Der ehemalige Bank-Austria-Generaldirektor Gerhard Randa

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Wirtschaft von Innen
11/08/2015

"Heute sagen alle, der Randa war’s"

Österreichs einst mächtigster Banker bricht sein Schweigen. Im KURIER-Interview räumt der Ex-Chef der Bank Austria mit den Legenden über den Verkauf der größten Bank des Landes auf.

von Andrea Hodoschek

KURIER: Sie haben seit zehn Jahren kein Interview gegeben. Obwohl Sie immer wieder öffentlich heftig kritisiert wurden. Warum jetzt doch?

Gerhard Randa: Als ich 2005 ausgeschieden bin, habe ich mir vorgenommen, nie mehr etwas zur Bank Austria zu sagen. Doch im Zuge der aktuellen Diskussionen wird so viel Geschichtsfälschung betrieben, dass ich einiges richtigstellen möchte.

Sie waren Österreichs mächtigster – und meistgehasster – Banker. Heute noch gelten Sie, nicht nur in konservativen Kreisen, auch in Teilen der SPÖ und in der Gewerkschaft, als jener Mann, der die Bank Austria ins Ausland verschleuderte.

Bleiben wir doch bitte endlich bei der historischen Wahrheit. Nach dem Kauf der Creditanstalt war die Eigentümerstruktur der Bank Austria wie folgt:

Die Anteilsverwaltung Zentralsparkasse, die AVZ, war der größte Einzelaktionär mit 22,7 Prozent. Zweitgrößter Aktionär war die Westdeutsche Landesbank, die WestLB, mit knapp acht Prozent. Nummer drei die Wiener Städtische Versicherung mit 5,5 Prozent und der viertgrößte Aktionär war die Banca Intesa mit 3,2 Prozent. Der Rest war breit gestreut. Die Mehrheit der Aktien war schon seit 1990 in ausländischem Besitz. Das Unangenehme für die Stadt Wien war, dass die AVZ nicht einmal die Sperrminorität hatte, die Stadt aber zu hundert Prozent für alle Verbindlichkeiten der Bank Austria gehaftet hat.

Wie hoch waren diese Haftungen?

Circa 120 Milliarden Euro. Das waren damals 1651 Milliarden Schilling! Die Stadt haftete laut Sparkassengesetz, rein formalrechtlich war die Bank Austria nach wie vor eine Sparkasse.

Verdammt hoch für das Stadt-Budget.

Es gab in der Stadt Wien schon länger die Diskussion, ob eine derart gewaltige Haftung risikopolitisch und wirtschaftlich vertretbar ist. Ob die Stadt einen derartigen Haftungsrucksack überhaupt schultern kann. Dazu kam dann noch die politische Komponente. Die ÖVP, der Herr Dr. Görg, hat massivst in der Wiener Koalition darauf gedrängt, dass sich die Stadt aus der Bank zurückzieht. 1997 gab es einen gemeinsamen Beschluss der Wiener Koalitionsparteien mit der klaren politischen Willenserklärung, die Bank Austria vollständig zu privatisieren und sicherzustellen, dass die Haftung der Gemeinde erlischt.

Die CA hatte viel Geld in Nord- und Südamerika verloren, die Bank Austria in Russland. War die Bank ein Sanierungsfall?

Nein, wir waren kein Sanierungsfall. Eher ein Übernahmekandidat.

Aber die Russland-Krise war doch heftig.

Das war im August 1998. Am Freitag war die Welt noch in Ordnung und am Montag haben die russischen Banken alle Zahlungen auf bestimmte Derivativ-Produkte eingestellt. Wir waren Marktführer und verloren damals circa 2,5 Milliarden Schilling. Das war der Gewinn eines Jahres, wir haben Blut geschwitzt. Das hat aber sicher das Risikobewusstsein in der Stadt Wien geschärft und zu einem Umdenken geführt. Dass die Haftungen vielleicht doch nicht nur Theorie sind.

Die Stadt musste also die Haftungen loswerden?

Ja. Wie die Geschichte in der Zwischenzeit gezeigt hat, sind öffentliche Haftungen nicht nur Theorie, sondern können in der Praxis schlagend werden. Siehe Kärnten. So sehr der Wunsch, die Haftungen loszuwerden, verständlich und aus meiner Sicht auch richtig war – damit begann das Problem. Denn das ganze Geschäftsmodell in der Refinanzierung der Bank war auf der Haftung aufgebaut. Ein ersatzloser Wegfall hätte schreckliche Folgen für die Bank gehabt.

Was wäre so furchtbar gewesen?

Wir sprachen mit allen Ratingagenturen, mehreren Investmentbanken, Wirtschaftsprüfern und haben Rechtsgutachten eingeholt – was wäre wenn. Die Ergebnisse waren eindeutig. Ein Haftungsentfall ohne einen gleichzeitigen ökonomischen Ersatz dafür – entweder durch eine gewaltige Kapitalerhöhung oder durch eine Verpartnerung – würde das Rating der Bank Austria von Triple-A in den tiefsten Keller der Ramschpapiere abstürzen lassen. Wir hätten auch die Kernaktionäre schwer geschädigt, denn der Kurs wäre natürlich ins Bodenlose gefallen.

