Wirtschaft
03.10.2017

Aus, vorbei: Die allerletzten Autos aus Down Under

Nach Ford sperren in Australien Toyota und GM Holden zu: Warum enden 2017 fast hundert Jahre Autotradition?

An diesem Dienstag, zwölf Uhr Mittag, rollte in Altona North, einem Vorort von Melbourne, der letzte Toyota Camry vom Band. Ein historischer Moment: 1963 hatte der japanische Autokonzern Toyota hier sein erstes Produktionswerk im Ausland aufgezogen.

Jetzt fällt endgültig der Rollbalken, 2600 Beschäftigte müssen sich um einen neuen Job umsehen. Ein "furchtbar trauriger Tag", kommentierte Industrieminister Wade Noonan.

Aus für Aussie-Klassiker

Damit nicht genug der Tränen: Schon in zwei Wochen geht für die australische Automobilfertigung endgültig das Licht aus. Am 20. Oktober stellt der letzte verbliebene Hersteller, GM Holden, in Elizabeth bei Adelaide die Produktion ein. Der Abgesang auf einen Aussie-Klassiker.

Vor einem Jahr hatteUS-Konzern Ford, der seit 1926 vertreten war, seine Werke in Broadmeadows und Geelong dicht gemacht. Mitsubishi war noch früher dran und hatte 2008 zugesperrt.

Insgesamt werden somit in Australiens Autoproduktion und Zulieferindustrie 50.000 Menschen auf der Straße stehen – manche Schätzungen gehen sogar von 200.000 Arbeitern und Angestellten aus. Wie konnte es soweit kommen?

Gründe für den Niedergang

Der Niedergang kam nicht plötzlich, sondern schleichend über viele Jahre – und er hat mehrere Gründe:

Kleiner Markt

Australien ist zwar ein Kontinent mit gewaltigen Ausmaßen, aber ziemlich kleiner Bevölkerungszahl. 23 Millionen Einwohner sind heutzutage ein zu kleiner Absatzmarkt, um Autos rein für den Inlandsbedarf zu produzieren.

Teure Produktion

Um im Export zu reüssieren, waren Australiens Autofabriken schlicht zu teuer. Zumal einige Billiglohnländer und Automobil-Zentren direkt vor der Haustüre liegen. So verdient ein australischer Fabriksarbeiter laut News Corp Australia im Jahr rund 69.000 australische Dollar (rund 46.000 Euro). Sein Kollege in Thailand findet nur 12.500 Dollar (8.300 Euro) auf seinem Konto wieder.

Ende der Subventionen

Um die Wettbewerbsnachteile gegenüber den Import-Autos zu kompensieren, griff der Staat tief in die Taschen der Steuerzahler: Allein in den vergangenen zehn Jahren wurde die Autoindustrie mit fünf Milliarden austral. Dollar (3,3 Mrd. Euro) subventioniert. Seit 1997 hatten sich die Förderungen sogar auf mehr als 30 Milliarden Dollar (20 Mrd. Euro) belaufen.

Das Aus für die Autoindustrie ist somit nicht einfach passiert, es war eine bewusste politische Entscheidung. Schon ab den 1980ern war klar geworden, dass die Regierung nur noch den Niedergang geordnet abwickeln könne.

2014 fiel dann unter Premier Tony Abbott die Entscheidung, dass die Förderungen auslaufen. Womit das Ende der Industrie besiegelt war. „Sachen zu produzieren, das ist jetzt offiziell vorbei. Australien ist jetzt ein Land, dessen Wirtschaft nur noch Aufträge erledigt oder Menschen betreut“, sagte der Ökonom Jason Murphy.

Handelsabkommen

Für die global aufgestellte Autoindustrie war nämlich schon seit längerem die günstigere Alternative, Autos nach Australien zu importieren, anstatt sie vor Ort herzustellen.

Beschleunigt wurde das durch das Freihandelsabkommen mit Thailand aus dem Jahre 2005, mit dem die Einfuhrzölle fielen. Seither wurden zwei Millionen Thai-Fahrzeuge nach Australien verkauft; in Gegenrichtung waren es ganze 100 Stück.

Krisenfreier Weltrekord

Dennoch dürfte die Industriepolitik nicht alles ganz falsch gemacht haben: Australien hält seit Sommer 2017 den offiziellen Weltrekord für die längste Phase ohne Wirtschaftskrise – mit 26 Jahre in Folge ohne eine einzige Rezession.

Zur KURIER-Story: 26 Jahre ohne Rezession

Zwar seien im abgelaufenen Jahr 50.000 Jobs im produzierenden Bereich weggefallen, dafür aber auch 350.000 im Dienstleistungssektor neu entstanden, betont Murphy.

Und das seien nicht durch die Bank „Hamburger-Brater“, wie oft argwöhnisch behauptet wird. „Ist es wirklich so viel schlimmer, ein ‚Helfer‘ zu sein als ein ‚Macher‘? Es ist keine Schande, im Dienstleistungsbereich tätig zu sein“, schrieb der Ökonom in einem Beitrag für News-Network.

Ende Legende

Was allerdings sehr wohl verschwindet, ist ein australischer Klassiker. Zwar werden Automobile der australischen Marke Holden weiterhin produziert werden, sie kommen aber künftig aus Deutschland und werden bei Opel gebaut.

Was 1856 als Sattlereibetrieb in Adelaide begonnen hatte, hatte sich in den 1950ern zu einem wahren Volkswagen in Down Under entwickelt, mit 500.000 hergestellten Fahrzeugen bis Ende der Dekade. Typen wie Holden EH, Monaro oder Commodore genießen unter älteren Australiern Kultstatus. Seit 1931 war Holden eine 100-Prozent-Tochter des US-Konzerns General Motors.