Wellness
15.07.2017

RunNa: Wadlbrennen, Gänsemarsch und Augenschmaus in Südtirol

Bergbegeisterte Läufer kommen beim Seiser Alm Halbmarathon voll auf ihre Kosten.

Oh mein Gott! Das hat Helga Rauch also gemeint, als sie von Körner sparen für die zweite Hälfte gesprochen hat, denke ich mir, als ich nach rechts schaue und lauter bunte Punkte sehe, die – so scheint es – kriechen. Dort drüben geht es noch mehr als hier: nach oben. Steil. Richtig steil. Und die bunten Punkte sind keine Sternderl, die ich nach der Anstrengung vielleicht schon sehen könnte, sondern Läufer. Genau genommen allesamt Teilnehmer des Seiser Alm Halbmarathons im wunderschönen Südtirol. Dabei hat das Höhenprofil doch gar nicht so schlimm ausgeschaut! Wie war das noch gleich mit der Höhe? Was hat Helga gestern gesagt, denke ich und rufe mir ihre Worte in Erinnerung…

Die Profiläuferin

„Die Strecke darf man nicht unterschätzen. Und vor allem auch die Höhe nicht. Die Luft hier heroben ist ganz anders“, sagt Helga Rauch. Die 43-Jährige ist auf der Seiser Alm aufgewachsen und kennt jeden Weg wie ihre Westentasche. Bereits ihre Großeltern und Eltern haben die Rauchhütte bewirtschaftet, die nun Helga gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern führt. „Nicht gleich alle Körner am Anfang verschießen. Langsam anfangen, denn die zweite Hälfte hat es in sich“, mahnt die sympathische Südtirolerin und deutet auf den Berg gegenüber: „Dort drüben ist der schwerste Teil der Strecke. Wenn man da keine Kraft mehr hat, schaut es nicht gut aus“, meint sie lachend.

Helga weiß wovon sie spricht. Denn sie ist nicht nur Wirtin der Rauchhütte auf der größten Hochalm Europas, sondern auch passionierte Läuferin. Früher Mittelstrecke mit nationalen Titeln bis hin zu den Junioren Cross Weltmeisterschaften, heute Marathon. „Meinen ersten Marathon bin ich mit 29 Jahren in Frankfurt in einer Zeit von 3:01 gelaufen. Da sagte ich mir, das kann ich so nicht stehen lassen. Ich war immer ehrgeizig und die drei Stunden sollten unbedingt noch fallen“, erzählt sie. Gesagt, getan. Mittlerweile ist sie 19 Marathons im In- und Ausland gelaufen und hat dabei nicht nur die Dreistundenmarke mehrmals unterboten – ihre Bestzeit liegt bei 2:53 – sondern auch einige Siege eingeheimst.

Ein Fixpunkt in ihrem Laufkalender war bisher immer ihr Heimrennen: Der Seiser Alm Halbmarathon am ersten Sonntag im Juli. „Derzeit bin ich verletzt. Daher kann ich morgen leider nur zuschauen“, sagt sie etwas wehmütig. „Aber ich werde euch anfeuern kommen.“

Es geht los

„Ja aber natürlich bin ich schon oft mitgelaufen. Nur im vergangenen Jahr musste ich leider aufgeben, weil ich mich während dem Lauf verletzt habe.“ Gemeinsam mit vier anderen Teilnehmern sitze ich in der Gondel der Seiser Alm Bahn. Die Seilbahnfahrt ist für Teilnehmer des Halbmarahons gratis und dauert etwa 15 Minuten. So bleibt Zeit, um mit den anderen zu plaudern. Im Gegensatz zu mir scheint meine Mitfahrerin nicht aufgeregt zu sein. „Ach, bis Kilometer 15 ist es hart, aber dann hat man das Schlimmste hinter sich. Ab da ist das Rennen gelaufen. Da heißt es nur noch Vollgas ins Ziel“, meint sie. Wie sich später herausstellen sollte, war es nicht nur so dahingesagt. Die Bozenerin landete bei den Damen auf Platz Zwei.

Und dann geht es endlich los. Um zehn Uhr fällt der Startschuss direkt in Compatsch auf 1850 Metern. Ruhig angehen und dann am Schluss zulegen, rufe ich mir Helga Rauchs Worte in Erinnerung. Wenn ich noch kann, denke ich mir, denn die Höhenluft macht mir tatsächlich mehr zu schaffen, als ich gedacht hatte. Auf rund 2000 Metern im Gelände zu laufen, ist halt doch nicht die Prater Hauptallee. Noch dazu war das Hügel- bzw. Bergtraining aufgrund meiner Zwangspause leider kürzer ausgefallen, als ursprünglich geplant. Eine perfekte Kombi, um auf 21,1 Kilometern mit 600 Höhenmetern einzugehen.

Etwa zweieinhalb Kilometer nach dem Start sehe ich Helga Rauch. Gemeinsam mit einigen anderen Zuschauern steht sie an der Biegung, nach der dann der erste Aufstieg folgen soll und feuert uns an. Tatsächlich ist ab diesem Zeitpunkt Schluss mit lustig. Ich schaue nach vorne und sehe: Jetzt geht es richtig los. Während die ersten drei Kilometer noch auf Asphalt waren, geht es nun ab ins Gelände. Der Weg wird immer schmäler, so geht es im Gänsemarsch hoch. Jetzt weiß ich auch, warum die Teilnehmeranzahl auf 700 beschränkt ist und der Start in zwei Blöcken erfolgte. Es wäre sonst auf den schmalen Trails zu eng.

