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Wirtschaft
12/04/2019

Das Drei-Klassen-System beim Arbeitsmarktservice

Der KURIER beantwortet die zehn wichtigsten Fragen zum umstrittenen „Profiling“ von Arbeitslosen.

von Anita Staudacher

Für das Arbeitsmarktservice (AMS) ist es ein Hilfsmittel zur effizienteren Jobvermittlung, für Kritiker ein gefährliches Instrument zur Ausgrenzung ganzer Menschengruppen: Derzeit wird österreichweit das sogenannte Arbeitsmarktchancen-Assistenzsystem ausgerollt, im Juli 2020 geht es in Echtbetrieb.

Ab dann werden Arbeitslose beim AMS-Erstbesuch von einem Algorithmus automatisch in Gruppen mit hohen, mittleren und niedrigen Arbeitsmarktchancen eingeteilt.

Der KURIER fasst die wichtigsten zehn Fragen zur neuen 3-Klassen-Gesellschaft beim AMS zusammen:

Was bedeutet die automatische Einstufung für die Arbeitslosen?

Wer gute Jobchancen hat, etwa IT-Fachkräfte, wird vom AMS kaum behelligt. Die Klasse B wird hingegen intensiver betreut. Um rascher wieder einen Job zu finden, müssen die Betroffenen künftig monatlich beim AMS vorsprechen. Schwer vermittelbare Personen (Klasse C) werden zwecks Verbesserung ihrer Arbeitsmarktchancen an eigene Betreuungseinrichtungen weitergeleitet. Dort können sie bis zu einem Jahr bleiben, um ihre Chancen zu verbessern.

Was soll mit dem Algorithmus überhaupt erreicht werden?

Erklärtes Ziel ist eine effizientere und zielgerichtete Jobvermittlung. Die IT kann helfen, Arbeitsmarktchancen rascher einzuschätzen, damit richtige Maßnahmen früher beginnen oder falsche gar nicht stattfinden. „Die zentrale Frage ist: Wer braucht was?“, argumentiert AMS-Chef Johannes Kopf. Weil die Gruppen A und C weniger Zeit und Ressourcen verbrauchen, könnten sich die Berater intensiver der mittleren Gruppe zuwenden. Fazit: Das AMS wird wohl die Vermittlungszahlen steigern können.

Woher kommen die Daten?

Das System verarbeitet Daten aus dem AMS-System (Stellenangebote ...) und der Sozialversicherung. Wichtigste Kriterien für die Einstufung sind Alter, Ausbildung, Herkunft, Wohnort, bisherige Tätigkeit und Gesundheit.

Was kostet das Assistenzsystem?

Entwicklung und Implementierung des technischen Assistenten verursachten bisher Kosten von mehr als 1,5 Millionen Euro, für die jährliche Wartung werden 61.000 Euro budgetiert. „Es geht hier nicht um Kostenersparnis, sondern um Effizienzsteigerung“, betont Kopf.

Wie zuverlässig ist die Einstufung?

Ein IT-System ist nur so gut wie seine Daten. Im Probebetrieb stufte der Algorithmus zu 80 Prozent richtig ein, ein erfahrener AMS-Berater schafft eine Treffgenauigkeit von 95 Prozent. Das Letzturteil trifft immer der AMS-Berater, wird versichert. Er darf jederzeit hochstufen, aber nicht ohne vorherigen – externen – Perspektivencheck herabstufen.

Haben Arbeitslose ein Mitspracherecht bei der Einstufung?

Die automatische Einstufung soll laut AMS mit dem Arbeitslosen besprochen werden. Insider bezweifeln, dass dafür genug Zeit ist. Perspektiven ändern sich oft rasch. So kann etwa Bereitschaft, die Jobsuche auf andere Bundesländer auszudehnen, zu einer höheren Einstufung führen.

Wie groß sind die einzelnen Gruppen?

Im Jahr 2018 hatten österreichweit 15 Prozent der Jobsuchenden hohe Arbeitsmarktchancen, 51 Prozent mittlere und 34 niedrige Arbeitsmarktchancen. Die Größe variiert stark nach Region. So fallen in Tirol 49 Prozent der AMS-Kunden ins A-Segment, weil viele Wiedereinstellzusagen haben. In Wien hingegen sind nur zwei Prozent A, aber 41 Prozent in der C-Klasse. Grund ist der hohe Anteil an schlecht qualifizierten Asylberechtigten.

Erhalten schwer vermittelbare Personen weniger Förderungen?

Das wird befürchtet. Weil teure Kurse hier oft vorzeitig abgebrochen wurden oder erfolglos waren, sollen andere, weniger teure Maßnahmen wie Einzelcoachings etc. forciert werden. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) warnt vor einer Chancen- und Perspektivenlosigkeit in der Gruppe C, die sich in späterer Altersarmut manifestieren könnte.

Wie diskriminierend ist das System?

Statistische Verfahren können Prognosen per se nur für Gruppen als Ganzes machen, nicht jedoch für Individuen. Vor allem Frauen- und Behindertenverbände üben massive Kritik an der automatisierten Zuteilung. Frauen mit Betreuungspflichten, Menschen mit Behinderungen oder Ältere haben automatisch schlechtere Karten und erhalten weniger Angebote, so der Vorwurf. Laut AMS ist das System selbst nicht diskriminierend, es macht aber Diskriminierung am Arbeitsmarkt sichtbar. Daher gebe es für Ältere, Frauen oder Menschen mit Behinderung auch weiterhin spezielle Förderprogramme.

Wie sind die Erfahrungen in anderen Ländern?

„Profiling“ in der Jobvermittlung wird bereits in vielen Ländern eingesetzt; in Dänemark, Schweden und den Niederlanden ist die Teilnahme aber freiwillig. Deutschland verzichtet auf Algorithmen. Experten empfehlen einen Mix aus menschlicher und maschineller Einschätzung und warnen zugleich vor den Risiken der Digitalisierung.

AMS-Algorithmus Via Computer werden Arbeitslose aufgrund von Profildaten je nach Arbeitsmarktchancen in drei Gruppen eingeteilt.

Klasse A:
Servicekunden/rasch vermittelbar: Arbeitslose über 18, die mit einer 66-prozentigen Chance binnen drei Monaten einen neuen Job finden.

Klasse B:

Betreuungskunden/mittlere Chancen. Arbeitslose mit dem größten Förderpotenzial und alle Jugendlichen unter 18.

Klasse C:

Beratungskunden/schwer vermittelbar. Arbeitslose über 25, die mit weniger als 25 Prozent Wahrscheinlichkeit binnen zwei Jahren einen Job finden.