Die von AMS-Chef Johannes Kopf forcierte Digitalisierung beim AMS läuft derzeit unrund

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Wirtschaft
10/18/2019

IT-Chaos im AMS: Algorithmus stufte in fast 30.000 Fällen falsch ein

Der umstrittene AMS-Algorithmus zur Bewertung Arbeitsloser läuft noch unrund. Im Testbetrieb wurden 30.000 Arbeitslose falsch eingestuft.

von Anita Staudacher

Wer arbeitslos wird und sich beim AMS meldet, wird neuerdings nicht mehr von einem Menschen, sondern von einem Computerprogramm bewertet. Wie berichtet, teilt ein Algorithmus Arbeitslose je nach Alter, Geschlecht, Bildung und anderen Kriterien in drei Gruppen mit hohen, mittleren und niedrigen Arbeitsmarktchancen ein, um Fördermaßnahmen zielgerichteter einzusetzen.

Das umstrittene IT-Projekt „AMS-Algorithmus“ läuft seit Ende 2018 als Unterstützung für die AMS-Berater im Hintergrund und soll bis Mitte 2020 österreichweit ausgerollt und „handlungsleitend“ werden. Ob der Zeitplan hält, ist fraglich, denn das System ist (noch) höchst fehleranfällig. Wie der KURIER erfuhr, wurden Anfang Oktober fast 30.000 Arbeitslose vom System falsch eingestuft.

Ein internes Kontrollsystem schlug Alarm, worauf die Einspielung der entsprechenden Software sofort gestoppt wurde.

AMS-Algorithmus

Via Computer-Algorithmus werden Arbeitslose aufgrund von Profildaten je nach Arbeitsmarktchancen in drei Gruppen eingeteilt:

Klasse A
Beste Arbeitsmarktchancen. Im Jahresschnitt 2018 fielen 16 Prozent aller beim AMS gemeldeten arbeitslosen Männer und 9 Prozent der Frauen darunter.

Klasse B
Mittlere Arbeitsmarktchancen. Darunter fielen im Vorjahr 62 Prozent der arbeitslosen Frauen und 51 Prozent der Männer. Sie sollen künftig am meisten Förderung erhalten.

Klasse C
Niedrige Arbeitsmarktchancen. Nur 25 Prozent schaffen es, binnen der nächsten 24 Monate zumindest 6 Monate zu arbeiten.  Im Vorjahr waren das 16 Prozent der arbeitslosen Männer und 9 Prozent der Frauen. Die Betreuung soll künftig an externe Jobagenturen ausgelagert werden.

Datengrundlage

Verwaltungsdaten des Hauptverbandes,  Personenmerkmale wie   Alter, Geschlecht, Staatsbürgerschaft, Ausbildung, Erwerbshistorie, Häufigkeit von Arbeitslosigkeit, Betreuungspflichten, gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Das AMS bestätigt auf Anfrage, dass bei rund 30.000 Datensätzen Fehler aufgetreten waren, die jedoch „längst behoben“ worden seien. Auswirkungen auf die Arbeitslosen gab es offenbar nicht, auch eine Verzögerung des Roll-out-Plans sei nicht zu erwarten. „Die automatische Einteilung in die Segmente Mittel und Niedrig ist grob fehlerhaft. Vertrauenserweckend und überzeugend ist das alles nicht“, berichtet ein Insider.

AMS-Berater entscheidet

Das AMS betont, dass die Letztentscheidung über Fördermaßnahmen auch im Vollbetrieb des „Arbeitsmarktchancen-Assistenzsystems“, wie der Algorithmus auch genannt wird, beim Berater liegen werde. Entwicklung und Implementierung des technischen Assistenten verursachten bisher Kosten von mehr als 1,5 Mio. Euro, für die jährliche Wartung werden 61.000 Euro budgetiert.

„Es reicht!“

Nicht nur das neue Programm läuft unrund, das gesamte IT-System kämpft mit technischen Problemen. In einem Schreiben der Personalvertretung an den Vorstand, das mit „Es reicht!“ beginnt, ist von „unzumutbaren Zuständen“ die Rede. Weil digital mitunter gar nichts funktioniere, seien AMS-Berater immer wieder gezwungen, Anträge oder Termine den Arbeitslosen in Papierform auszufolgen. „Was sich in letzter Zeit EDV-mäßig abspielt, ist einfach nicht zu akzeptieren“, heißt es in dem Schreiben.

Das AMS trennte sich bereits vom IT-Dienstleister IBM und wechselt in den nächsten zwei Jahren schrittweise zum Bundesrechenzentrum (BRZ). Der Übergang gilt bei Experten als besonders herausfordernd.