon einige Arzneimittel auf der Liste, bei denen es sonst wohl knapp geworden wäre.

Wie geht Boehringer Ingelheim in Wien mit der Corona-Krise um?

Wir sind sehr gut durch die Krise durchgekommen, haben viele Sicherheitsmaßnahmen gesetzt und konnten die Produktion durchlaufen lassen. Bis jetzt zum Glück ohne einen einzigen Covid-Fall. Es gab Homeoffice, auch unser Forschungsteam arbeitete von zu Hause, ist aber mittlerweile wieder zurückgekehrt. Den Bereich haben wir gleich nach Ostern wieder vor Ort hochgefahren. Wir hatten auch keine Kurzarbeit und keine Kündigungen. Wir können die Krise ohne den Staat meistern. Die staatlichen Förderungen sollen sich auf die Branchen konzentrieren, die es wirklich brauchen.

Der Standort wird gerade groß ausgebaut. Die neue Produktionsanlage soll im Herbst eröffnet werden. Hält dieser Zeitplan Corona-bedingt noch?

Die Baustelle ist für zwei, drei Wochen nur auf 50 bis 60 Prozent gelaufen. Weil es auch bei Zulieferern geringe Verzögerungen gab, werden wir die Eröffnung der neuen biopharmazeutischen Produktionsanlage jetzt von Herbst auf Frühjahr 2021 verschieben.

Suchen Sie noch immer zusätzliche Mitarbeiter?

Wir haben auch in den vergangenen Monaten Leute eingestellt und rekrutieren weiter. Im Vorjahr haben wir 512 neue Mitarbeiter eingestellt, heuer sollen weitere 100 dazukommen.

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