© Felber/Wolfgang Höfinger

Wirtschaft
12/27/2020

Bäckerin Doris Felber: "Wegg’haut wird nix"

Die Wiener Bäckerin plaudert über versenktes Werbegeld, blöde Werbeschmähs und schlechte 1-A-Lagen.

von Simone Hoepke

Doris Felber hat gemeinsam mit ihrem Mann – der nach wie vor selbst in der Backstube steht – eine Bäckereikette mit knapp 50 Filialen und mehr als 400 Mitarbeitern aufgebaut. Diese Woche hat sie auf Social Media für Aufregung gesorgt, weil sie ihre Mitarbeiter aufgefordert hat, im neuen Jahr nur noch mit negativem Corona-Test zur Arbeit zu erscheinen. Sie mache das auch im Interesse der Kunden, betont die Firmenchefin.

KURIER: Frau Felber, im Frühjahr 2020 ist ein Shitstorm über Sie hereingebrochen, weil sie in einem Video auf Facebook Dinge wie „Nageln Sie sich eine Topfengolatsche“ gesagt haben. Haben Sie sich 2021 vorgenommen, die Finger von Facebook zu lassen?

Doris Felber: Fragen Sie mich privat? In diesem Fall ja, ich hab nämlich gar kein Facebook. Beruflich ist das anders, da musste ich lernen, dass es ohne nicht mehr geht. Bei Social Media hören dir die Leute wenigstens zu! So gesehen ärgere ich mich über das viele Geld, das ich in Werbung gesteckt habe, an die sich keiner mehr erinnern kann.

Ist Brot verkaufen heute vor allem eine Marketingleistung?

Brot ist und bleibt ein Grundnahrungsmittel ...

... das es überall zu kaufen gibt. Und trotzdem stehen Leute in Wien bei gewissen Bäckern Schlange ...

Ich beneide Joseph Brot und Öfferl um das, was sie gemacht haben – Gutes machen und drüber reden. Sie zeigen uns vor, dass es gelingen kann, die Leute wieder zurück in die Bäckerei zu holen.

Welche Werbeschmähs können Sie nicht mehr hören?

Wenn behauptet wird, dass ohne Hefe gebacken wird. So ein Blödsinn. Wer sagt, dass er mit Natursauerteig bäckt, bäckt auch mit Hefe, weil diese im Natursauerteig völlig natürlich entsteht. Wenn sie ohne Hefe backen, müssen sie Backpulver verwenden. Sonst können sie hundert Stunden warten und der Teig wird noch immer nicht aufgehen. Der Natursauerteig ist oft ein Schmäh...

Warum?

Eine Zeit lang haben sich die Bäcker das Geschäft von der Industrie aus der Hand nehmen lassen, die sie mit billigen Backmischungen versorgt hat. Das hat sich geändert. Ich trau mich zu behaupten, dass heute alle Bäcker wieder mit Natursauerteig arbeiten, auch wenn einige so tun, als wäre das etwas ganz Besonderes.

Viele kaufen das Brot ohnehin im Vorbeigehen im Supermarkt oder Diskonter.

 

Ja, wir Bäcker haben uns von denen die Rolle des Nahversorgers wegnehmen lassen. Die Backshops von Lidl und Hofer haben wir extrem zu spüren bekommen. Sie brauchen ja nur zu schauen, wie viele Tausend Kilo Brot dort jeden Tag in den Regalen liegen.

 

In Wien wird angeblich so viel Brot weggeworfen, wie in Graz gegessen wird ...

Momenterl! Da muss man sich schon die Größenverhältnisse anschauen! Graz ist ja nicht einmal ein Zehntel von Wien, ich will nicht wissen, wie viel Obst wegg’haut wird, aber immer kommt dieses Brot-Beispiel ...

Wie viel Brot muss Felber entsorgen?

Gar keines. Wir arbeiten unter anderem mit Vinzi, der Gruft und Licht ins Dunkel zusammen.

Ist das wegen der Hygiene-Vorschriften eine logistische Herausforderung?

Nicht, wenn die Organisationen das Brot in der Filiale abholen. Das tun sie bei uns.

Zu 100 Prozent?

Den kleinen Rest bekommt ein Bauer in Bad Vöslau. Der verfüttert das an seine Tiere. Wegg’haut wird nix.

In Corona-Zeiten wollen viele den Einkauf schnell und in einem Geschäft erledigen. Spüren Sie das in Ihren knapp 50 Filialen?

Da muss man unterscheiden. In den Wohngebieten läuft unser Geschäft wieder sehr gut, in den 1-A-Lagen überhaupt nicht.

Wie schaut es bei Letzteren aus?

Einbrüche von Minus 40 bis 60 Prozent. Am Praterstern fehlen zum Beispiel jene, die jetzt im Homeoffice sind, am Reumannplatz hatten wir ein großes Kaffeehaus dabei, das jetzt im Lockdown geschlossen bleibt und in der Stadt fehlen Touristen wie Angestellte.

Sie haben Standorte in Wien und Niederösterreich. Kann man überall die gleiche Handsemmel verkaufen?

Nein, leider. Handsemmeln kann man vor allem dort verkaufen, wo der Joseph Brot auch verkauft, also in den inneren Bezirken (lacht). Als Alternative haben wir unsere Aromasemmeln, die von der Maschine gemacht sind, aber eine lange Teigführung haben. Das kostet nicht mehr Geld, macht sie aber aromatischer.

Apropos Geld: Sie haben 47 Standorte, zahlen sie derzeit überall die vollen Mieten?

Ich laufe seit März den Vermietern um Nachlässe nach. Nur dort, wo die Umsätze noch passen, sekkiere ich sie nicht. Wir mussten drei Standorte schließen, fünf weitere könnten folgen.

Mit wie viel weniger Umsatz rechnen Sie 2020?

Die genauen Zahlen habe ich erst in einigen Wochen, aber ich rechne mit Minus 30 bis 40 Prozent.

Sie haben zuletzt 60.000 Euro Gewinn geschrieben und einen Bilanzgewinn von 1,3 Millionen ausgewiesen. Wie sind die Aussichten für das Corona-Jahr 2020?

Schwierig, wir haben ja ringsherum eine schwierige Situation. Unser Geschäft mit der Hotellerie und Gastronomie ist auf Null. Aber wir tun alles, um das durchzustehen, haben sogar einen Unternehmensberater, der dafür sorgt, dass nix schief läuft.

Im Frühjahr 2020, also im ersten Lockdown, waren 340 von 440 Mitarbeitern in Kurzarbeit. Wie schaut es aktuell aus?

Unverändert, das Instrument Kurzarbeit funktioniert bestens.

Sind Ihre Kinder schon im Betrieb?

Einer meiner Söhne hat wegen Corona einen Job nicht bekommen und muss deswegen jetzt bei mir arbeiten. Und meine Tochter studiert noch und muss in der Filiale stehen (lacht)....

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