Wellness
16.12.2017

RunNa: Schleichen. Keuchen. Pfeifen.

© Bild: dapd

"Laufen ist gesund - Läufer sind es nicht immer." Bei welchen Symptomen es sinnvoll ist, zum Arzt zu gehen.

Es hat ganz schleichend begonnen. Müde, abgeschlagen, die lockeren Grundlagenläufe fühlten sich von Mal zu Mal anstrengender an. Der ganze Körper bleiern. Ich pfiff, auch wenn ich noch so langsam lief, aus dem letzten Loch. Atemnot. Selbst im Grundlagenbereich fühlte ich mich wie eine Dampflok. Schnaufte. Keuchte. Knapp ein Jahr ist das jetzt her. Zuerst dachte ich, es ist die Dunkelheit, die Kälte, die im Winter einfach alles schwerer machen. Doch auch als die Tage wieder länger wurden, änderte sich nichts. Im Gegenteil.

Ich schaue auf meine Uhr: 5:13. Das gibt es nicht. Schneller. Schaue wieder: 5:18. Ich gebe alles. Doch anstatt schneller werde ich langsamer. Ich kann mich noch ganz genau an diesen Tag im Februar erinnern. Intervalle standen am Plan: fünf Mal drei Kilometer, etwa HM-Pace, vielleicht eine Spur schneller. Motiviert stand ich auf der Hauptallee. Beim Einlaufen waren die Beine schon schwer. Das ist normal, dachte ich nur, ist ja meistens so vor harten Trainings. Kurz danach kam auch schon das Piepsen und Vibrieren der Uhr - das Startsignal für die erste 3k-Serie. Wie anfangs beschrieben, kam ich schon beim ersten Kilometer nicht einmal annähernd auf die gewünschte Pace. Die Vermutung, dass es am GPS liegt, wurde beim dritten Kilometer endgültig verworfen. Als mir schließlich schwindlig wurde, war es Zeit. Zeit aufzuhören.

RunNa © Bild: Natascha Marakovits

Es war das erste Mal, dass ich ein Training abgebrochen habe. Viele werden jetzt denken, ist doch ganz normal, jeder hat einmal einen schlechten Tag. Ja eh, dachte ich auch. Hakte den Tag ab und versuchte es wenige Tage noch einmal. 5x3k. Ich hatte Erfahrung mit solchen Trainings, wusste, dass es kein Zuckerschlecken ist, aber machbar. Die erste Serie lief gut. Doch bereits bei der zweiten ging mir die Luft aus. Die Haxen wollten, doch die Luft machte wieder nicht mit. Mein Atem ging schwer. Die Geräusche erinnerten mich an meine Oma. Nur lagen da 50 Jahre dazwischen. Und auch jetzt wurde mir schwindelig. Da wusste ich: Irgendetwas stimmte nicht. Und ich sollte Recht behalten.

Verdacht: Herzmuskelentzündung

"Eine Herzmuskelentzündung kann nicht eindeutig ausgeschlossen werden. Bis wir das nicht abgeklärt haben, gilt jetzt absolutes Sportverbot. Nichts, das den Puls in die Höhe treibt.“ Ich sitze beim Kardiologen und schlucke. Herzmuskelentzündung? Ich? Das kennt man doch nur vom Hörensagen. "Hatten Sie vor Kurzem einen Infekt?“ Hm, nein. Obwohl, vor dem Athen Marathon fühlte ich mich nicht ganz fit und vor Berlin auch, schob es aber auf die Aufregung. Der Klassiker vor einem Marathon - beim Tapern wird man hellhörig und bekommt plötzlich sämtliche Wehwechen. Danach war wieder alles gut. Zumindest für ein paar Wochen. Dann begannen die Luftprobleme. "Also wie gesagt, bis wir nicht mehr wissen, kein Sport“, sagte mir der Kardiologe nochmals.

Gleich nachdem ich bei der Tür draußen war, begann es in meinem Hirn zu rattern: Herzmuskelentzündung. Übergangener Infekt. Leichtes Halsweh. Husten. Schnupfen. Trotzdem schon öfter eine Runde gedreht. Reicht das schon aus?

