Die Herbst ist lĂ€ngst da und damit fĂŒr die meisten auch die Off-Season

© Natascha Marakovits

RunNa: Ich bin dann mal off

RunNa: Ich bin dann mal off

Der Grat zwischen Off- und Neverending-Season ist schmal. Warum eine Auszeit gut tut.

von Natascha Marakovits

11/18/2017, 06:00 AM

"Machst du denn nie Pause?“ Doch, das ist ja Pause. "Weil der Körper muss sich ja auch erholen können.“ Ja eh, zehn lockere Kilometer sind ja auch Erholung. Wenige Tage spĂ€ter: "Du lĂ€ufst jetzt sehr wenig, gell?“ Ja, Auszeit nach Saisonende. Macht man ja so. "Aha, macht man das so?“

Zwei Dialoge mit zwei unterschiedlichen Personen. Jede hat eine Meinung von mir und die ist bei jedem anders. WĂ€hrend es fĂŒr den einen immer noch viel – zu viel – ist, meint der andere, dass es total wenig ist.

Der Grat zwischen Off- und Neverending-Season ist mitunter schmal. Vor allem wenn man seinen Sport so sehr liebt, dass man ihn einfach immer machen will. Egal ob man nun erst einen Marathon gelaufen oder nicht. Was fĂŒr mich Pause ist, ist fĂŒr andere maximales Trainingspensum. Insgesamt 3594 Kilometer stehen auf meiner persönlichen Kilometertafel dieses Jahr. Obwohl ich gesundheitlich angeschlagen war, kam bei zwei Marathonvorbereitungen doch einiges zusammen. Dass es bei beiden nicht sein sollte, wusste ich ja im Vorhinein nicht.

In der Regel waren es sechs LĂ€ufe die Woche, nicht selten zwischen 80 und 100 Wochenkilometern. Dazu das ĂŒbliche LĂ€uferprogramm mit Kraft, Stabi und Co (wobei eigentlich ohne Co, denn das Arbeiten an der Beweglichkeit ignorierte ich gekonnt). Was am Plan stand wurde durchgezogen. Nicht selten stand ich vor fĂŒnf Uhr auf, um eine lange Trainingseinheit vor der Arbeit unterzubringen. Automatik in Gehirn und Körper: Der Blick am Vortag auf den Plan (den es eigentlich nicht brauchte, denn ich die Einheiten brannten sich Woche fĂŒr Woche bereits am Sonntag, spĂ€testens am Montag in meinem Hirn ein). Dennoch, ein letzter Check um sicherzugehen: Was genau steht morgen an? Wecker stellen. Aufstehen. Laufschuhe an. Los. Beinahe Tag fĂŒr Tag. Woche fĂŒr Woche. Bis zum 15. Oktober. Dem Tag des Amsterdam Marathon, mein Jahreshighlight und gleichzeitig Saisonabschluss. Dass dann doch alles anders kam, isteine andere Geschichte


Off-Modus an

Also zurĂŒck zur Off-Season. In der ersten Woche nach dem Marathon, der im Endeffekt doch keiner war, hieß es: Nothing. Nada. Niente. Oder in Winston Churchills Worten: no sports. Obwohl es mir schwer fiel, siegte die Vernunft, die sagte: Du machst jetzt wirklich einmal nichts! Genau eine Woche hat dieser Vorsatz angehalten. Dann war Schluss und ich drehte meine erste Runde. Denn ich liebe das Laufen, es versĂŒĂŸt mein Leben, egal ob im Sommer oder Winter. Ich muss mich nicht motivieren dafĂŒr. Das GefĂŒhl dabei ist Motivation genug.

FĂŒnf Wochen sind nun bereits vergangen und ich bin immer noch im Off-Modus. Laufe nach Lust und Laune, mal locker, mal flockig und auch mal schnell. Ich genieße es einmal nicht starre Vorgaben zu haben, die ich erfĂŒllen bzw. meist noch unterbieten will. Keine zwei bis drei knackigen Tempoeinheiten in der Woche zu haben, sondern auch mal unter der Woche zumindest ein bisschen lĂ€nger schlafen zu können, weil eben nicht 20 Kilometer, sondern nur sieben, zehn oder zwölf auf meinem WohlfĂŒhlplan stehen.

