Wellness
13.08.2018

Tschüss Milch und Semmeln: So läuft die F.X. Mayr Kur heute ab

Bittersalz statt Zucker - die Heilkur wurde modernisiert, Milch und Semmeln sind gestrichen.

Disziplin setzt die Mayr-Kur voraus. Das merkt man schon bei der Vorbereitung: Bereits eine Woche vor Kurbeginn sollte weitgehend auf das Abendessen verzichtet werden– auf Alkohol, Kaffee und Zucker sowieso. Dafür trinkt man täglich auf nüchternen Magen einen Teelöffel Bittersalz, verdünnt in einem Glas Wasser – am besten in kleinen Schlucken. Wenn die Kur dann richtig losgeht, kommen eine Fasten-Diät und spezielle Körperbehandlungen durch Ärzte und Therapeuten dazu. Das sind die Grundbausteine der Kur, die der Österreicher Franz Xaver Mayr vor mehr als 100 Jahren entwickelt hat.

Aus seiner ehemaligen Milch- und Semmeldiät hat sich inzwischen die moderne sogenannte Milde Ableitungsdiät entwickelt. Eintönig bleibt der Speiseplan trotzdem: Die Rezepte orientieren sich am Trennkost-Prinzip mit kohlenhydratreduzierter Kost. Alle Speisen sollen leicht verdaulich sein, fettarm und nicht reizen. „Die Monotonie wirkt sich auf die Geschmackssensoren aus, sodass man wieder besser schmecken kann und weniger Salz und Zucker braucht. Alles schmeckt intensiver“, erklärt Alex Witasek, Präsident der Internationalen Gesellschaft der F.X. Mayr Ärzte. Bis zu vier Liter Flüssigkeit soll man als Kurgast täglich trinken – ausschließlich milde Kräutertees, leichte Gemüsebrühe und stilles Wasser.

Kurplan

Der Kurarzt stellt beim Erstgespräch einen Kurplan mit Behandlungsempfehlungen aus dem vielfältigen Therapieangebot zusammen. Unter verschiedensten Massagen, Fußbädern, Höhenluft-Trainings und Bachblütentherapien sticht eine Behandlung besonders hervor: Die Colon-Hydro-Therapie – ein Dauereinlauf über 60 Minuten mit Wasser unterschiedlicher Temperaturen.

Jeder Morgen beginnt mit einem lockeren Ausdauer- und Krafttraining, um Kreislauf und Muskulatur zu unterstützen. Zum Aufwärmen hüpft man auf großen Gymnastikbällen sitzend im Takt zu poppigen Sounds. Danach folgen sanfte Bodenturn- und Entspannungsübungen. Nach dem Training greift man zur Körperbürste schrubbt alle Körperteile bei den Füßen beginnend in Richtung Herz ab, bevor es in die Wechseldusche geht. Zum Frühstück gibt es Kurweckerl aus Buchweizen oder Dinkel, Gemüseaufstriche, Joghurts aus Ziegenmilch und manchmal weiche Eier.

Täglich vor dem Mittagessen steht ein Leberwickel auf dem Kurplan. Er soll die Leber bei der Entgiftungsarbeit unterstützen. Dabei wird ein warmes, feuchtes Handtuch auf die rechte Seite knapp über dem Rippenbogen platziert und ein heißer Thermophor darauf gelegt.

Sprechverbot

Mit der Monotonie der Mahlzeiten muss man sich anfreunden: Das Mittagessen besteht anfangs aus passierten Gemüsesuppen mit Kurweckerln. 40 bis 60 Mal sollte ein Bissen gekaut und dabei gut eingespeichelt werden. „Im Mund wird alles vorverdaut. Auch gibt es einen wichtigen Darmkeim, der Speichel braucht und für die Bildung der Darmschleimhaut zuständig ist“, erklärt Witasek. Das Abendessen gestaltet sich mager mit nur Suppe oder Tee.

Im Laufe der Kur verändert sich die Fasten-Kost und die Speisen werden immer vielfältiger. Letztlich kommen auch Fisch und Fleisch dazu. Zu jeder Mahlzeit wird ein gekühltes Kännchen Leinöl serviert. Das Leinöl gießt man reichlich in die Suppe oder über den Aufstrich – davon verspricht man sich eine positive Wirkung auf den Cholesterinspiegel und die Darmwand.

Die letzte Aufgabe im Kuralltag ist ein Bauchwickel vor dem Schlafengehen. Wie beim Leberwickel legt man ein feuchtes Handtuch und den Thermophor auf den Unterbauch.

