Wirtschaft
19.08.2016

Boehringer Ingelheim "runderneuert" Standort Wien

Pharmakonzern errichtet im Zuge seiner Großinvestition gleich mehrere neue Gebäude in Wien-Meidling.

Der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim baut seinen Standort Wien-Meidling kräftig aus und stellt sich nach dem Deal mit Sanofi strategisch neu auf. Im KURIER-Gespräch verrät Österreich-Chef Philipp von Lattorff Details über das Großinvestment, welches Personal künftig benötigt wird und warum Schweine ein tierisch gutes Geschäft sind.

KURIER: Ende des Vorjahres kündigte Boehringer Ingelheim den Bau einer biopharmazeutischen Produktionsanlage am Standort Wien an. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Philipp von Lattorff: Die Fertigstellung der neuen Anlage ist für 2021 geplant, aber wir setzen alles daran, dass sie vorher fertig wird. Je früher, desto besser. Es ist die größte Einzelinvestition von Boehringer und eine der größten Industrie-Investitionen in Wien überhaupt. Das geplante Volumen von 500 Millionen Euro und die Schaffung von 400 Arbeitsplätzen sind aus heutiger Sicht Minimumzahlen.

Es wird noch mehr investiert?

Wir sehen, dass die gesamte Infrastruktur rundherum nachgerüstet werden muss. Es wird nicht nur eine biopharmazeutische Produktionsanlage (für Wirkstoffe, die mit Hilfe von Zellkulturen hergestellt werden, Anm.) errichtet, sondern bis zu fünf weitere Gebäude dazu – etwa eine neue Qualitätskontrolle, ein neues Logistikzentrum, eine neue Energiezentrale, eine neue Portierloge oder ein Administrationsgebäude. Unsere Anlagen hier sind 30 Jahre alt. Dank des Großprojektes können wir jetzt alles rund herum erneuern und auf den neuesten Stand der Technik bringen.

Wien setzte sich bei der Standortvergabe gegen vier Städte durch. Was gab den Ausschlag?

Eine wichtige Rolle spielte hier sicher die Erhöhung der Forschungsprämie von zehn auf zwölf Prozent. Es ging aber auch um Risikostreuung innerhalb des Konzerns.

Erwarten Sie Verzögerungen durch die laufenden Genehmigungsverfahren?

Nein, ich erwarte mir überhaupt keine Probleme. Mit der Stadt Wien arbeiten wir sehr gut zusammen, die arbeiten sehr professionell. Es sind ja auch Investitionen, die mindestens 30, 40 Jahre halten werden. Wir machen schließlich keine Tablettenpresse, die man gleich verlagern kann, wenn es vielleicht irgendwo billiger ist.

Sind langfristige Investitionen in die Biopharmazie in der schnelllebigen Pharmabranche nicht ein hohes Risiko?

Das unternehmerische Risiko ist natürlich da. Wenn wir könnten, würden wir heute schon produzieren. Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Wirkstoffen ist groß, aber es ist nicht einfach, sie herzustellen. Die Hälfte der Produktion ist für den Eigenbedarf, die andere wird an Fremdfirmen verkauft. Unser Plan ist, bevor wir anfangen zu bauen, den Großteil der Kapazitäten schon verkauft zu haben.

Wie schwierig wird die Rekrutierung der Mitarbeiter und welche Qualifikationen suchen Se?

Die Rekrutierung wird in mehreren Tranchen laufen. Wir suchen ein ganzes Bündel an Qualifikationen, von der Reinigungskraft bis hinauf zum Produktionsleiter. Natürlich geht es primär um Fachkräfte mit naturwissenschaftlichem Hintergrund wie Biologie, Chemie oder Biochemie. Biopharmazie ist aber auch ein bisschen so wie Bier brauen. Wir benötigen daher auch Brauer, Mälzer oder Molkereifachkräfte. Ich bin zuversichtlich, dass wir alle Positionen hier in der Region vergeben können.

Boehringer verkauft noch heuer seine rezeptfreien Arzneien wie Dulcolax oder Thomapyrin an Sanofi und übernimmt stattdessen die Tiermedizin-Sparte der Franzosen. Wie wirkt sich der milliardenschwere Tausch-Deal auf Österreich aus?

Nach der Übernahme der Sanofi-Sparte Merial sind wir die Nummer zwei im Bereich Tiergesundheit und wollen zur Nummer eins werden. Sanofi wird dadurch weltgrößter Anbieter im Bereich Consumer Health Care (Selbstmedikation, Anm.). Umsatzmäßig geben wir in etwa soviel ab wie wir dazugewinnen. Wir werden mit Jahresende 35 Mitarbeiter an Sanofi abgeben, gleichzeitig aber einige Sanofi-Mitarbeiter übernehmen. Die genaue Anzahl wissen wir noch nicht.

Übernimmt Sanofi auch jene Mitarbeiter, die für das Osteuropa-Geschäft tätig waren?

Sanofi wird das Osteuropa-Geschäft nicht von Wien aus steuern, die sind anders aufgestellt. Bei einigen der betroffenen Mitarbeiter ist es noch fraglich, wie es mit ihnen bei Sanofi weitergeht, womöglich müssen sie ins Ausland wechseln.

Welche Perspektiven bietet die Tiermedizin für Boehringer?

Das Geschäft ist stark forschungsgetrieben und passt daher sehr gut zu Boehringer. Wir sind stark bei Impfstoffen für Schweine, Merial hingegen ist stark bei Hunden, Katzen und Hühnern, das ergänzt sich gut.

Was sind Ihre aktuellen Bestseller bei Tierarzneien?

Das sind die Impfstoffe für Schweine, wo es schöne Wachstumsraten gibt. Aber auch für Haustiere wird immer mehr Geld ausgegeben.

Welche Faktoren haben einen Einfluss darauf, ob Sie mehr oder weniger Schweine-Impfstoff verkaufen?

Es geht hier stark um Prävention. Wird geimpft, müssen später weniger Antibiotika gekauft werden. Die Investments hängen aber auch sehr stark vom Fleischpreis ab. Wenn die Fleischpreise in den Keller gehen, haben die Schweinebauern einfach weniger Geld, um in die Prävention zu investieren. Das spüren wir sofort.

Zur Person:

Philipp von Lattorff (48) leitet seit 2013 das Regional Center Vienna (RCV) von Boehringer Ingelheim und trägt die Verantwortung für 30 Länder Mittel- und Osteuropas. Das RCV ist Zentrum für Krebsforschung und einer von vier Standorten für F&E sowie Produktion von Biopharmazeutika. Mit 1500 Mitarbeitern zählt Boehringer Ingelheim zu den wichtigsten forschenden Pharmafirmen in Österreich.