© Andreas Jakwerth

Interview
05/02/2020

AT&S-Chef Gerstenmeyer: „Europa hat die Gefahr unterschätzt“

Die Seuche sei zu lange als chinesisches Problem gesehen worden. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen gelten im gesamten Konzern.

von Wolfgang Unterhuber

Der börsennotierte österreichische Weltkonzern AT&S war von Anbeginn voll von der Coronakrise betroffen. Denn AT&S hat Werke in Österreich (Leoben und Fehring), Südkorea (Ansan), Indien (Nanjangud) sowie China (Schanghai und Chongqing). AT&S ist ein Leiterplattenhersteller und bedeutender Lieferant für den Mobilfunkbereich, die Automobil- und Industrieelektronik sowie die Medizintechnik.

Weltweit zählt AT&S rund 10.000 Mitarbeiter und setzte zuletzt rund eine Milliarde Euro um. Kernaktionäre sind die Industriellen Willi Dörflinger und Hannes Androsch; über 64 Prozent befinden sich im Streubesitz. Der KURIER sprach mit dem Vorstandschef Andreas Gerstenmayer über Management in und Wege aus der Krise.

KURIER: Wie managen Sie einen Weltkonzern in Zeiten wie diesen?

Andreas Gerstenmayer: Man muss mehr oder weniger Tag und Nacht auf der Brücke sein und Flagge zeigen. Das bedeutet ständige Kommunikation mit Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, Investoren.

Per Video und so weiter?

Ja klar. Aber das machen wir sowieso auch in normalen Zeiten. Seltsam ist nur, wenn man dann in der Zentrale plötzlich nahezu allein ist, weil ja fast alle Kollegen im Homeoffice sind.

Was geht Ihnen ab?

Der direkte Kontakt mit den Kollegen, die spontanen Diskussionen. Und es ist jetzt eigentlich aufwendiger, den Tagesablauf zu organisieren, weil man für jedes Gespräch einen Termin ansetzen muss.

Wann hat Sie das Thema Coronavirus zum ersten Mal beschäftigt?

Seit Mitte Jänner. Und das sehr plötzlich und sehr intensiv. Wir mussten zwei unserer drei Werke in China für rund drei Wochen fast gänzlich runterfahren.

Und jetzt?

Seit Mitte Februar laufen alle Werke wieder voll. Es gibt aber strenge Sicherheitsmaßnahmen.

Wie sehen die aus?

Es gibt überall Zutrittskontrollen mit Fiebermessung. Die Hygienemaßnahmen in den Werken wurden überall verstärkt. Es herrscht generelle Maskenpflicht, also auch in den Büros. In den Kantinen gelten ebenfalls klare Regeln. Pro Tisch sitzt da nur eine Person zum Beispiel. Und natürlich arbeiten so viele Mitarbeiter wie möglich im Homeoffice.

Sie haben diese Regeln in allen Werken eingeführt?

Ja.

Wie war das in den österreichischen Werken?

Zugegeben: Wir haben das im Management sehr intensiv diskutiert. Aufgrund unserer guten Erfahrung in China, aber vor allem wegen der Gesundheit unserer Mitarbeiter haben wir uns für eine Lösung entschieden, die in unseren Breiten eben doch etwas ungewöhnlich ist.

Es gab also keinen Aufstand? Nein. Weil wir das so auch kommuniziert haben. Die Mitarbeiter haben das positiv aufgenommen, weil es um hundertprozentigen Schutz geht.

Haben die Maßnahmen gewirkt?

Ja. Es ist weltweit in unseren Werken bisher kein einziger der rund 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkrankt.

Wie geht es weiter?

In China kehren die Beschäftigten, die im Homeoffice waren, wieder schrittweise und in Teams in unsere Büros zurück. In Österreich beginnen wir jetzt im Mai damit.

Die Maskenpflicht bleibt?

Ja. Aber wir stellen konzernweit von den hochwertigen medizinischen Masken auf die normalen Masken um, weil mit diesen die Kommunikation einfacher ist.

