Wellness
18.02.2018

Ist nüchtern das neue Besoffen?

"Bewusst statt berauscht" lautet das Motto einer Autorin, die mit Achtsamkeit ihr Trinkverhalten änderte.

Rosamund Dean hatte genug von verkaterten Samstagen, hochprozentigem Kontrollverlust und sozialer Trinkpflicht. In ihrem neuen Buch "Mindful Drinking" ("Achtsam Trinken") beschreibt sie, wie Achtsamkeit ihren Umgang mit Alkohol verändert hat und inspiriert Leser zu einem bewussteren Konsum.

Sie schreiben, dass Rauchen im sozialen Kontext akzeptiert ist, während Trinken nicht nur erwünscht ist, sondern sogar erwartet wird. Warum?

Rosamund Dean: Alkohol ist tief in unserer Kultur verankert. In Gesellschaft zu trinken gilt als cool und ist in unserem Leben viel stärker verwurzelt als das Rauchen. Wir leben ja schon Kindern vor, dass Wein zu trinken etwas Elitäres, Erwachsenes und Genüssliches ist – und lehren sie so, dass Trinken erstrebenswert ist. Außerdem fühlt man sich durch Alkohol enthemmt und selbstsicherer. Das ist auch ein Grund, warum Alkohol aus sozialen Settings kaum wegzudenken ist.

An welche Leserschaft richten Sie sich mit Ihrem Buch?

Ich will Menschen ansprechen, die – wie ich selbst – in einem Teufelskreis des Trinkens gefangen sind und sich ausgelaugt fühlen. Nicht an suchtkranke Menschen. Ich wusste, dass ich keine Alkoholikerin bin, aber ich brauchte eine Strategie, um weniger zu trinken.

Achtsamkeitstraining ist schon länger populär. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Technik bei Alkoholkonsum anzuwenden?

Als ich angefangen habe zu recherchieren, welche Strategien es gibt, um weniger zu trinken, bin ich immer wieder auf Achtsamkeit gestoßen. Vergangenes Jahr hat eine britische Studie ergeben, dass Achtsamkeitsübungen den Alkoholkonsum beträchtlich verringern können, sogar dann, wenn man nicht viel Zeit investiert (siehe unten).

Was sind die ersten Schritte, um Alkohol bewusster zu konsumieren?

Am Anfang steht die Planung. Man muss im Voraus entscheiden, was und wie viel man trinken will, und sich daran halten. Dann gilt es, sich einen Überblick zu verschaffen, wie viel man generell üblicherweise trinkt. Das kann einen ziemlich wachrütteln. Dann kommt die Achtsamkeit ins Spiel: Bewusster mit dem eigenen Körper und seinen Bedürfnissen umzugehen, hilft dabei, bessere Entscheidungen zu treffen.

Und wenn man nach einem stressigen Tag in Versuchung gerät?

Dem kann man vorbeugen, indem man sich bestimmte Ablenkungen zurechtlegt. Stattdessen ein Vollbad zu nehmen, zu kochen oder die beste Freundin anzurufen, kann helfen.

Wie geht man mit Rückfällen um?

Man sollte nicht zu hart zu sich sein. Es kann schnell vorkommen, dass man sich nach Rückschlägen schlecht fühlt und dann wieder in einen Teufelskreis aus Abstinenz, Fehlverhalten, Frust, Schuldgefühlen, Scham, Ärger und Angst gerät – Gefühle, die das Bedürfnis nach Alkohol triggern. Hat man diesen Mechanismus durchschaut, ebnet das den Weg zum achtsamen Trinken.

Wie gelingt es, auf Partys standhaft zu bleiben?

Zunächst ist zu hoffen, dass der Gastgeber Verständnis dafür hat, wenn man weniger oder nichts trinkt. Wenn nicht, kann man sich eine Ausrede überlegen, beispielsweise sagen, dass man mit dem Auto fahren muss. Selbst alkoholfreie Getränke mitzunehmen oder vorab anzukündigen, dass man nichts trinken wird, kann helfen und verhindern, dass sich der Gastgeber vor den Kopf gestoßen fühlt. Sollte es dennoch zu einer unangenehmen Situation kommen, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass man den Abend ohne Alkohol ganz anders genießen kann.