Daher die Umwandlung der AVZ in eine Stiftung?

Das war die einzige Möglichkeit des Haftungsentfalls. Das musste aber in den Organen beschlossen werden. Ein einseitiger Beschluss hätte möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen gehabt, aber auf jeden Fall Schadenersatzklagen. Man kann nicht einfach sagen, so, jetzt geben wir die Haftungen weg und gleichen das nicht aus. Der ganze Markt und alle, die investiert haben, haben sich schließlich auf die Haftungen verlassen.

Dasselbe Problem, das Finanzminister Schelling derzeit bei der Kärntner Hypo hat?

Natürlich. Um diesem Wunsch der Stadt Wien und des größten Einzelaktionärs AVZ Rechnung zu tragen, machten wir uns auf die Suche nach Partnern. Denn eine massive Kapitalerhöhung war nicht platzierbar. Die WestLB und die Wiener Städtische haben freundlich lächelnd abgewunken. Mehr als zwei Jahre hat es gedauert, bis wir in der HypoVereinsbank (HVB) jemanden fanden, der bereit war, mit uns zusammenzugehen.

War die Bank nicht so leicht anzubringen?

Wir haben mit etlichen Banken gesprochen. Ich erinnere mich sehr gut, dass der Vorstandsvorsitzende der HSBC, der größten und stärksten Bank weltweit, damals zu uns sagte, er würde nie in ein großes Unternehmen in Österreich investieren. Weil das Arbeitsrecht unternehmerfeindlich ist. Die HVB war zu diesem Zeitpunkt, als die Entscheidung fiel, für uns ein guter Partner. Sie war wirtschaftlich stark und hatte stille Reserven von fast 13 Milliarden Euro. Die Bewertung der ganzen Bank-Austria-Gruppe lag bei ungefähr zehn Milliarden.

Also haben Sie doch den Verkauf betrieben? Sie waren immerhin sehr einflussreich. Bleiben wir bei der Wahrheit: Verkaufen kann nur der Eigentümer, niemals der Geschäftsführer. Alle Organe der Aktionäre mussten die entsprechenden Beschlüsse fassen, dann musste eine außerordentliche Hauptversammlung stattfinden. Sie hat mit 99,9 Prozent zugestimmt. Viele Dutzend Leute waren damit beschäftigt, diesen Deal entweder gutzuheißen und zuzustimmen oder ihn zu verdammen und in die Hölle zu schicken. Damit ist, glaube ich, die Frage, wer was verkauft hat, erledigt. Wenn jemand sagt, der böse Randa hat die Bank verscherbelt, ist das unredlich und derjenige beleidigt eigentlich seine eigene Intelligenz. Selbst wenn nur ich alleine den Zusammenschluss mit der HVB gewollt hätte, alle hätten Nein sagen können. Generaldirektor Sellitsch von der Wiener Städtischen, der Chef der WestLB, Friedel Neuber. Und der Betriebsrat hat das bekannte satzungsmäßige Vetorecht. Alle hätten das mit einem Federstrich abdrehen können. Glauben Sie tatsächlich, alle waren paralysiert und wussten nicht, wie ihnen geschieht. Das Allerwichtigste aber, und darauf lege ich heute noch großen Wert und darüber sollte jeder Wiener und Steuerzahler glücklich sein: Aus 120 Milliarden Haftungen der Stadt Wien ist ein einstelliger Rest geblieben und der wird auch abschmelzen.

Wie sehr hat sich die Politik in die Bank eingemischt?

In meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender, egal bei welcher Bank, ist von keinem Politiker in unzulässiger Art und Weise Druck ausgeübt worden.

Aber Sie haben doch in Ihrer Aktivzeit selbst gesagt, dass Sie die Politik nervt.Mich hat das Theater genervt, das die ÖVP wegen der CA aufgeführt hat. Der Druck der ÖVP auf den Ausstieg der Stadt Wien war natürlich nicht nur aus Sorge wegen der Haftung. Ein starkes Motiv war die CA-Übernahme. Nach dem Motto: Ihr habt uns die CA weggenommen, wir werfen euch jetzt bei der Bank Austria hinaus.

Die ÖVP war sehr stolz über die Privatisierung.

Die ÖVP hat damals sogar Plakate in Wien kleben lassen, um die Privatisierung der Bank zu bewerben. Ich erinnere mich an eine Aussendung der Wiener ÖVP, in der die Privatisierung als "Meilenstein intelligenter Wirtschaftspolitik" bezeichnet wurde. Dieser Erfolg sei "ausschließlich den Bemühung von Bernhard Görg und dem unermüdlichen Einsatz der Volkspartei zu verdanken". Heute sagen alle, der Randa war’s.

