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Wirtschaft
10/24/2019

Bilanz der Ära Draghi: Genialer Kommunikator, autokratischer Chef

Zum letzten Mal erklärt der Italiener den Währungskurs im Euroraum. Ab November übernimmt die erste Frau an der EZB-Spitze.

Ein genialer Kommunikator, der intern mit seinem Führungsstil für Kritik sorgte: Heute, Donnerstag, wird Mario Draghi ein letztes Mal als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) den geldpolitischen Kurs der Notenbanker offiziell erklären.

Ende Oktober verabschiedet er sich nach acht Jahren aus dem Amt, ab November nimmt die frühere französische Finanzministerin und Ex-Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde die Lenkung der Zinsen in die Hand.

Ein grundlegender Kurswechsel ist auch von Draghis Nachfolgerin nicht zu erwarten. Lagarde hat in ihrer Anhörung vor dem EU-Parlament schon deutlich gemacht, dass auch sie eine lockere Geldpolitik auf absehbare Zeit für nötig hält. Die Französin sagte aber auch: "Wir müssen die negativen Folgen und Nebeneffekte im Blick behalten."

Starke Differenzen

Große Erwartungen und Hoffnungen werden in Lagardes diplomatisches Geschick gesetzt. Ihr soll es gelingen, das zuletzt tief gespaltene Entscheidungsgremium - den EZB-Rat - wieder geschlossener hinter sich und ihrem Kurs zu versammeln. Draghis zusehends autokratischeres Agieren war  gegen Ende seiner Amtszeit auf heftige Kritik gestoßen.

So war bei der vorangegangenen Zinsentscheidung offen zutage getreten, dass mehrere Notenbankchefs - insbesondere der Deutsche Jens Weidmann und der neue österreichische Notenbank-Chef Robert Holzmann - mit Draghis Kurs nicht mehr vollends einverstanden waren. Das deutsche Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger trat sogar überraschend von ihrer Funktion zurück, ohne offizielle Angabe von Gründen.

Christine Lagarde (ab 1. November 2019)

Vor Jahren lobte die 63-jährige Französin Zentralbanker als "Helden der Krise". Nun rückt sie als erste Frau an die Spitze der EZB. Sie sei "keine supertolle Ökonomin", sagte die Juristin vor einigen Jahren, aber sie habe "genug gesunden Menschenverstand". Die frühere Synchronschwimmerin wurde 2007 Wirtschafts- und Finanzministerin, 2011 übernahm sie als erste Frau die Führung des Währungsfonds (IWF).

Mario Draghi (1. November 2011 - 31. Oktober 2019)

Mit wenigen Worten hat der Italiener Geschichte geschrieben. "Die EZB wird alles tun, um den Euro zu retten", versprach Draghi im Sommer 2012. Allerdings gibt es viel Kritik an der extrem lockeren Geldpolitik, denn der ehemalige Exekutivdirektor der Weltbank (1984-1990) und spätere Goldman-Sachs-Investmentbanker (2002-2005) zog alle Register. Oft gegen Widerstände aus dem Kreis der Zentralbanker.

Jean-Claude Trichet (1. November 2003 - 31. Oktober 2011)

Rezession, Finanzkrise, Schuldenkrise: Als EZB-Präsident steuerte der Franzose den Euro durch gewaltige Turbulenzen. Dabei brach der frühere Chef der französischen Zentralbank auch Tabus: Die Notenbank kaufte 2010 Anleihen maroder Staaten wie Griechenland. Der 76-jährige Trichet ist heute noch als Ratgeber gefragt. Der Absolvent französischer Eliteschulen gilt als überzeugter Europäer mit diplomatischem Geschick.

Wim Duisenberg (1. Juni 1998 - 31. Oktober 2003)

Die Einführung der Gemeinschaftswährung brachte dem Niederländer den Spitznamen "Mister Euro" ein. Sein kompromissloses Eintreten für eine stabile Währung trugen dazu bei, dass die Europäer dem neuen Geld vertrauten. Seine Schlagfertigkeit war legendär, gelegentlich sorgte Duisenberg mit lockeren Bemerkungen aber auch für Verwirrung an den Märkten. Duisenberg starb im Juli 2005 im Alter von 70 Jahren.

Allseits honoriert wird freilich, dass Draghi nahezu im Alleingang einen Kollaps der europäischen Währungsunion abgewehrt hat. Als die Spekulanten auf den Finanzmärkten bereits Wetten abschlossen, ob Spanien, Portugal oder Italien nach Griechenland als Nächste aus dem Euro ausscheiden müssten, erstickte Draghi diese Spekulationen im Keim.

