Wellness
28.10.2017

RunNa: Did not finish is an Option

Warum aus einer Niederlage beim Amsterdam Marathon doch ein Sieg wurde.

"Good luck!“, ruft die Rezeptionistin noch und schon sind wir bei der Hoteltür draußen. Wenige Minuten später ist kuscheln angesagt. Nicht mit der Bettdecke, sondern mit fremden, bunt gekleideten und vor allem gut gelaunten Menschen - allesamt Läufer auf dem Weg zum Start. Es ist kurz nach acht Uhr an diesem 15. Oktober und die Metro ist bummvoll. Dass die Intervalle auch am Marathontag neun Minuten betragen, macht es nicht gerade weniger kuschelig. Schweißperlen bilden sich bereits jetzt bei einigen auf der Stirn, doch auch diese U-Bahn-Fahrt geht irgendwann vorbei und dann sind wir endlich da: dem Start und Ziel des 42. Amsterdam Marathon. Rund 18.500 Teilnehmer werden sich laut Veranstalter auf den 42,195 Kilometer langen Rundkurs machen, um am Ende wieder genau da zu sein, wo in rund 50 Minuten alles seinen Anfang nehmen wird - auf der Laufbahn des Olympic Stadium.

Vor dem Stadion herrscht das übliche Gewusel. Zwischen kurzen Warteschlangen bei der Kleidersackabgabe und langen Schlangen vor den Toiletten gibt es - wie sollte es in Amsterdam auch anders sein - Käse zu verkosten und noch die letzten motivierenden Sprüche mit auf den Weg. Entgegen der vergangenen Tage zeigt sich die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Ein erhofftes Frösteln am Start bleibt aus, denn es ist schon jetzt zu dieser frühen Stunde viel wärmer als die Tage zuvor. Genauso wie die Sonne strahlen die meisten Läufer. Vorfreude liegt in der Luft.

Tränchen am Start

Aus dem Lautsprecher ertönt wieder die Fanfare. Nur noch fünf Minuten bis zum Start. Um mich herum werden manche hektischer, zappeln herum, springen. Andere scheinen in sich versunken zu sein, fokussiert auf das, was in den kommenden Stunden auf sie zukommen wird. Vor mir sehe ich den Zielbogen und bekomme Gänsehaut. Ich bin in solchen Momenten immer recht emotional. Schon beim Hineingehen ins Stadion habe ich mit den Tränen gekämpft. Tränen der Freude, weil ich nun, nach all dem Bangen in diesem Jahr, doch hier und heute am Start stehen kann. Die Nervosität, die in den vergangenen Tagen so präsent war, ist beinahe wie weggeblasen. Ich freue mich auf die 42,195 Kilometer lange Reise durch Amsterdam. Ich liebe Städtemarathons, weil mich die Stimmung pusht. Egal ob Berlin oder Hamburg, wenn die Stadt eine einzige Party ist, gehe ich ab und bisher ging so alles auf.

Da ich dieses Jahr gesundheitsbedingt recht lange ausgefallen bin und ich mir meine alte Form noch nicht wieder vollkommen aufgebaut habe, gehe ich mit etwas anderen Erwartungen als bisher an den Start. Glücklich und gesund ins Ziel einlaufen, lautet daher mein Vorsatz für meinen fünften Marathon. Ambitioniert, aber nicht auf Biegen und Brechen eine neue PB angehen. Alles kann, nichts muss. Einfach laufen lassen und die Stadt genießen.

Ich höre einen Knall und nicht enden wollenden Jubel. Der Startschuss ist gefallen. Die Masse vor mir setzt sich langsam im Bewegung. Ich checke ein letztes Mal meine Uhr. Alles ist bereit. Ich bin bereit.

Motivation pur

"Die Haxen sind super!“, rufe ich meinem Freund zu, der mit mir die ersten vier Kilometer bestreitet, um sich dann auszuklinken. Eigentlich wollte auch er den Marathon laufen, war genau wie ich seit Monaten angemeldet, doch eine Verletzung vor gut einem Monat brachte schließlich das Aus. Weil er jedoch startberechtigt war, entschieden wir uns, dass er mich auf den ersten und letzten Kilometern begleitet. Die ersten vier und die letzten acht. Das würde seine Verletzung nicht beeinträchtigen und ich sollte erstmals bei einem Wettkampf ein Stückchen Begleitung haben. Dazwischen hatte ich 30 Kilometer für mich allein.

Entgegen meiner Erwartung verteilt sich das Läuferfeld sehr rasch. Bereits auf der Bahn im Stadion sowie auf den ersten Kilometern kann man das eigene Tempo laufen. Links und rechts wird gejubelt. Die Stimmung ist ein Traum und die Begeisterung des Publikums schwappt auf uns Läufer über. Jeder ist gut drauf und ich bin motiviert bis in die Zehenspitzen. Ich merke meist schon auf den ersten Kilometern ob da was geht oder nicht. Und heute passt es.

