Ältester Senner: Der 103-jährige Salzburger Johann Foidl-Bernsteiner hat „eine Natur wie Hermann Maier“.

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Almensterben in den Alpen geht weiter
07/01/2012

Almensterben in den Alpen geht weiter

Die Zahlen aus den vergangenen Jahren sind alarmierend. Aber wie geht es den Menschen, die auf der Alm leben – und von ihr?

von Martin Burger

Sie kennt nichts anderes als ihre Alm. Martha Patscheiders Mutter Johanna, genannt "Hanni", war 33 Jahre lang die Halterin von der Zeisel-Hinteralm. Sie ist ihr jahrelang zur Hand gegangen. Jetzt, nach dem Tod der Mutter, ist Martha Patscheider für das Vieh auf der 130 Hektar großen Alm unter der Reisalpe verantwortlich. Die 59-jährige Halterin (Viehhirtin) schaut auf 179 Zuchtkälber von 26 Weidebauern aus St. Veit / Gölsen. Vier Monate dauert die Saison. "Leben kann ich nicht davon, aber aufgeben wär ein Wahnsinn für die Natur und das Wild, das wächst ja alles zu." Genau das ist mit vielen anderen Almen schon geschehen.

Die Zahl der Almen geht seit den 1950er-Jahren zurück. Welche der verbliebenen und noch bewirtschafteten Almen überlebensfähig sind, das soll eine Gesamterhebung zeigen, der sogenannte Alm-Atlas. Diese Studie wird von der "Arge-Alp" (Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Bayern, die Kantone Graubünden und St. Gallen sowie Südtirol und Trento) bis Ende des Jahres fertiggestellt. Die Betriebszahlen (siehe Infografik) zeigen zwar teilweise zweistellige Rückgänge im vergangenen Jahrzehnt, "aber die Anzahl der Almen sagt herzlich wenig über die Nutzung aus", sagt Erich Tasser, Ökologe an der Universität Innsbruck. Lokal steigt die Zahl der Almen sogar, wenn Gemeinden ihr Almland privatisieren. Das wahre Ausmaß des Almen­sterbens zeigt sich, wenn man in Betracht zieht, wie viele Almen überhaupt noch "bestoßen" (belegt, Anmerkung) werden. Hier liegen die Rückgänge laut Tasser zwischen 49 und 60 Prozent, stellenweise sogar bei 100 Prozent, "sehr gut erkennbar ist das in Osttirol, aber auch in Salzburg", sagt der Forscher.

Zurück in die Voralpen. 45 Minuten Fußmarsch sind es vom Parkplatz Ebenwald auf die Zeisel-Hinteralm. Es geht über eine Forststraße. Die Halterhütte ist von Weitem an ihren grünen Fensterläden und den rot-weiß-karierten "Scheibenhangerln" zu erkennen. "Almen, die einen guten Zufahrtsweg haben, werden überleben", erläutert Susanne Rest, Alm-Expertin am Ländlichen Fortbildungsinstitut. Schwer zugängliche Almen werden entweder mitbewirtschafte t, oder aufgegeben. Mit negativen Folgen: Auf den nicht mehr beweideten Steilhängen bleibt das Gras stehen. Das erhöht die Lawinengefahr. Almen, die nicht mehr geschwendet werden (Entfernung der Gehölze, Anm.) , werden wieder zu Wald. Das Wild, das gern jenes letzte Grün abfrisst, das nach dem Almabtrieb im Herbst noch aufkommt, findet im Wald kein Futter mehr und folgt den Kühen ins Tal. Die Artenvielfalt nimmt ab. Städter schätzen Almen als Oasen der Erholung, und nutzen sie zum Kontakt mit der Natur. Patscheider erstaunt: "Einige haben noch nie ein Kalb gesehen, gelegentlich fragt ein Kind, wann die Kühe lila werden."

Altvater-Alm

Die Luft in hohen Lagen ist staub- und raucharm. Die stärkere Sonneneinstrahlung fördert den Aufbau von Phosphor und Kalk in den Knochen. Besonders gut gehalten hat sich Johann Foidl-Bernsteiner. Der 103-Jährige ist Salzburgs ältester Senner. Sein Arzt attestiert dem Alt-Altbauern "eine Natur wie Hermann Maier", sagt sein Sohn Hans. Ein Extrembeispiel, aber bezeichnend. Die Mehrzahl der Halter hat das Pensionsalter überschritten. Auch Frau Patscheider wird noch lange ihre Gäste mit einem herzlichen "Griaß God" willkommen heißen. Michaela, ihre 38-jährige Tochter, wird in ihre Fußstapfen treten, "aus Liebe zur Natur."

Verstädterung: Die Alpen im WandelDamals Immer mehr Menschen wollen in den Alpen wohnen, aber nicht überall. Auf diesen Nenner lässt sich eine Entwicklung bringen, die seit rund 150 Jahren andauert und mit der Industrialisierung begann. Talorte wie Innsbruck wuchsen, entlegene Orte schrumpften. Zwischen 1871 und 1951 stieg die Zahl der Alpenbewohner um ein Drittel. Davon profitierte nur die Hälfte der 6000 Alpendörfer.Jetzt 14,3 Millionen Menschen leben in den Alpen, doppelt so viele wie vor 150 Jahren. Dennoch sind ganze Täler in den Südalpen entvölkert.

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