Mayr-Ärzte raten, die Grundsätze der Kur in den Alltag zu integrieren. Das betrifft vor allem ruhiges Essen, häufiges Kauen und regelmäßige Bewegung. Die Motivation weiterzumachen, ist bei vielen hoch, da während der F.X.-Mayr-Kur auch oft die Kilos purzeln.

„Die Mayr-Kur hat den Ruf, teuer zu sein, aber das bezieht sich nur auf luxuriöse Kurhäuser“, sagt Witasek. Die Kosten für eine einwöchige stationäre Kur starten in kleineren Häusern bei ungefähr 1200 Euro, ambulant mit Arzt ab 500 Euro.

Interview: Der Ernährungswissenschaftler Karl-Heinz Wagner über ketogene Ernährung, Übersäuerung und eine Auszeit beim Essen

Univ.-Prof. Karl-Heinz Wagner ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung und Leiter der Forschungsplattform Active Ageing Department.

KURIER: Die F.X. Mayr Kur geht davon aus, dass wir heute oft zu schnell, zu viel und überwiegend säurebildende Lebensmittel essen. Wie sehen Sie das?

Prof. Karl-Heinz Wagner: Wir essen heutzutage insofern falsch, weil die Nahrungsmittelauswahl nicht optimal ist. Orientieren sollte man sich an der Ernährungspyramide, aber tatsächlich sind wir bei Gemüse, Obst und Getreide relativ schwach, greifen zu oft zu Fleisch und Wurst und essen zu wenig pflanzliche Nahrungsmittel. Wir nehmen aber nicht unbedingt zu viel Energie zu uns.
Aber vor allem wie wir essen, hat sich sehr verändert. Wir essen oft nebenher, telefonieren dabei oder essen in der Straßenbahn. Es wird viel weniger selbst gekocht, auch weil viele verlernt haben, Speisen zuzubereiten. Und  wir bewegen uns zu wenig. Die Bewegungsempfehlungen werden nur von rund 25 Prozent der Bevölkerung erreicht und Viele bewegen sich überhaupt nicht.

Kann man von Übersäuerung sprechen?

Da wäre ich vorsichtig. Ich bin da sehr kritisch, weil wir einen Säure-Basen-Haushalt haben, der sehr gut funktioniert. Der Körper hat sehr gute Puffersysteme, die ausgleichend wirken. Man kann es so definieren, dass wir mehr Produkte tierischen Ursprungs essen, die grundsätzlich eher sauer sind.  Und weniger Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs, die eher  basisch wirken. Als Grundproblem sehe ich das nicht.

Die F.X.-Mayr Kurkost geht immer mehr in Richtung ketogene Ernährung. Was halten Sie davon?

Dauerhaft Kohlenhydrate stark zu reduzieren, bei ketogener Ernährung nämlich bis auf 5 Prozent, kann ich nicht empfehlen. Während einer Fastenkur spricht nichts dagegen, wenn diese  durch Ärzte begleitet wird. Wichtig ist, dass die Fastenzeit begrenzt ist und dass sich nachher etwas ändert und man sich über die Ernährung im Alltag Gedanken macht.

F.X.-Mayr-Kurärzte empfehlen ihren Gästen, die Grundsätze der Kur, also gutes Kauen und mehr Zeit für essen, in den Alltag zu integrieren. Oder, dass man immer wieder Kurtage mit viel Gemüse einlegt, wenn man sich wieder schlechter ernährt hat.

Das finde ich sehr gut. Das unterstützen auch wir als ÖGE. Es muss aber nicht unbedingt die Mayr-Kur sein. Sie ist ok, wobei ich sagen muss, das man heute zum Beispiel von Darmspülungen eher absieht. Es ist jedenfalls gut, sich Zeit für das Essen zu nehmen oder eine Auszeit und vielleicht ein bisschen Energie zu tanken. Für eine Darmsanierung bringen ein paar Wochen veränderter Ernährung ohne spätere Umstellung wenig. Wichtig ist, sich Gedanken über die Ernährung und die Zubereitung von Lebensmitteln zu machen und sie umzustellen.

Finden Sie Zucker grundsätzlich problematisch?

Eine Zuckerreduktion ist grundsätzlich zu befürworten. Problematisch ist heute, dass Zucker in sehr vielen Lebensmitteln enthalten ist. Gerade bei Kinder-Lebensmitteln ist eine Reduktion besonders wichtig. Das ist in Diskussion und wird auch schon laufend gemacht, aber man muss darauf achten, dass das auch weitergeht.