Der Verdacht meines Arztes bestätigte sich zum Glück nicht. Mein Herz wurde bei allen möglichen Untersuchungen durchgecheckt. Ein generelles Laufverbot – und damit meine ich nicht nur ein paar Wochen oder Monate – konnte anfangs nicht ausgeschlossen werden. Fazit: Eine Veränderung ist da, laut den Medizinern aber harmlos. Vielleicht angeboren, man weiß es nicht. Angeborene Herzfehler würden oft erstmals in der AK 30+ auftreten. Würde also passen. Das Positive nach dem Untersuchungsmarathon: Ich darf wieder alles machen, Intervalle und vor allem auch Marathon laufen.

Diese Erfahrung hat mich gelehrt: Niemand kennt den eigenen Körper besser als man selbst. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte und bin meinem Gefühl auf den Grund gegangen. Es muss kein Marathon sein. Wer beim Training an seine Grenzen geht, braucht neben einem gesunden Geist (der Kopf spielt ja eine ebenso große Rolle) vor allem auch einen gesunden Körper. Dafür ist ein regelmäßiger Check notwendig. Das Auto bringt man nach tausenden Kilometern zum Service, der Läufer sollte beim Sportmediziner an die Tür klopfen, denn wie die Vergangenheit zeigt, kommt es bei Laufveranstaltungen immer wieder zu Todesfällen. Wie können diese verhindert werden und wie gefährlich kann ein Infekt tatsächlich sein? Heribert Waitzer, Facharzt für Innere Medizin und internistische Sportheilkunde, blickt auf 20 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Läufern zurück. Er gibt Auskunft.

RunNa © Bild: Natascha Marakovits

RunNa: Laufanfänger oder ambitionierter Hobbysportler: Wann sollte man zum Arzt gehen – bereits bevor man mit dem Laufen beginnt oder erst, wenn man Wettkämpfe absolviert?

Waitzer: "Kommt darauf an – ein Laufanfänger mit 50, Übergewicht, hohen Blutdruck und hohen Blutfetten sollte vor Beginn seiner Läuferkarriere unbedingt zum Sportmediziner. Für einen jungen, gesunden ambitionierten Hobbysportler wäre es gut, wenn er wenigstens vor einer Wettkampfteilnahme angeborene Herzfehler ausschließen lässt. Diese können verhängnisvoller Weise auch mit guter Leistungsfähigkeit einhergehen, aber zu plötzlichen, sehr gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen. Es sollte aber ein Arzt sein, der sich mit diesen Fragestellungen beschäftigt. Ein Stempel auf irgendeine Sporttauglichkeitsbestätigung vom Hausarzt im Rahmen einer Drei-Minuten Ordination ist sicher nicht ausreichend und wird von den Allgemeinmedizinern mittlerweile auch meist nicht mehr durchgeführt."

Immer wieder kommt es bei Laufveranstaltungen zu Todesfällen. Worin liegen die Ursachen? Kann so etwas ohne jegliche Beschwerden vorab passieren?

"Man muss grob unterscheiden zwischen Läufern unter 35 Jahren – hier sind es oft angeborene Herzmuskelerkrankungen, die zu plötzlichen lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen führen sowie übergangene Infekte mit Herzmuskelentzündungen und älteren Aktiven – dann treten Probleme mit koronaren Herzerkrankungen (Verkalkungen der Herzkranzgefäße) auf Basis der üblichen Risikofaktoren (Rauchen, Hypertonie, Hypercholesterinämie, Diabetes...) in den Vordergrund. Leider kann es in beiden Fällen vorkommen, dass keine Vorzeichen spürbar sind und auch das Risiko durch eine sportmedizinische Untersuchung nicht erkennbar ist. Allerdings sind mir aus eigener beruflicher Erfahrung auch konkrete Fälle mit tragischem plötzlichen Herztod im Wettkampf bekannt, die durch eine Voruntersuchung erkennbar gewesen wären oder sogar bei denen auf Basis einer Voruntersuchung ein Problem bekannt war und von der Wettkampfteilnahme abgeraten wurde."

