Melancholie, Traurigkeit oder innere Leere sind Symptome der postkoitalen Dysphorie.

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Was es mit dem Weinen nach dem Sex auf sich hat
07/13/2016

Was es mit dem Weinen nach dem Sex auf sich hat

Melancholie, Traurigkeit, innere Leere: Wenn Sex traurig macht, sprechen Experten von postkoitaler Dysphorie.

Was von Experten als Störung des emotionalen Erlebens nach dem Geschlechtsverkehr bezeichnet wird, nimmt für Betroffene mitunter überaus emotionale Dimensionen an. Bei postkoitaler Dysphorie machen sich unmittelbar nach dem Sex Melancholie, Traurigkeit und innere Leere breit. Als wäre dies nicht genug, lösen diese Symptome, die oft aber nicht nur bei Frauen auftreten, Verwirrung und Irritation aus.

Betroffene wissen dabei oft nicht, wie ihnen geschieht. Da Sex meist mit einem Rausch der Euphorie assoziiert wird, können sie das Erlebte nicht einordnen. Beim Geschlechtsverkehr wird in der Regel der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, der das Belohnungssystem im Gehirn massiv aktiviert und so zum intensiven Glücksempfinden nach dem Sex beiträgt. Doch trotz Intimität, einem Orgasmus und empfundener Geborgenheit können nach dem Liebesspiel die Tränen kullern.

Ein weitgehend unerforschtes Phänomen

Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2015 (Women's Sexual Health) hat das Phänomen der postkoitalen Dysphorie bei Frauen untersucht. Hierfür wurden insgesamt 195 heterosexuelle Studentinnen befragt. Bisexuelle oder lesbische Frauen wurden von der Studie ausgeschlossen. Die Wissenschafter argumentierten dies mit der Tatsache, dass das emotionale Erleben beim Sex zwischen Frauen ein grundlegend anderes sei.

Es zeigte sich, dass 46 Prozent der Befragten mindestens einmal in ihrem Leben Symptome postkoitaler Dysphorie erlebt hatten. 5,1 Prozent der Studienteilnehmerinnen gaben sogar an innerhalb der letzten vier Wochen an postkoitaler Dysphorie gelitten zu haben. Zwei Prozent der Frauen sagten, dass sie nach jedem sexuellen Kontakt die Trauer überkäme.

Von postkoitaler Dysphorie betroffene Frauen zeigten keine signifikante Tendenz ein mehr oder weniger problematisches Verhältnis zu Sex zu haben. Allerdings konnte ein Zusammenhang zwischen postkoitaler Dysphorie und Missbrauch festgestellt werden. Betroffene Befragte hatten in der Vergangenheit häufiger eine Art von Missbrauch erlebt. Dieses Ergebnis decke sich den Forschern zufolge auch mit Erkenntnissen früherer Studien. Diese hätten signifikante Verbindungen zwischen sexuellem, physischem sowie psychischem Missbrauch und postkoitaler Dysphorie herstellen können.

Angst als Ursache

Als mögliche Erklärung für diesen Zusammenhang nannten die Forscher der aktuellen Studie durch Missbrauch ausgelöste Angstzustände in Verbindung mit Sex. Zudem würden Frauen mit Missbrauchsvergangenheit eher zu dysfunktionalen Beziehungsformen neigen, was ebenfalls postkoitale Dysphorie begünstigen könne.

Die Schlussfolgerung der Forscher: Die Erkenntnisse würden deutlich belegen, dass postkoitale Dysphorie ein nicht ausreichend erforschtes Phänomen sei. Zudem sei diese Erkrankung bisher stark unterschätzt worden. Weitere Untersuchungen seien unabdingbar, um das subjektive Empfinden hinter dieser Störung des emotionalen Erlebens zu verstehen und mögliche Maßnahmen zur Linderung zu entwickeln.