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Wirtschaft
08/16/2019

Argentinien: Der nächste Tango am Abgrund

Kursbeben und Währungsverfall – im schlimmsten Fall legt das Land im kommenden Jahr eine Pleite hin.

von Christine Klafl

Wer schon lange davon geträumt hat, Buenos Aires zu besuchen oder zu den Iguazu Wasserfällen im Norden Argentiniens zu reisen, braucht für die Umsetzung jetzt deutlich weniger Reisebudget als noch vor Kurzem. Der argentinische Peso hat in seinem Verhältnis zu Euro und US-Dollar massiv an Wert verloren. Vor einem Jahr bekam man für einen Euro knapp 35 Peso. Jetzt sind es bereits 62. Diesen Montag gab es sogar schon 66,6 – ein Rekord.

Die Entwicklung an der Aktienbörse in Buenos Aires gleicht aktuell einem halsbrecherischen Bungee-Jumping. Am Montag stürzte das Kursniveau um unglaubliche 38 Prozent ab. Tags darauf ging es um mehr als zehn Prozent nach oben. Ähnlich erging es argentinischen Staatsanleihen.

Der Hintergrund dieser Entwicklung: Die Groß- und Kleinanleger, die sich in Argentinien engagieren, sind zu Wochenbeginn auf dem falschen Fuß erwischt worden und ergriffen durch Verkäufe panisch die Flucht. Bei der Vorwahl am Wochenende zu den Präsidentschaftswahlen, die am 27. Oktober stattfinden werden, unterlag der amtierende wirtschaftsliberale Präsident Mauricio Macri viel deutlicher als erwartet.

Sofort ging die Angst um, Argentinien werde ins nächste Chaos stürzen. Die drohenden Gespenster: Kapitalverkehrskontrollen, um eine weitere Kapitalflucht zu verhindern, sowie eine massiv steigende Staatsverschuldung, die im Vorjahr ohnehin mehr als 86 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachte.

Pleite droht

Viele Investoren halten mittlerweile auch einen Staatsbankrott im kommenden Jahr für nicht ausgeschlossen. Das wäre dann bereits der sechste seit 1980. Anleihenkäufer auch in Österreich werden sich noch erinnern, wie viel Geld sie verloren haben, als Argentinien 2001 bankrott war und die Anleihenbesitzer auf große Teile ihrer Veranlagung verzichten mussten.

Werden die Aktienkurse in Buenos Aires weiter ins Bodenlose fallen? „Die erste Schockwelle ist vorbei“, meint Felix Dornaus, Senior Fondsmanager im Erste Asset Management. Jetzt gebe es zwei Klassen an Investoren: Jene, die auf bessere Kurse hoffen, um dann zu verkaufen. „Und die Leichenfledderer, die günstig einsteigen wollen.“ Ein nachhaltiges Fundament sei das aber nicht. Bei der Entwicklung des Peso dürfte allerdings „das meiste passiert sein“.

Der amtierende Präsident Macri werde in den nächsten Tagen mit einem „Bussi-Bussi-Paket kommen“, um mehr Wähler für sich zu gewinnen. Und tatsächlich: Bereits am Mittwoch kündigte er Steuersenkungen an.

Für die weitere Entwicklung auch an den Finanzmärkten werde es zudem darauf ankommen, was Macris Herausforderer Alberto Fernández tut und sagt. „Er hat zwar schon gesagt, dass er nicht umschulden will,“ so Veranlagungsprofi Dornaus. Details sei er aber schuldig geblieben.

IWF-Milliarden

Letztlich hänge aber alles von der weiteren Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) ab. „Ohne IWF ist ohnehin Hopfen und Malz verloren“, beschreibt es Dornaus drastisch. Das Land steckt seit dem Vorjahr in einer Rezession bei steigender Arbeitslosigkeit und hoher Inflation von 40 bis 50 Prozent. Nach dem Kursverfall des Peso wird die Inflation weiter anziehen.

Im Vorjahr konnte Argentinien mit dem IWF ein Kreditpaket über fast 60 Milliarden US-Dollar aushandeln. Ein Teil davon ist schon geflossen. Bei einer Abkehr vom wirtschaftsfreundlichen Kurs ist allerdings fraglich, ob das restliche Geld noch kommt. Dann wäre Argentinien schließlich kein Vorzeigeprojekt mehr.