Wellness 24.02.2018

RunNa: Von 0 auf 200 oder Vollgas ins Blaue

200 Meter können unendlich lang sein © Bild: Natascha Marakovits

Über Laktat und das Feilen an der fehlenden Toleranz.

Auf einmal ist es da. Ich kann nichts dagegen tun. Wie klirrende Kälte, die langsam über die Füße die Beine entlangkriecht und sich schließlich am ganzen Körper ausbreitet. Einmal da, wird man sie so schnell nicht mehr los. So auch mit dem besagten Gefühl, dass sich nun binnen kürzester Zeit nun in meinem ganzen Körper ausbreitet. Sekunden werden zu Minuten und scheinen schier endlos zu sein. Schließlich ist es geschafft. Die lang ersehnte Markierung ist da. Runde auf der Uhr abdrücken. Stehenbleiben. Verschnaufen. Nur eine kurze Pause bleibt, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen.

Dann beginnt das Spiel von vorne. Auf den ersten Metern ist nichts zu spüren. Doch ab der Hälfte brennen die Beine. Nach etwa zwei Drittel werden auch die Arme Blei. Mein ganzer Körper wird von einem eigenartigen Etwas durchflutet. Ich spüre nur wie ich immer schwerer werde. Stemme mich dennoch möglichst kraftvoll dagegen. Bleibe aufrecht, versuche viele kleine Schritte zu machen. Tempo. Tempo. Gleich geschafft. Die letzten Meter. Das Gefühl wird stärker. Vor allem in den Armen. Dabei laufe ich ja mit den Beinen. Hm…

Maximaler Bammel

So geschehen vor genau zwei Wochen, beim ersten harten Training für mein neues Ziel: Im Rahmen der 10k Challenge des Österreichischen Frauenlaufs eine neue 10er Bestzeit erlaufen. Was im Klartext heißt: Vollgas, Vollgas und noch mehr Vollgas. Sowie für mich: Bammel, Bammel und noch mehr Bammel. An diesem Samstag vor zwei Wochen stand eine Serie von 200ern stand auf dem Programm. Um genau zu sein, insgesamt 24. Die Vorgabe lautete submaximal. Aber was ist submaximal, wenn man maximal nicht kennt? Bisher kam ich im Rahmen von Marathontrainings nur mit 2000ern in Berührung. Das ist eher mein Ressort in dem ich mich auskenne, da weiß ich, was ich zu laufen habe. Wie schnell sollen die 200er also sein? Tja, probieren geht über Studieren. Mein Ziel: gleichmäßig. Nicht eingehen. Mit maximalem Bammel.

Was in der Theorie recht harmlos klingt – 200 Meter, das ist ja eh nix – schaut in der Praxis dann doch recht schnell ganz anders aus. Schon ab der Hälfte der ersten der insgesamt vier Serien wurde mir bewusst: 200 Meter können lang sein. Sehr laaang. Vor allem, wenn man derartige Trainings nicht gewohnt ist. Denn, wie hieß es nochmal bei der Leistungsdiagnostik:Grundlage top, Tempohärte flop. Man braucht jetzt nicht die super tolle Tempohärte, um 200 Meter durchzuziehen. Eh. Bei 24 Mal dann aber doch irgendwie. Und somit wurden sie zur zachen Partie.

Nur drei Tage später: Gleicher Schauplatz. Prater Hauptallee und beinahe dasselbe Spiel: 10x100m + 10x200m. Dieses Mal mit Vorgabe maximal. Submaximal kannte ich ja jetzt. Geht das noch maximaler? Noch dazu um kurz vor sieben Uhr früh? Vollgas am Morgen, vertreibt… keine Ahnung was. Ausgelutschter Spruch. Egal. So wie drei Tage zuvor, ließ auch dieses Mal das kriechende Blei auch nicht lange auf sich warten. Was mir dabei am meisten aufgefallen ist und mich von 200er zu 200er mehr verwundert hat, waren meine Arme. Ist das das Laktat? Und wenn ja, warum in den Armen?

