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Serie "Tech-Giganten"
03/29/2021

Amazon: Die maskierte Datenkrake

Amazon, Facebook, Google, Apple, Microsoft, Tesla: Tech-Giganten aus den USA dominieren das digitale Zeitalter. Der KURIER blickt hinter die Macht der Konzerne. Heute: Amazon

von Thomas Pressberger

Ob unternehmerisches Genie oder skrupelloser Gesch√§ftsmann ‚Äď die Meinungen √ľber Jeff Bezos gehen weit auseinander. Fest steht, dass er bereits mit acht Jahren als hochbegabt galt, mehrere F√∂rderprogramme f√ľr Super-Intelligente durchwanderte und immer wieder Jahrgangsbester auf der Highschool war.

Der Mann mit dem freundlichen Gesichtsausdruck und dem auffallenden Lachen gibt sich bei seinen Auftritten jovial, laut Mitarbeitern kann er aber auch anders. S√§tze wie ‚ÄěSind Sie faul oder nur unf√§hig?‚Äú sollen ihm locker √ľber die Lippen gehen, wenn einer seiner Leute nicht spurt.

Dass Bezos einmal der reichste Mann der Welt werden und einen der m√§chtigsten Konzerne steuern w√ľrde, war trotzdem nicht vorgezeichnet. Jeff Bezos hie√ü urspr√ľnglich Jeff Jorgensen. Der heute 57-j√§hrige kam in Albuquerque, New Mexico, auf die Welt und hat seinen leiblichen Vater, Ted Jorgensen, nie kennengelernt. Ted hatte sich kurz nach Jeffs Geburt von dessen Mutter Jacklyn getrennt.

Als Bezos vier Jahre alt war, heiratete sie den Exilkubaner Miguel Bezos, der Jeff adoptierte. Erst kurz vor seinem Tod erfuhr Jeffs leiblicher Vater, dass der Amazon-Milliardär sein Sohn ist. Ted Jorgensen betrieb bis zu seinem Tod ein kleines Fahrrad-Geschäft in Arizona. Zu einem Treffen kam es nicht mehr.

Jeff Bezos wollte von klein an Erfinder werden und studierte nicht Wirtschaft, sondern Elektrotechnik und Informatik. Er war noch keine 30, als er f√ľr eine New Yorker Verm√∂gensverwaltung arbeitete und die Idee hatte, ein Buchgesch√§ft im Internet zu gr√ľnden. Das war 1994. Der Rest ist Geschichte.

1996 lag der Umsatz von Amazon bei 15,7 Millionen US-Dollar, 1997 war es fast das Zehnfache. 2020 setzte Amazon 390 Milliarden Dollar um. Bezos machte Amazon immer größer, von einem Online-Versandhändler kann schon lange keine Rede mehr sein.

Er erweiterte den Konzern um ein Filmstudio, Logistik- und Cloud-Dienstleistungen, Film-Streaming, einen Music-Download-Dienst, den Handel mit Lebensmittel und vieles mehr. Das scheinbar nicht enden wollende Wachstum brachte Kritiker auf den Plan. Nobelpreistr√§ger Paul Krugman forderte gar, man m√ľsse Amazon √§hnlich wie Rockefellers Standard Oil Company zerschlagen, Amazon habe zu viel Macht. Doch Bezos kontert: Es hei√üe immer, Amazon sei ein Zerst√∂rer, doch das stimme nicht. Dass etwa viele Buchh√§ndler wegen Amazon eingegangen seien, liege nicht an Amazon. Es sei die Zukunft.

Gewinne mit der Cloud

‚ÄěIch bezeichne Amazon als Tech-Konzern mit angeschlossenem Warenlager‚Äú, sagt Rainer Will, Gesch√§ftsf√ľhrer des Handelsverbands. Und macht damit deutlich, wie sehr sich das Unternehmen von einer E-Commerce-Plattform entfernt hat. Nur wenige Kunden bemerken das, wie eine Maske verdeckt der Online-Handel die anderen Bereiche.

‚ÄěKlar reden wir hier √ľber den weltgr√∂√üten Online-H√§ndler. Aber die richtig gro√üen Gewinne erzielt der Konzern √ľber seine Cloud Services‚Äú, sagt Will.