Zum Wirtschaftlichen: Halten die Lieferketten?

Ja. Bis jetzt gibt es kaum eine Unterbrechung bei den Zulieferketten. Wir bekommen das Material, das wir brauchen und wir können auch die Kunden beliefern. Zudem haben wir ziemlich rasch unsere Lagerbestände erhöht.

Die Auslastung …?

… in den Werken ist gut.

Auch in Indien? Dort ist ja totaler Shutdown.

Auch das indische Werk läuft. Obwohl dort viele Mitarbeiter wegen der Ausgangssperren nicht arbeiten können.

Wie läuft das Geschäft?

Als börsennotiertes Unternehmen darf ich keine Details nennen, aber es steht uns wohl allen eine große Wirtschaftskrise bevor. Wir bei AT&S fahren derzeit auf extrem knappe Sicht.

Das heißt?

Wir können nur abschätzen, wie das Geschäft in den kommenden zwei Wochen läuft.

Hat AT&S Mitarbeiter zur Kurzarbeit angemeldet?

Nein, bisher nicht.

War es richtig, die Wirtschaft so runterfahren?

Aus unserer Sicht war es wichtig, dass die Industrie hierzulande weiterläuft. Weil sie das Rückgrat der Wirtschaft ist. Sowohl in Bezug auf die Zahl der Beschäftigten als auch die Wertschöpfung.

Aber die anderen Sektoren?

Ganz ehrlich: In Summe hat Europa spät reagiert. Man hätte in Europa schon im Jänner entsprechende Vorbereitungen treffen können. Hätte man also rechtzeitig reagiert, hätte man nicht so intensiv runterfahren müssen.

Hat Europa die Gefahr unterschätzt?

Ja. Man hat geglaubt, dass das ein chinesisches Problem ist. Dabei war der Ernst der Lage sichtbar. Die Informationen waren da. Man hätte nur danach fragen müssen.

Kommt eine zweite Welle?

China und auch andere südostasiatische Länder beobachten das ständig und sehr genau. Ich würde die Gefahr keinesfalls unterschätzen. In Singapur wurde der Virus durch Gastarbeiter wieder eingeschleppt, was zu einer zweiten Welle führte.

Wie ist das Leben in China jetzt?

Das ist von Region zu Region unterschiedlich. In Megastädten wie Schanghai herrschen nach wie vor strenge Regeln wie totale Maskenpflicht. Am Land ist das weniger der Fall. Die Restaurants sind jedenfalls wieder in Betrieb, aber die Schulen werden erst jetzt geöffnet.

In Europa wird wieder einmal der Ruf nach mehr Staat laut. Was sagen Sie dazu?

Der Staat ist notwendig bei der kritischen Infrastruktur und bei der Daseinsvorsorge. Und er muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. In der Industrie jedenfalls sollte er das Wirtschaften denen überlassen, die etwas davon verstehen.

Aber soll sich der Staat an Unternehmen wie Fluglinien beteiligen, um sie zu retten?

Krisen bringen immer Strukturschwächen zutage. Die europäische Flugbranche hat ein Strukturproblem, das seit Jahren nicht gelöst ist.

Durch den Shutdown wurde die schwerste Rezession seit 90 Jahren verursacht. Wie kommen wir da raus?

Wir brauchen so schnell wie möglich Rahmenbedingungen, um die Beschäftigten, die in Kurzarbeit sind, zurück in die Unternehmen zu bringen. Und die Unternehmen brauchen Bedingungen, damit sie wieder investieren.

Soll der Staat Konjunkturpakete schnüren – also noch mehr Schulden machen?

Wenn dadurch eine positive Hebelwirkung entsteht, kann das sinnvoll sein.

Könnte man dabei die Klimakrise gleich mitdenken?

Unbedingt. Konjunkturpakete zur Förderung der Elektromobilität wären so ein Thema. Ebenso Investitionen in die Digitalisierung.

Wird AT&S eine Dividende ausschütten?

Wir schauen uns das an.

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