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Report
12/11/2019

Aramco: Was Sie über den größten Börsegang der Welt wissen müssen

In der Öl-Diktatur Saudi Arabien findet seit Mittwoch ein seltsamer Börsegang statt. Wird unser Sprit jetzt teurer?

von Wolfgang Unterhuber

Mit Spannung warteten die Anleger weltweit auf den Börsengang des Ölriesen Aramco. Am Mittwochmorgen starteten die Aramco-Aktien an der saudischen Börse in Riad.

Der erste festgestellte Kurs lag dann gleich mal 10 Prozent über dem Ausgabepreis - das tägliche Limit wurde damit bereits zum Start erreicht. Damit war es dann auch schon für den ersten Tag.

50 mal mehr Gewinn als die OMV

Wer aber ist Aramco überhaupt? Der saudi-arabische Ölriese schreibt jedenfalls zauberhafte Gewinne.

Wie die Ratingagentur Moody' analysierte, summierte sich der Nettogewinn im vergangenen Jahr auf 111,1 Mrd. Dollar. Das sind 98,9 Mrd. Euro. Zum Vergleich: die OMV erzielte im Vorjahr knapp zwei Milliarden Euro Gewinn.

Wird unser Sprit deshalb jetzt teurer?

Das ist wohl die wichtigste Frage für die Konsumenten im Westen. Antwort: Nein. Der Öl-Preis hat mit dem Börsegang unmittelbar nichts zu tun. Der Öl-Preis wird nämlich von der OPEC festgelegt.

Dort hat natürlich Saudi Arabien ein gewichtiges Wort mitzureden. Zuletzt wurde die Fördermenge gesenkt. Dadurch ist der Öl-Preis leicht gestiegen. Gerade die Saudis wollten das so. Aber das ist nicht auf den Börse-Gang sondern die Nachfrage am Weltmarkt zurückzuführen.

Wertvoller als Apple

Mit dem Börsengang kommt Aramco auf eine Bewertung von 1,88 Billionen Dollar und ist damit mehr wert als das bislang wertvollste Unternehmen, der Tech-Riese Apple, der eine Börsenbewertung von 1,2 Billionen US-Dollar hat.

Auch innerhalb seiner eigenen Branche ist Aramco eine Liga für sich: Der saudische Konzern ist wertvoller als die fünf größten Ölkonzerne ExxonMobil, Shell, BP, Chevron und TOTAL zusammen.

Was mit dem Cash passieren soll

Der Großteil der Gewinne von Saudi Aramco geht an die saudi-arabische Führung. Kronprinz Mohammed bin Salman will derzeit sein ehrgeiziges Reformprogramm Vision 2030 vorantreiben, mit dem das ölreiche Königreich zu einem Zentrum für Technologie und Innovation werden will.

10 % der weltweiten Öl-Produktion

Das bislang zu 100 Prozent staatliche Unternehmen ist der größte Ölproduzent der Welt. Aramco fördert rund zehn Prozent der globalen Rohölproduktion.

Aramco war zunächst amerikanisch. 1933 erteilten die Saudis der Standard Oil of California die Erlaubnis, im Königreich nach Öl zu bohren. Erst in den 1970er-Jahren wurde der Konzern arabisch.

Aramcon schlägt Alibaba

Der bislang größte Börsegang war der von der chinesischen Onlinehandelsplattform Alibaba. Die hat bei ihrem Börsengang vor fünf Jahren 25 Milliarden Dollar erlöst. Alibaba zu übertreffen, war für die Herrscher in Riad enorm wichtig.

Der Mann hinter dem Deal

Kronprinz Mohammed bin Salman ist der Mann hinter dem Deal. Der 34-Jährige galt zunächst als Modernisierer als er 2015 vom König zum Verteidigungsminister und wenig später zum stellvertretenden Kronprinzen ernannt wurde.

Doch schon bald zeigte er andere Facetten – durch eiskalte Außenpolitik und Abgebrühtheit beim Kampf gegen Kritik im Inneren des Landes.

Viele Feinde

Mohammed bin Salman hat sich auf dem Weg nach oben jedenfalls viele Feinde gemacht. Zwar gilt er als erster in der Thronfolge, doch laut Insiderberichten formiert sich Widerstand.