Ihre Kritiker werfen Ihnen auch vor, Sie hätten den Deal aus reiner Karriere-Geilheit eingefädelt. Um in den Vorstand der HVB zu kommen.

Diese Unterstellung ist absurd. Ich war immer lieber der Erste in Wien als einer von neun in München. Wenn ich das wirklich gewollt hätte, hätte ich am ersten Tag meiner Funktion in München nach Bayern übersiedeln müssen. Außerdem wäre es doch eine völlige Illusion gewesen, zu glauben, dass man als roter Banker im CSU-dominierten Bayern Karriere macht.

Weshalb sind Sie überhaupt in den HVB-Vorstand gegangen?

Das einzige Ziel war, sicherzustellen, dass im Konzernvorstand keine Beschlüsse fallen, ohne dass der Teilkonzern Bank Austria mit am Tisch sitzt. In all den Jahren wurde ich kein einziges Mal bei einer Entscheidung, die die Bank Austria betraf, überstimmt. Ich war öfters anderer Meinung als meine Vorstandskollegen, das können Sie mir glauben.

Warum haben Sie dann den Vorstandsjob in Bayern hingeschmissen?

Wir hatten in München ein beachtliches Rationalisierungsdefizit und nachdem wir in Österreich so gute Erfolge hatten, wurde ich gebeten, den Chief Operating Officer zu übernehmen. Wir sind das mit großem Elan angegangen und haben im ersten Jahr eine echte Netto-Kosteneinsparung von 1,3 Milliarden Euro durchgezogen. Das hat, was natürlich zu bedauern ist, aber notwendig war, mehr als 3000 Arbeitsplätze gekostet. Ich wollte diesen Kurs fortsetzen, bin aber gegen einen unüberwindbaren Widerstand gelaufen. Die deutschen Gewerkschaften legten sich total quer und meine Kollegen wollten keinen Krieg. Da bin ich raus. Ich laufe nicht gegen Gummiwände.

Zur UniCredit. Sind die Italiener gute, nachhaltige Eigentümer der Bank Austria oder wollen sie nur das schnelle Geld? Das kann ich im Detail nicht wirklich beurteilen. Von außen kann ich nur aus den veröffentlichten Daten feststellen, wie sich das Eigenkapital der Bank entwickelt hat. Von 6,871 Milliarden Euro beim Einstieg auf knapp 15 Milliarden Euro. Das schaut mir nicht nach einem schlechten Eigentümer aus.

Sie haben im Aufsichtsrat der HVB gegen die Übernahme durch die UniCredit-Gruppe gestimmt.Ja, mit sechs weiteren Aufsichtsräten. Darunter Professor Sinn und vier Betriebsräte. Aber die Mehrheit der Betriebsräte und Kapitalvertreter war dafür. Nach dieser Abstimmungsniederlage bin ich zurückgetreten.

Sind Sie als Banker letztlich gescheitert?Nein, es war mein Ehrgeiz, zu beweisen, dass wir in Österreich in der Lage sind, internationalen Maßstäben zu genügen. Das hat funktioniert. Die Bank Austria war die Cash Cow im HVB-Konzern. Am Ende dominierte allerdings die kombinierte Macht deutscher und österreichischer Gewerkschaften und die Mutlosigkeit der Kollegen im Management der Konzernspitze bzw. bei den Hauptaktionären der Konzernmuttergesellschaft.

Bank Austria: 2000 Jobs weniger?

Das Privatkunden- und Kleinfirmen-Geschäft dürfte wie berichtet doch nicht an die Bawag verkauft werden. Aber UniCredit rationalisiert den ganzen Konzern und wird auch die Bank Austria radikal umbauen, um die Erträge zu steigern. Am 11. November will UniCredit-Chef Federico Ghizzoni Details bekannt geben. Konzernweit sollen 12.000 Mitarbeiter abgebaut werden, rund 2000 davon in Österreich. Die Osteuropa-Holding könnte wegen der Bankensteuer von Wien nach Mailand übersiedelt werden.

Gerhard Randa

Nach dem Welthandels-Studium begann der heute 71-Jährige in der Zentralsparkasse (Z). Er wechselte in die Creditanstalt (CA), dann in die Länderbank, die er zuletzt als Generaldirektor leitete. Nach der Fusion von Z und Länderbank zur Bank Austria war Randa zunächst Vize-General, ab 1995 Chef der Bank Austria. Mit der Fusion mit der Münchner HVB ging Randa in den Konzernvorstand und wurde Aufsichtsratspräsident der Bank Austria. Zuletzt war er kurz im Aufsichtsrat der HVB. 2005 legte er alle Funktionen zurück und ging als Executive Vice President für Finanzen zu Magna International nach Toronto. Seit 2012 ist Randa im Aufsichtsrat der Sberbank Europe, er ist international nach wie vor als Berater gefragt. Hobbys des zweifachen Großvaters: Schwammerlsuchen, Bergwandern, Musik (von Beethoven bis Coltrane und italienische Opern).