Die Strecke führt vom Stadion in den Vondelpark. Mein Blick fällt auf eine Tafel auf der linken Seite: Km 40 steht da. Oh wow, wenn ich da mal bin, denke ich und sehe mich schon dem Ziel entgegenlaufen.

Weiter geht es durch das Rijks Museum. Dass man tatsächlich durch das Museum läuft, habe ich aufgrund der Streckenbeschreibung gedacht. Stattdessen handelt es sich nur um einen Durchgang. Tja, so kann man sich täuschen. Noch in Gedanken beim Museum höre ich „na dann, all the best. Wir sehen uns bei Kilometer 34“, ruft mir mein Freund zu und macht sich aus dem Staub oder besser gesagt an dieser Stelle Stopp. In 30 Kilometern sehe ich ihn wieder. Oh Mann ist das lang, denke ich für einen kurzen Moment, konzentriere mich dann aber gleich wieder auf das Hier und Jetzt, denn um mich herum herrscht Partystimmung. Die Strecke führt – noch – durch die Stadt und die Amsterdamer verstehen es, Laufparty zu machen.

Einige Kilometer weiter höre ich sie schon von Weitem: brasilianische Tänzer mit Trommeln. Ich liebe das. Es gibt für mich nichts, das besser zum Laufen passt als Trommler, die richtig Gas geben. Wie viele andere um mich herum klatsche ich ihnen zu. Nicht aufhören, ihr macht einen super Job, soll das heißen. Dann bin ich vorbei und es geht weiter, eine Schleife entlang, die es mit sich bringt, dass einem die schnellen Läufer bereits entgegenkommen. Bis Kilometer 13 geht es so durch die Stadt. Die Stimmung ist mal mehr, mal weniger gut. Immer wieder gibt es Bands auf der Straße.

Party ade

Und dann beginnt der Teil, den ich nun im Nachhinein als „ewig lang in der Amsterdamer Pampa“ bezeichnen würde. Ab Kilometer 13 geht es die Amstel entlang, raus aus der Stadt. Rundherum Felder, nur ein paar Hausboote und so vereinzelt wie die Häuser, stehen auch die Menschen an der Strecke. Stimmung? Fehlanzeige. Außer den Führungsfahrzeugen auf der anderen Seite, die der Elite den Weg weisen, ist hier nicht viel zu sehen. Na gut, eine riesige Windmühle, aber das war’s dann auch schon. Sechs Kilometer geht es so in eine Richtung auf einem schmalen gepflasterten Weg. Dazu kommt Gegenwind. Alles in allem mental etwas zermürbend und innerlich denke ich, diese verdammte Wende nach km 19 kommt nie.

Plötzlich wanke ich nach links. Nur für einen klitzekleinen Moment. Was war denn das? Ich horche in meinen Körper. Alles wieder normal. Vielleicht einfach eingebildet. Die Sonne hat mittlerweile an Höhe und damit an Strahlkraft gewonnen und scheint uns auf diesem Teil der Strecke unentwegt, ungetrübt und unerbittlich ins Gesicht.

Da vorne ist sie, Gott sei Dank, freue ich mich, als wir schließlich gegen den Uhrzeigersinn auf der anderen Seite der Amstel den Rückweg antreten. Ein Stückchen weiter ist dann auch schon die Hälfte geschafft. Kollektiver Läuferjubel, als wir die Matte bei km 21,1 überlaufen. Die Hälfte haben wir schon, rufen einige. Nur noch einen Halben. Und vor allem nur noch 13 Kilometer bis mein Freund auf mich wartet. Das ist doch gar nicht mehr so weit, juhu.

Zugeschnürt

Was ist das???? Ich bekomme keine Luft. Atme tiefer. Versuche meine Lunge mit Sauerstoff zu füllen. Mir schnürt es die Kehle oder genauer gesagt den Brustkorb zu. Ich bekomme keine Luft. Drei vier Atemzüge geht das so. Noch bevor ich in Panik ausbrechen kann, ist es vorbei. Alles wieder normal. Was war das???, frage ich mich und laufe weiter. Es passt wieder. Mittlerweile habe ich die 25 Kilometermarke passiert. Meine Gedanken konzentrieren sich wieder auf die Strecke. Jetzt ist es nicht mehr weit bis in die Stadt zurück, freue ich mich und stelle mir die gute Stimmung vor.

Da ist es wieder. Zugeschnürt. Keine Luft. Nicht Kloß im Hals, sondern mitten auf der Brust. Ich kriege wieder keine Luft. Mein Brustkorb ist abgeschnürt, ich fühle mich wie ein Fisch, der nach Luft schnappt. Was ist das??? Hör auf, bleib stehen. Ich laufe an den rechten Straßenrand, will stehenbleiben. In dem Moment ist es wieder vorbei. Alles wieder normal. Ich schaue auf die Uhr. Knapp sieben Kilometer noch bis zum vereinbarten Treffpunkt. Wenn ich jetzt aufhöre, komme ich nicht rechtzeitig zu km 34. Wir hatten ausgemacht, dass er, wenn ich in einem bestimmten Zeitfenster nicht auftauche, alleine in Richtung Ziel läuft und wir uns dort treffen.