Und demonstrierte eindrucksvoll, dass Kommunikation zur wichtigsten Waffe eines Notenbankers zählt. Mit seiner kühnen Ankündigung, die EZB werde alles in ihrer Macht stehende (und von ihrem Mandat gedeckte) tun, um so ein Szenario zu verhindern, gelang es ihm, die Spekulanten nachhaltig zu beeindrucken.

Die berühmten drei Worte

So wie Arnold Schwarzenegger die drei Worte "I'll be back" (Ich werde wiederkommen) zeit seines Lebens begleiten, dürfte auch Draghi die drei Worte "whatever it takes" (Was immer nötig ist) nicht mehr loswerden, die er am 26. Juli 2012 bei einer Finanzkonferenz in London geäußert hatte. 

Die Ankündigung war freilich das eine. Die schwierigere Herausforderung lag darin, diese hochtrabende Behauptung mit einem glaubwürdigen Maßnahmenpaket zu untermauern. Auch das meisterte Draghi im Verbund mit den EZB-Ökonomen in Frankfurt. Und zwar so konsequent, dass das sogenannte OMT-Programm (Outright Monetary Transactions) für Staatsanleihen nie zum Einsatz kommen musste. Die Ankündigung wurde geglaubt - das hat gereicht.

Führungsqualität umstritten

Unterdessen waren Draghis Führungsqualitäten mehrfach umstritten. Auch viele EZB-Mitarbeiter sehen diese überaus kritisch. In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der hauseigenen Gewerkschaft IPSO (International and European Public Services Organisation), äußerten gut 58 Prozent der Befragten Unmut, dass es unter Mario Draghis Führung bei Einstellungen nicht transparent zugegangen sei.

Rund 47 Prozent waren der Auffassung, dass sich Draghi nicht genügend um Mitarbeiterbelange gekümmert habe. Auch sein Führungsstil wurde kritisiert: „Zu wenige haben Zugang zu Insider-Information - es gibt ein Küchenkabinett, was nicht gut ist für eine Organisation, die so groß ist wie unsere“, lautete ein Kommentar. An anderer Stelle hieß es, Draghi verlasse sich auf einen kleinen Zirkel von loyalen Unterstützern.

Draghis deutsche Probleme

Ein EZB-Sprecher sagte zu den Ergebnissen der Umfrage, manche der Themen würden bereits angegangen. Der Dialog mit der Gewerkschaft werde unter der neuen Präsidentin Christine Lagarde fortgesetzt. Die Französin übernimmt den Posten Anfang November. Draghi scheidet dann nach acht Jahren an der Spitze aus - am Donnerstag dieser Woche nimmt er zum letzten Mal an einer zinspolitischen Sitzung des EZB-Rats teil.

Bessere Zustimmungswerte bekam Draghi für seine lockere Geldpolitik. So bewerteten 54,5 Prozent der Befragten seine Leistung mit „sehr gut“ oder sogar „herausragend“. 77,8 Prozent stimmten der Aussage zu oder stark zu, dass Draghi das Ansehen der EZB gestärkt habe.

Deutliche Unterschiede gab hier allerdings je nach Nationalität: Rund 90 Prozent der italienischen EZB-Beschäftigten befürworteten die geldpolitischen Beschlüsse unter Draghi, bei den Deutschen waren es lediglich 48 Prozent. Besonders in deutschen Medien wird der Italiener zum Schrecken der Sparer hochstilisiert, weil in seiner Ära - unter dem Eindruck der fortgesetzten Wirtschafts-, Finanz- und Politkrisen - die Zinsen nur gesenkt, aber nicht erhöht wurden.

Vorerst Abwarten angesagt

Nach dem geldpolitischen Feuerwerk aus dem September werden von der Sitzung in Frankfurt vorerst keine neuen Impulse mehr erwartet. Am Donnerstagnachmittag um 14.30 Uhr wird Draghi noch einmal den - extrem expansiven - Kurs der Notenbank erläutern.

Die EZB hatte Mitte September sowohl die Strafzinsen für geparkte Gelder von Banken von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent verschärft als auch den rekordniedrigen Leitzins von null Prozent zementiert. Die meisten Analysten gehen davon aus, dass der sogenannte Einlagenzinssatz noch einmal um weitere 0,1 Prozentpunkte sinken könnte, allerdings wohl frühestens bei der Dezember-Sitzung.

Gegen heftige Widerstände wurde zudem beschlossen, ab November frische Milliarden in Anleihenkäufe zu stecken - auf unbestimmte Zeit. Das viele billige Geld soll die Konjunktur ankurbeln und die Inflation anheizen. Mittelfristig strebt die EZB für den Euroraum eine Teuerungsrate knapp unter 2,0 Prozent an.

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