Welche Warnsignale des Körpers gibt es, die ein Läufer unbedingt ernst nehmen sollte?

"Die typischen Warnsymptome sind: ungewohnte Atemnot unter Belastung oder in Ruhe, Stechen im Brustkorb, Herzrhythmusstörungen und Schwindel, Desorientiertheit oder gar Bewusstlosigkeit unter Belastung. Herztodesfälle in jungen Jahren bei Verwandten sollte ebenfalls auch als Anlass für eine Untersuchung genommen werden."

5-km-Wettkampf oder Marathon – beides gleich "gefährlich“ oder warum kommt es vor allem bei HM und M zu Todesfällen?

"Die Datenlage ist uneinheitlich. Bei Halbmarathon und Marathon ist bekannt, dass das Risiko mit der zurückgelegten Strecke steigt. Verschiebungen der Mineralstoffe im Blut und im Gewebe, Anstieg der Übersäuerung, der Entzündungsreaktionen und der Stresshormone und Störungen im Wasserhaushalt werden verantwortlich gemacht. Bei kürzeren Läufen besteht allerdings eher das Risiko, dass unzureichend vorbereitete Läufer an den Start gehen."

Herbst/Winter ist Erkältungszeit. Bei welchen Beschwerden darf man noch laufen und wann muss eine Sportpause eingelegt werden?

"Bei einer ganz leichten, gerade sich ankündigenden Erkältung mag ein regenerativer Lauf sogar heilsam sein. Bei einem fieberhaften Infekt sollte bis zu Wiederaufnahme des Trainings eine Woche (besser noch zwei Wochen) Symptomfreiheit bestanden haben. Wichtig ist, dass man nach dem Infekt nicht genau dort anknüpfen kann wo man trainingsmäßig vor dem Infekt war."

Stichwort Herzmuskelentzündung: Reicht wirklich ein übergangener grippaler Infekt aus? Welche Beschwerden treten auf?

"Das Risiko ist nach einer echten Grippe höher als nach einem grippalen Infekt. Wahrscheinlich ist eine Mitbeteiligung des Herzmuskels bei einem Virusinfekt wesentlich höher als man üblicherweise diagnostiziert. Der Grund besteht darin, dass man üblicherweise Ruhe gibt und im Bett bleibt und mit dem Abklingen des Fiebers und der Symptome sich auch der Herzmuskel wieder normalisiert. Nur Leistungssportler ticken da manchmal anders. Symptome, die aber insgesamt sehr uncharakteristisch sind, können sein: Schwäche, Müdigkeit, Rhythmusstörungen, Schmerzen im Brustkorb."

Wie häufig treten angeborene Herzfehler auf und wann werden sie bemerkt?

"Für Läufer sind angeborene Herzfehler von Bedeutung, die 1.) eine gute Leistungsfähigkeit zulassen und 2.) ein Risiko für ein plötzliches, gefährliches Ereignis (meist eine Rhythmusstörung) mit sich bringen. Konkret sind das eine angeborene Verdickung der Muskulatur der linken Herzkammer, ein gestörter Aufbau der Wand der rechten Herzkammer und Störungen in den Ionenkanälen der Herzmuskulatur. Die Häufigkeit ist sehr selten und unterscheidet sich auch noch aus welchem Teil dieser Welt die Menschen kommen."

Zu guter Letzt: Welchen Rat möchten Sie Läufern mitgeben – im Training und Wettkampf?

"1.) checken lassen 2.) vernünftig trainieren 3.) gesunder Lebensstil. Laufen ist gesund – Läufer sind es nicht immer."

Was ich aus diesem Jahr mitnehme: Ich werde jetzt schneller hellhörig, wenn etwas anders ist als sonst. Das ist vielleicht nicht immer förderlich. Doch auf den Körper hören und lieber einmal zu viel die Stopptaste drücken - egal ob im Training oder beim Jahreshighlight in Amsterdam - ist vernünftiger, als am Ende vielleicht am Straßenrand zu liegen.

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