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Wirtschaft
02/03/2021

Rückzug: "Auch Amazon wird pleitegehen"

Amazon-Gründer Jeff Bezos plant eine neue Karriere – diese könnte ihn ins Weltall führen.

von Wolfgang Unterhuber, Robert Kleedorfer

Der vergangene Dienstag war für Hightech-Pionier Elon Musk kein guter Tag. Zum zweiten Mal ist ein Prototyp einer Rakete von seinem Unternehmen SpaceX bei der Landung explodiert. Musk will mit SpaceX Reisen zum Mond und zum Mars ermöglichen. „Wir müssen an der Landung noch ein bisschen arbeiten“, so ein SpaceX-Manager.

Wenig Freude wird Musk auch mit einer zweiten Nachricht an diesem Tag gehabt haben. Da gab Amazon-Chef Jeff Bezos seinen Rücktritt als Vorstandschef bekannt, um sich neuen Projekten in seinem Imperium zu widmen. Die Tech-News-Plattform „The Information“, stellte rasch die Vermutung auf, dass er nun Elon Musk Konkurrenz machen könnte. Und zwar im Weltraum. Denn so wie Musk hat auch Bezos mit Blue Origin sein Weltraumunternehmen.

Bezos hat schon vor Jahren angekündigt, dass er irgendwann selbst in einer Rakete seiner Weltraumfirma mitfliegen will. Außerdem hat er mit Musk noch eine Rechnung offen. Hat ihn der PayPal- und Tesla-Gründer doch zuletzt als reichster Mann der Welt überholt.

„Ende einer Ära“

Als „Ende einer Ära“ wurde die Nachricht von Bezos' Rücktritt kommentiert. Wobei er sich ja nicht völlig aus dem Unternehmen zurückziehen wird. Er wird Executive Chairman. Das ist ein Posten, der irgendwo zwischen Aufsichtsratschef und Co-Geschäftsführer angesiedelt ist.

Und doch bedeutet sein Abgang aus dem unmittelbaren Tagesgeschäft, dass vier der fünf „Großen Fünf“ Tech-Giganten (Google, Facebook, Microsoft, Amazon, Apple) nicht mehr von ihren Gründern geführt werden. Nur noch Mark Zuckerberg ist noch im operativen Geschäft.

Amazon ist unter Bezos seit der Gründung 1994 zu einem der höchstbewerteten Konzerne in der Geschichte der Wirtschaft geworden. Man ist der zweitgrößte privaten Arbeitgeber der USA. Das aktuelle Vermögen von Bezos wird laut „Bloomberg Billionaires Index“ auf umgerechnet 163 Milliarden Euro geschätzt.

Weltweit 300 Millionen Kunden zählt Amazon. Keiner steht in der Branche für so viel Zuverlässigkeit und Kundennähe. Die Corona-Pandemie hat das Geschäft noch einmal befeuert.

Cloud-Services

Begonnen hat alles im Juli 1994. Da gründeten Jeff und seine damalige Ehefrau MacKenzie-Scott Bezos bei Seattle einen Online-Buchhandel. Was mit Büchern begann, entwickelte sich zum größten Internetkaufhaus der Welt.

Heute punktet Amazon mit seinen Cloud-Services, die etwa Start-ups IT-Anwendungen und Speicherplatz im Netz bieten. Das Cloud-Geschäft bringt inzwischen auch mehr Profit als der Onlinehandel. Deshalb wird mit Andy Jassy auch der Leiter dieser Sparte zum künftigen Vorstandschef befördert.

Doch der Bauchladen von Bezos umfasst noch andere Bereiche: Im Streaming-Geschäft will man Marktführer Netflix Konkurrenz zu machen. Und mit dem Aufbau einer eigenen Lieferlogistik setzt der Konzern Paketzusteller wie UPS, Fedex und DHL unter Druck.

Die Schattenseite

Der Erfolg kennt auch eine Schattenseite. Vor allem für Mitarbeiter, Lieferanten und Geschäftspartner. Dem Konzern wird vorgeworfen, mit seiner großen Marktmacht und seinen Niedrigpreisen den Einzelhandel zu zerstören. Auch wegen umstrittener Arbeitsbedingungen gibt es häufig Kritik.