Ist es schwieriger, Alkohol langfristig in moderaten Mengen zu trinken, als abstinent zu sein?

Ja, das hat einen einfachen Grund: Abstinenz erfordert die eine Entscheidung "Ich trinke nie wieder". Moderater Konsum erfordert viele Entscheidungen – "Soll ich heute trinken?", "Was soll ich trinken", "Was sage ich, wenn mich jemand dazu überreden will?". Jede dieser Fragen ist eine Gelegenheit, zum übermäßigen Trinken zurückzukehren.

Was sind die Vorteile eines achtsameren Alkoholkonsums?

Es hilft beim Abnehmen, verbessert die Haut und spart Geld. Man hat mehr Spaß beim Sex, bessere Beziehungen mit Freunden, der Familie und dem Partner. Es macht glücklicher, produktiver und weniger ängstlich. Und natürlich beugt ein geringerer Alkoholkonsum einer Reihe von Erkrankungen vor. Also lebt man länger und gesünder.

Wie setzen Sie das im Alltag um?

Ich habe in meinen Zwanzigern und Anfang Dreißig viel getrunken. Heute bleibe ich mindestens an vier Tagen die Woche nüchtern. Wenn ich trinke, dann maximal zwei Getränke pro Tag.

Man könnte meinen, dass durch den stets bewussten Konsum der hedonistische Spaß am Genuss verloren geht, oder?

Wenn man erst einmal gelernt hat, in Maßen zu trinken, verträgt man automatisch weniger. Man kann also immer noch dem Genuss frönen, aber man spart Geld und sich selbst den Kater. Wenn man Hedonismus als lustvolle Hingabe definiert, gibt es außerdem auch Möglichkeiten, das ohne Alkohol zu tun.

Was soll Ihr Buch bewirken?

Ich wünsche mir, dass sich meine Leser bestärkt fühlen, ihre Beziehung zum Alkohol – und damit auch ihr Leben – zu verändern.

Buchtipps:

Rosamund Dean: "Mindful Drinking: How Cutting Down Can Change Your Life", Verlag: Trapeze, 192 Seiten, 14,48 Euro

Susanne Kaloff: "Nüchtern betrachtet war's betrunken nicht so berauschend: Ein Trip in die Freiheit", Fischer, 256 Seiten, 15,50 Euro

Achtsamkeit und Alkoholkonsum: Kurzes Training, lange Wirkung

Für die Erhebung wurden 68 schwere Trinker ohne diagnostizierten Alkoholismus zwei Gruppen zugeteilt. Der einen Gruppe wurde eine elfminütige Achtsamkeitstrainingseinheit vorgespielt. Die Teilnehmer wurden angewiesen, sich ihre Gefühle und körperlichen Empfindungen bewusst zu machen, um ihre Aufmerksamkeit auf ihr Verlangen nach Alkohol zu lenken, statt es zu unterdrücken. Die Probanden hatten die Aufgabe, die Übung einmal pro Woche zu Hause zu wiederholen. Die zweite Gruppe erlernte eine Entspannungstechnik. Die Teilnehmer der Achtsamkeitsgruppe tranken in der Folgewoche 9,3 Alkoholeinheiten weniger, das entspricht etwa eineinhalb Litern Bier. Bei der Entspannungsgruppe zeigte sich keine Veränderung.

Achtsamkeit könne einen bewussteren Umgang mit dem Verlangen nach Alkohol und Trinkimpuls bewirken, schreiben die Studienautoren in ihrem Resümee. Gesteigertes Bewusstsein führe zu mehr Kontrolle über das Verhalten. Anstatt zu einem alkoholischen Getränk zu greifen, sobald es einen gelüstet, könne man eine andere Handlungsoption wählen. Da übermäßiges Trinken Alkoholismus meist vorausgeht, könne Achtsamkeitstraining dazu beitragen, den Umgang mit Alkohol zu verändern, bevor ernsthafte Probleme entstehen.