Experten erklären

Dass es um meine Laktattoleranz nicht zum Besten bestellt ist, haben mir Robert Fritz und Michael Koller von der Sportordination bei meinem Test ja bereits erklärt. Bei fünf mmol/l war Schluss. Doch was ist überhaupt Laktat und was macht das mit dem Körper? Sportmediziner Robert Fritz und Sportwissenschaftler Michael Koller von der Sportordination wissen, wie das Blei in die Beine kommt:

Sportordination: Laktat ist das Endprodukt des anaeroben laktaziden Stoffwechsels und der beste Indikator für die objektive Beurteilung der Ausdauerleistungsfähigkeit. Bei jedem Menschen gibt es den Punkt wo die Ausdauerbelastung so hoch ist, dass der über die Atmung aufgenommene Sauerstoff nicht ganz ausreicht, um den im Muskel benötigten Energiebedarf zur Muskelkontraktion zu decken. Es wird mehr sogenanntes Pyruvat (ein Verzweigungspunkt im Stoffwechsel) gebildet als verstoffwechselt werden kann. Dieses überschüssige Pyruvat wird zu Laktat umgewandelt und geht ins Blut über.

Neben Blei in Beinen und Armen gibt es noch etwas, das Tempotrainings für mich zu einem Höllengalopp werden lässt: das Ringen nach Luft, die Schnappatmung, die ab einem gewissen Punkt einsetzt. Obwohl es sich bei den 100ern und 200ern nur um wenige Sekunden handelt, glaube ich auf den letzten Metern umzukippen. Etwas schummrig ist es die letzten Male geworden, wenn der Puls bei Vollgas auf 197 ist. Doch gerade nur so, dass ich weiß, dass es harmlos ist. Es nur mit der maximalen Belastung zu tun hat und im nächsten Moment, wenn die rettende Markierung erreicht und die Stopptaste der Uhr gedrückt, auch wieder vorbei ist. Doch warum diese Schnappatmung?

Sportordination: Entgegen der Wahrnehmung bekommen wir bei der maximalen Ausbelastung nicht zu wenig Sauerstoff (O2) in den Körper, sondern der Körper schafft es nicht das viele Kohlendioxid abzuatmen. CO2-haltiges Blut wird in der Anatomie blau dargestellt, deshalb sagen auch viele Athleten, wenn sie nicht mehr können, „Ich bin blau“. Vereinfacht gesagt und kurz zusammengefasst: Laktat ist eine Säure die den Organismus über das Blut zum Übersäuern bringt. Das erhöhte Säuremilieu kann Muskelbrennen oder auch Übelkeit verursachen.

Wie war das nochmal mit meiner Laktattoleranz? Die Leistungskurve geht, kaum ist die Pace höher als Marathontempo, quasi senkrecht nach oben. Toll. Beste Voraussetzungen für die 10k Challenge und den damit verbundenen Trainings. Zumindest wenn man auf Nahtoderlebnisse steht. Werde ich mein Leben bei den nächsten 200ern vorbeiziehen sehen? Oder gewöhnt sich mein Körper an die noch so ungewöhnlichen Trainingsreize?

Sportordination: Die Laktattoleranz ist in erster Linie angeboren, kann aber durch intensive anaerobe laktazide Reize verbessert werden. So können zum Beispiel 800m-Spitzenläufer Laktatwerte von 20 mmol/l und mehr ohne Probleme tolerieren. In der Interpretation der Laktatleistungskurve spielt auch die Laktatkinetik eine Rolle. Steigt die Laktatkurve sehr steil an, also besteht ein geringer Unterschied in der Geschwindigkeit und Leistung zwischen aerober und anaerober Schwelle, dann kommt es sehr schnell zu Übersäuerung und somit zu einer schnellen Erschöpfung bei zunehmender Geschwindigkeit.

Na bitte. Das gibt ja Hoffnung. Meine Kurve ist, wie bereits beschrieben, unten lange flach. Erst wenn es Richtung Halbmarathonpace und höher geht, schnellt sie nach oben. Wie meinte Coach Michael Koller beim 10k Challenge Kick-Off Abend mit einem Augenzwinkern nochmal: „Wer nicht speibt, hat nicht trainiert.“ Na dann. Und um es abschließend mit den Worten von Robert Fritz zu sagen: „Das Training wird lustig werden.“ Eh. Nur Blau wird wohl nicht meine Lieblingsfarbe werden.

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( kurier.at ) Erstellt am 24.02.2018