Ausgestattet mit dem eruptiv brodelnden Naturell eines überspannten Schauspielers gilt sein Führungsstil als eine Mischung aus Sektenführer und Sowjetfunktionär.

2019 machte Bezos mit seinem Privatleben Schlagzeilen. Nach 25 Jahren Ehe gaben Ehefrau MacKenzie-Scott und Bezos ihre Trennung bekannt. MacKenzie-Scott wurde durch die Scheidung von Bezos zur reichsten Frau der Welt. Sie hatte nach der Scheidung von Bezos ein Amazon-Aktien-Paket bekommen, das damals einen Wert von rund 36 Milliarden Dollar hatte.

Laut US-Nachrichtenagentur Bloomberg hat Scott nun ein Vermögen von 68 Milliarden Dollar, weil Amazon von der Krise profitiert. Inzwischen ist sie zu einer führenden Figur in der amerikanischen Philanthropie-Szene aufgestiegen.

Bleibt die Frage, worum Bezos wirklich geht. Vermutlich weil man die Party verlassen soll, wenn es am schönsten ist. 2013 erklärte er im Sender CBS, dass auch erfolgreiche Firmen nur eine kurze Lebensdauer hätten „Das gilt selbst für die schillerndsten und wichtigsten der jeweiligen Zeit – ihr wartet ein paar Dekaden und sie sind weg vom Fenster.“ Auch Amazon werde dieses Schicksal früher oder später erleiden.

Über die Sterblichkeit

Auch in Aufnahmen einer Vollversammlung aus dem Jahr 2018 wird seine Überzeugung von der unausweichlichen Sterblichkeit von Amazon deutlich. „Amazon ist nicht too big to fail. Auch Amazon wird pleitegehen. Wenn ihr euch die großen Unternehmen anschaut, liegt die Lebensdauer bei 30 Jahren plus, nicht bei 100 Jahren plus.“ Heuer ist Amazon 27 Jahre alt.

Börsianer bleiben ruhig

Die Nachricht von Jeff Bezos Abgang hätte Börsianer eigentlich aus der Ruhe bringen müssen. Hat sie aber nicht. „Die Zahlen waren gut, aber die Reaktion der Börse auf den Chefwechsel überrascht“, sagt Monika Rosen, Chefanalystin der Bank Austria, zum KURIER. Denn nachbörslich legte die Amazon-Aktie am Dienstag ein Prozent zu, am Mittwoch gab sie zur Eröffnung 0,5 Prozent ab. Nicht die Welt. „Der Markt ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen“, beschreibt Rosen die anhaltende Hochstimmung an der Techbörse Nasdaq.

Dort notiert das 1994 gegründete Unternehmen schon seit fast 24 Jahren. Die ersten Jahre waren wie bei vielen Start-ups verlustreich. Erst nach der Jahrtausendwende gab es erste kleine Gewinne. In den ersten 14 Jahre nach dem Börsegang wurde nur so viel Gewinn eingefahren wie alleine im vierten Quartal 2017.

66 Prozent Plus

„Die Börse hat Bezos die nötige Zeit gegeben“, so Rosen. Das hat sich gelohnt. Der Kurs ist seit Börsenstart im Mai 1997 von 1,73 Dollar auf heute rund 3.365 Dollar angestiegen. Alleine im Vorjahr waren es circa 66 Prozent. Freilich, Dividende haben die Aktionäre bis dato keine gesehen.

Und trotz des hohen Gewinns ist der Aktienkurs rein theoretisch schon völlig überzogen. Aber die reine Theorie ist an der Börse selten gefragt. Daher empfehlen nach wie vor viele Analysten den Titel zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel für Jahresende beträgt mehr als 4.000 Dollar.

Doch auf was soll das Wachstum fußen? „Die Basis der über den Erwartungen liegenden Zahlen sind die Web Services“, sagt Rosen. Bei den Cloud-Diensten ist Amazon mit 33 Prozent Marktanteil klar führend vor Microsoft und Google. Hier ist weiteres Wachstum zu erwarten. Analysten sehen auch Chancen beim Versand von Pharmazeutika und Lebensmitteln, wenngleich hier Logistik und Vorschriften komplexer sind.

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