Je gr√∂√üer Amazon wurde, desto mehr konnte das Unternehmen von den Daten profitieren und Verhaltensmuster der Konsumenten nachzeichnen. Amazon wei√ü nicht nur, was und wann wir gekauft haben, sondern auch, was wir uns angesehen und nicht gekauft haben. Das Unternehmen kennt unsere Wohnadressen, an denen wir gewohnt haben, wei√ü durch unser Kauf- und Klickverhalten, wie wir politisch gesinnt sind, und kennt so ziemlich alle Vorlieben, die wir haben. Amazon kennt uns damit besser, als jeder unserer besten Freunde. Da sich die meisten Menschen √ľber die Jahre nicht wesentlich √§ndern, wei√ü Amazon auch noch in zehn oder mehr Jahren, wer und wie wir sind.

Der Amazon-Sprachdienst Alexa mag f√ľr viele praktisch sein, dass sie damit die Ohren des Konzerns oft bis ins Schlafzimmer lassen und ihre Privatsph√§re aufgeben, ist vielen nicht bewusst, meint Will.

Die Abh√§ngigkeit der Konsumenten von Amazon ist gro√ü, denn an Amazon kommt fast keiner vorbei. Die Preise sind g√ľnstig und die Homepage und der Bestellvorgang extrem userfreundlich, so Will. Die Corona-Pandemie habe die Abh√§ngigkeit verst√§rkt: 40 Prozent der Konsumenten m√ľssten sich einschr√§nken. Das treibe sie zu Amazon.

Aus dem Markt gedrängt

Auch H√§ndler k√∂nnen sich nicht entziehen. Wer nicht auf Amazons Marktplatz pr√§sent ist, existiert im Netz nicht. Die Abh√§ngigkeit wird laut Will von Amazon auch ausgenutzt. Beispiel: Ein H√§ndler verkauft √ľber den Amazon-Marktplatz eine Bohrmaschine, die zum Bestseller wird. Amazon bekommt das mit und verhandelt mit dem Bohrmaschinen-Produzenten einen besseren Preis aus, indem viel gr√∂√üere Mengen bestellt werden. Dann unterbietet Amazon preislich seinen Marktplatzh√§ndler und dr√§ngt ihn aus dem Gesch√§ft.

F√ľr √úberraschung sorgte Bezos im Februar, als er seinen R√ľckzug als Vorstandschef ank√ľndigte. Als Chef des Verwaltungsrats wird er aber weiter Einfluss aus√ľben. Langweilig wird dem 57-J√§hrigen nicht. Er will sich neuen Projekten widmen, wie seinen Stiftungen, seiner Zeitung The Washington Post und seiner Raumfahrtfirma Blue Origin.

Grundlose Aufregung

Die Vorw√ľrfe will der Internetriese so aber nicht unkommentiert stehen lassen. ‚ÄěDer Schutz der Privatsph√§re unserer Kunden hat immer oberste Priorit√§t und ist seit Jahren Grundlage unserer Services", so ein Amazon-Sprecher gegen√ľber dem KURIER. Amazon habe eine Datenschutz-Hilfeseite, die Kunden dabei unterst√ľtze, auf ihre Informationen zuzugreifen und sie zu verwalten.

Auch die Aufregung rund um Alexa sei grundlos: ‚ÄěAlexa sch√ľtzt die Privatsph√§re aller Nutzer und bietet dabei umfassende Transparenz und Kontrolle. Kunden k√∂nnen selbst entscheiden, ob ihre Sprachaufzeichnungen gespeichert werden sollen oder nicht", hei√üt es seitens Amazon weiter. Durch Aktivierung der Funktion in der Alexa-App werde jede Sprachaufzeichnung automatisch gel√∂scht, nachdem Alexa die entsprechende Anfrage verarbeitet habe. Gleichzeitig w√ľrden alle vorherigen Aufnahmen automatisch gel√∂scht werden.

Von der Verdr√§ngung von Verkaufspartner w√ľrde Amazon nicht profitieren, so das Unternehmen: "Amazon ist erfolgreich, wenn Verkaufspartner erfolgreich sind. Verkaufspartner helfen dabei, unseren Kunden jeden Tag eine gro√üe Auswahl, bequeme Lieferung und niedrige Preisen zu bieten." Sie st√ľnden f√ľr mehr als die H√§lfte der bei Amazon verkauften Artikel, ihre Verk√§ufe w√ľrden schneller als die eigenen Verk√§ufe von Amazon wachsen.

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