Statt 100 sind es jetzt 40, 50 oder maximal 60 Wochenkilometer. FĂŒr mich wenig, fĂŒr andere viel, womit ich wieder bei den anfangs erwĂ€hnten Dialogen bin. Jeder Mensch ist eben anders und das ist gut so. Der wesentlichste Unterschied dabei: Es ist mein Programm, das nach meinem Kopf und vor allem nach meinem GefĂŒhl geht. Alles kann, nichts muss und weil ich stets im WohlfĂŒhlbereich bleibe, ist auch noch genĂŒgend Energie vorhanden, um sich anderen schönen Dingen des Lebens zu widmen. Denn nach einem sonntĂ€glichen 30er mit Endbeschleunigung war viel mehr als der Weg von der Couch zum KĂŒhlschrank nicht mehr drin.

Loslassen

Dieses bewusste Loslassen im Kopf und im Körper ist wichtig, sagt die Wiener Sportpsychologin Andrea Engleder. "Einerseits fĂŒr die Regeneration und andererseits fĂŒr die Motivation.“ Dabei werde die psychische Komponente hĂ€ufig ĂŒbersehen. Mentale Pausen seien Zeiten, wo man sich mit anderen Dingen beschĂ€ftigen soll, nur nicht mit dem Sport. Andere FreizeitaktivitĂ€ten ausĂŒben, in Urlaub fahren oder Leute treffen, die nicht ĂŒbers Laufen reden wollen. "Diese mentalen Pausen sind unabhĂ€ngig von der Sportart. Wenn ich mich viel mit einem Bereich beschĂ€ftige, ermĂŒdet es mich irgendwann, die Motivation beginnt zu leiden. Wenn dann auch die Leistung nicht zufriedenstellend ist, kann es in eine depressive Verstimmung kippen, im Sinne von 'Jetzt macht mich nicht mal mehr das Laufen glĂŒcklich‘ - daher ist es ganz wichtig, sich mentale Auszeiten zu gönnen“, betont die Sportpsychologin.

AuchSportmediziner Sven Thomas FallebestĂ€tigt die Wichtigkeit einer bewussten Auszeit. "Die Off-Season eignet sich sehr gut, um in dieser Zeit anderen Sportarten nachzugehen. Nicht nur, um dem Körper eine Auszeit von den immer gleichen Bewegungsmustern zu geben, sondern auch fĂŒr den Kopf. Neue EindrĂŒcke und neue Bewegungsmuster sind ideal fĂŒr diese Zeit. Ob Wandern oder andere Ausdauersportarten. Auch Yoga oder ein neuer Yogastil als man bisher praktiziert hat, ist perfekt fĂŒr diese Zeit."

Wie lange diese Auszeit dauert, sei individuell. "In meiner Praxis empfehle ich jedem LĂ€ufer, unabhĂ€ngig vom Leistungsniveau, eine zumindest vierwöchige Regenerationsphase nach einer Wettkampfsaison. Ein Unterschied ist sicherlich, dass Topathleten in dieser Zeit oft insgesamt aktiver mit Ausgleichssportarten sind als Gesundheitssportler.“

Meine Challenge

Weil es ganz ohne Herausforderungen selbst in der Off-Season bei mir nicht geht, habe ich mir etwas vorgenommen, wofĂŒr unterm Jahr nie Zeit war (Ausrede Nummer Eins) und zu dem ich mich im Gegensatz zum Laufen wirklich motivieren muss(te): Meine Yoga-Challenge.

20 Klassen in 30 Tagen. Solange die lĂ€uft, werde ich beim Laufen noch zurĂŒckschrauben. Dabei geht es mir erstens darum, an meiner grĂ¶ĂŸten SchwĂ€che – der Beweglichkeit – zu arbeiten. Und zweitens ist es fĂŒr mich auch eine mentale Geschichte. Es geht viel ums Atmen, zur Ruhe kommen, herunterkommen. Perfekt fĂŒr meinen Off-Modus. Loslassen. Im Kopf und im Körper. So, jetzt geh ich Yoga. Die Challenge wartet. Namaste.

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