Mehrere Prinzen wollen demnach Prinz Ahmed bin Badulaziz, 76-jähriger Bruder des Königs und jahrzehntelanger Vize-Innenminister, auf dem Thron sehen.

König Salman aber hat Mohammed auserwählt. Sollte der König sterben, bestimmt ein 34-köpfiger Rat über die Nachfolge.

Drohnenangriffe auf Raffinerien

Gerade vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass der Börsengang auf der Kippe stand. Und zwar wegen der Drohnenangriffe auf Raffinerien im September.

Die Houthi-Rebellen im Jemen haben sich zu dem Angriff bekannt, die USA machten den Iran verantwortlich. Der Börsengang konnte aber so nicht gestoppt werden.

Wie geht es weiter?

Wie es jetzt aber weitergeht, ist noch ungewiss. Solange die Aktien nicht oder kaum von Investoren aus dem Westen gezeichnet werden und an westlichen Börsen gehandelt werden, bleibt vermutlich alles, wie es ist.

Für Mohammed bin Salman geht es freilich um viel. Der Börsengang dient seinem Projekt "Vision 2030", mit dem er Saudi-Arabien unabhängig von den Einnahmen aus Ölverkäufen machen will.

Saudis planen neue grüne Hauptstadt?

Dafür benötigt er viel Geld. Geplant ist etwa die neue Hauptstadt Neom, die ausschließlich mit nachhaltigen Energiequellen gespeist und voll digitalisiert werden soll.

500 Milliarden Dollar dieses Prestigeprojekt kosten. Zudem will Saudi-Arabien Vorreiter in der Unterhaltungsbranche und im Tourismus werden.

Die Bürokratie soll digitalisiert, das Bildungswesen reformiert werden. Zudem will der Prinz viele andere Staatsunternehmen privatisieren.

Warum aber überhaupt der Börsengang?

Mohammed bin Salman will mit dem Börsengang zeigen, dass es ihm mit der Öffnung des Landes ernst ist. Vor allem aber will er westliche Investoren ins Land locken.

Der Aramco-Börsengang und was daraus folgt, vor allem mit Blick auf die "Vision 2030", sind jedenfalls entscheidend für das Verhältnis des reaktionären Königshauses der Wahhabiten zum Westen.

Elitärer Börsengang?

Bislang jedenfalls können Anleger im Westen vom Börsengang nicht profitieren.  Westliche Kleinanleger waren von vornherein ausgeschlossen.

Institutionelle Investoren aus dem Westen, also Versicherungen oder Pensionsfonds, konnten nur dann Aramco-Aktien zeichnen, wenn sie eine spezielle Zulassung als sogenannte qualifizierte ausländische Investoren für die Börse Riad haben; davon gibt es rund 1500.

Aktienkauf aus Angst

Ganz anders sieht es im Land selbst aus. Reiche Saudis schlugen zu, allerdings wohl mehr aus Angst vor Repressalien des Königshauses, sollten sie ihrer patriotischen Pflicht nicht nachgekommen sein.

Saudische Kleinanleger dagegen retteten mit ihrer Kauffreude den Börsengang. Für sie gehört Aramco zum nationalen Kulturgut, viele andere Möglichkeiten, Geld anzulegen, gibt es nicht.

Schlechtes Image

Ob Aramco-Aktien zu einem späteren Zeitpunkt an großen internationalen Wertpapierbörsen wie London oder New York gelistet werden sollen, ist zum bisherigen Zeitpunkt noch offen.

Das Umfeld ist für einen Ölriesen wie Aramco aktuell denkbar schlecht. In einem klimafreundlichen Umfeld geraten die Saudis, die immerhin für fünf Prozent der weltweiten Treibhausemissionen verantwortlich sind, zunehmend unter Druck.

Reduzierung der Klimagase

Das macht auch internationale Anleger skeptisch. Aramco hat den Stimmungsumschwung erkannt und will das Problem proaktiv angehen - so will man aktiv an der Reduzierung der Klimagase arbeiten.

Darüber arbeitet der Ölriese an einer Technik, um Kohlenstoff, der bei der Verbrennung fossiler Energien anfällt, im Boden zu speichern, statt ihn ungefiltert in die Atmosphäre zu blasen.

Fazit: Saudi Arabien will mit den Öl-Dollars grün werden. Inschallah – wenn Gott will.

 

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