"Das wird ein Wandertag"

Die ersten gehen schon. Nein, nur nicht jetzt schon gehen, denke ich und keuche weiter. Doch es bleibt nur bei einigen Metern. Irgendwann sehe ich ein: Die Läufer ringsum schauen allesamt mehr erfahren aus als ich. Die wissen was sie tun. Nur nicht abschießen, lautet die Devise anscheinend, denn der Weg ist noch weit. „Bei 600 Höhenmetern kannst etwa 30 Minuten zu deiner normalen Halbmarathon-Zeit dazurechnen“, hat mir mein Coach mit auf den Weg gegeben. Weil ich mittlerweile schnaufe wie eine alte Dampflok, wechsle ich nun ebenfalls vom Laufschritt ins Gehen. Scheiß auf die Zeit, denke ich mir. Die 2:15 sind utopisch. Das wird ein Wandertag. Zielschluss sind 3:15 Stunden. Das müsste sich ausgehen.

Kilometer 5. Der erste arge Anstieg ist geschafft. Nun geht es bergab und schnell stelle ich fest: Hey, es geht ja doch noch. Bergab macht es ja richtig Spaß! Die nächsten Kilometer verfliegen, Lunge und Beine erholen sich und ich komme in den Flow. Es ist großartig durch diese einzigartige Landschaft zu laufen. Der Augenschmaus ringsum lässt mich die Qualen vergessen, die nach Kilometer 10 wieder deutlich zu spüren sind. Rund vier Kilometer beträgt der härteste Teil der Strecke: etwa 200 Höhenmeter, 17,9 Prozent maximale Steigung. Das meinte ich anfangs mit kriechen. Denn laufen tut hier in meiner Kategorie niemand. Wanderer, denen wir begegnen, bleiben stehen und beklatschen uns. Das tut gut, motiviert weiterzumachen, nicht aufzugeben, denn nicht zu vergessen hat es ja geheißen: „Bis Kilometer 15 ist es hart, dann hat man das Schlimmste hinter sich.“

Tatsächlich läuft es nach diesem Horroranstieg fast wie von alleine. Fast, denn ein Blick auf meine Uhr verrät: My heart is beating like a jungle drum, um es mit einem Song auszudrücken. Es geht zwar bergab, mein Herz checkt das nur irgendwie gar nicht. Die Anstrengung ist zu groß, um runterzukommen. Egal, es ist ja nicht mehr weit. Ich sehe schon das Ziel, höre die Jubelschreie und nach einem kurzen, aber fiesen letzten Anstieg, ist es soweit: Zieleinlauf. Mein Name wird durchgesagt. Geschafft. Nach 2:13:48 habe ich den mitunter härtesten und gleichzeitig auch schönsten Halbmarathon meines Lebens hinter mich gebracht. Als Bergfan muss man hier gelaufen sein. Seiser Alm ich komme wieder, das steht fest! Dann vielleicht ohne zu kriechen ;-)

Der Seiser Alm Halbmarathon

21,1 Kilometer, 601 Höhenmeter und 700 Startplätze: Das sind die Kennzahlen des Seiser Alm Halbmarathon mit Start und Ziel in Compatsch. Eingebettet in das UNESCO Welterbe der Dolomiten bildet der Seiser Alm Halbmarathon ein einmaliges Naturerlebnismit mit sportlicher Herausforderung für Freizeitsportler und Profis. Vorbei an Schlern, Plattkofel, Langkofel und den Rosszähnen schlängelt sich die Wettkampfstrecke bis zum höchsten Punkt auf 2050 Meter unterhalb des Goldknopfs. Von dort führt die Strecke zurück nach Compatsch.

Bei der fünften Auflage des Halbmarathons am 2. Juli auf der größten Hochalm Europas kämpften Athleten aus 13 Ländern. Der Bewerb wurde auch in diesem Jahr von der Landesagentur für Umwelt der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol als "Green Event" zertifiziert. Green Events sind Veranstaltungen, die nach Kriterien der Nachhaltigkeit, ökologisch-ökonomisch – und sozial geplant, organisiert und umgesetzt werden. Der nächste Termin steht schon fest: Der sechste Seiser Alm Halbmarathon findet am 1. Juli 2018 statt.

Alle Infos: running.seiseralm.it

Hoteltipp: Das Arvina in Seis am Schlern

Das Hotel Arvina liegt direkt am Fuße des Schlerns in Seis. Der Name "Arvina" steht für Ars Vitae Naturalis, für die Kunst des natürlichen Lebens und sagt über das Hotel schon viel aus: Natürlichkeit wird groß geschrieben und ist im ganzen Haus spürbar. Bergheu ziert jeden Raum und findet sich sowohl in der Küche als auch im Wellness- und Wohlfühlbereich. Der Blick hinaus auf das umwerfende Bergpanorama macht das Naturerlebnis perfekt.

Die Natur spiegelt sich auch in der Küche wieder. Egal ob Frühstück, Mittag- oder Abendessen: Regionale, frische und naturbelassene Zutaten bieten die Basis für die Speisekarte, die sowohl klassisch südtirolerische (z.B. Schlutzkrapfen), als auch mediterran angehauchte Köstlichkeiten bietet.

Alles Infos: www.hotelarvina.com