Es muss sich ausgehen. Ich schaffe es nicht bis ins Ziel, muss ihn erwischen. Also laufe ich weiter. Vier Kilometer noch. Die nächste Attacke, die mir kurzzeitig die Luft raubt. Scheiße. Ich kann nicht mehr. Es macht mir Angst, denn wie bereits erwähnt, hatte ich in der ersten Jahreshälfte mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die mir damals ebenfalls die Luft raubten - nur in einer anderen Form. Bleib stehen, irgendwie wirst du schon ins Ziel kommen, denke ich. Das würde aber so lange dauern (wer das Amsterdamer Öffi-Netz kennt, weiß das). Zu lange, sodass er sich riesige Sorgen machen würde. Also doch weiter. Noch zwei Kilometer.

Ich hadere und bin den Tränen nahe. Immer wieder bleibt mir kurz die Luft weg. Ich hatte das noch nie in der Form erlebt. Es sind vom Treffpunkt nur noch acht Kilometer ins Ziel. Ich würde so gerne ins Stadion einlaufen, mir die Medaille holen. Das ist wie bis zur Donauinsel, gehe ich die Heimstrecke durch. Doch dieses Mal wirkt es nicht, es gibt mir keinen Push, die Stammstrecke in Gedanken herunterzulaufen. Ich will einfach nur den Treffpunkt erreichen. Bitte, bitte sei noch da, flehe ich und laufe weiter, mittlerweile voller Angst, dass in der nächsten Attacke mehr passieren könnte.

Aus und vorbei

Und dann endlich. Von Weitem sehe ich die 34-km-Tafel. Endlich! Nur noch wenige Meter. Ich sehe meinen Freund. Winke ihm zu. Er lacht, winkt zurück und macht sich startbereit. Als ich bei ihm ankomme, ziehe ich ihn auf die Seite. Zurück auf den Gehsteig. Ich lasse mich auf den Boden fallen und in dem Moment fällt alles ab. Die Tränen laufen mir übers Gesicht. Er kennt sich gar nicht aus. Ich stammle nur „kriege keine Luft“ und fächere mir Luft zu. Eine Frau kniet sich zu uns und fragt, ob ich einen Arzt brauche. Ja, sagt mein Freund aufgeregt, aber ich verneine und meine, es geht schon. Sie gibt mir eine Banane und Wasser und versichert sich mehrmals, ob es wirklich geht oder sie einen Arzt holen soll.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort gesessen sind. Irgendwann machten wir uns auf den Weg in den Zielbereich, um unsere Kleidersäcke zu holen. Es war das erste Mal, dass ich einen Wettkampf nicht zu Ende gelaufen bin, mir statt einer Medaille ein DNF geholt habe. „Du bist gar nicht so fertig, wie ich gedacht habe“, sagt mein Freund am späten Nachmittag – beim Speicherauffüllen – zu mir. „Ach, klar bin ich fertig und mega enttäuscht. Ich habe so viel investiert. Die monatelange Vorbereitung, das frühe Aufstehen jeden Tag, das Quälen bei den Intervallen, den Tempoläufen, die vielen Kilometer Woche für Woche. Und wofür? Es hat heute nicht sein sollen und ich hätte mir nie gedacht, dass ich ohne Medaille nach Hause fliege. Aber im Endeffekt zählt doch nur, dass ich jetzt hier mit dir sitze“, sage ich.

Dann erzähle ich von den Trommlern auf der Strecke. Dass ich die so liebe. Dass da die Stimmung so toll, ich so gut drauf war. Dass da noch alles gut war. „Bei unserem Treffpunkt waren ja auch welche. Voll laut. Hast du die nicht gehört?“, fragt er. Trommler? Wirklich? Nein, habe ich nicht.

Glücklich und gesund ins Ziel einlaufen, war mein Ziel beim Amsterdam Marathon. Das habe ich klar verfehlt. Mittlerweile sind zwei Wochen vergangen, Arztcheck inklusive und im Nachhinein kann ich sagen: Die Vernunft hat gesiegt und das war gut so. Aus der Niederlage wurde im Endeffekt ein Sieg. Ich hätte mir nie vorstellen können, einmal ein Rennen nicht zu Ende zu laufen. Vor allem nicht DAS Jahreshighlight. Doch das Jahr hat mir gezeigt, dass Gesundheit das höchste Gut ist. Und das darf man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Für keine Medaille der Welt. Wie immer wieder vor dem Start durchgesagt wird: Wenn etwas zwickt, das anders ist als sonst, lieber einmal zu viel aufhören. Kein Rennen der Welt ist es wert, dass es vielleicht das letzte ist. In diesem Sinne: Hört auf euren Körper und passt auf euch auf!

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