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Das Leben mit Diabetes ist kein Zuckerschlecken

Das Leben mit Diabetes ist kein Zuckerschlecken

Elf Diabetikerinnen und Diabetiker sagen,wie sie mit der Diagnose umgehen und ihren Alltag meistern.

11/13/2015, 06:00 AM

Matthias Steiner (33)

Olympiasieger im Gewichtheben, seit 15 Jahren Diabetes. „Einen Tag vor meinem 18. Geburtstag wurde mir die Diagnose Diabetes gestellt. Statt Sachertorte bekam ich eine DiĂ€tschnitte zum Geburtstag. Die Krankenschwester hat sich bemĂŒht, aber fĂŒr mich war das Leben sozusagen zu Ende. Plötzlich war ich ein kranker Mensch und mir wurde gesagt, ich darf nicht mehr Gewichtheben. Doch zwei Wochen spĂ€ter fing ich wieder damit an. Ich habe bemerkt, es hat sich körperlich eigentlich nichts geĂ€ndert. Das bekomme ich schon hin, dachte ich mir. Ich fing an, zehn bis 15-mal am Tag Blutzucker zu messen. Vor allem an einem Wettkampftag musste alles funktionieren. Das erste Jahr war schon ein Horror wegen des Adrenalins und der NervositĂ€t, dann spritzt man falsch und so weiter. Jetzt möchte ich Ängste nehmen und zeigen, es kann trotz Erkrankung normal weitergehen. Mein Titel als stĂ€rkster Mann der Welt hilft da schon, gerade bei Kindern. Da merke ich, dass ich eine Hilfestellung bin. Nach Beendigung meiner Karriere habe ich 45 Kilo abgenommen. Was man isst und wie man sich bewegt, hat enorme Aus- wirkungen auf das eigene Wohlbefinden, kann ich jetzt sagen. Die Zahl an Typ-2- Diabetiker nimmt weltweit zu. Das grĂ¶ĂŸte Problem ist das Überangebot an zucker- und fettreichen Essen. Gerade bei Kindern wird das immer problematischer, weil Lebensmittel als gesund vermarktet werden, obwohl sie es nicht sind. In einem Viertelliter Cola sind neun StĂŒck ZuckerwĂŒrfel. Wer wĂŒrde auf die Idee kommen, neun StĂŒck Zucker in eine Tasse Schwarztee zu geben? Niemand!

Annelie Jandl (10)

SchĂŒlerin. Tina Jandl ĂŒber ihre Tochter Annelie: „Annelie war immer ein großes, starkes, gesundes Kind, das bis heute nicht mal Antibiotika nehmen musste. Und dann plötzlich das. Wir haben dann aber einfach gesehen, dass durch die Methoden die es heute gibt, uns ein völlig normales Leben möglich ist. Wir machen uns lustig ĂŒber den Diabetes. Wir sagen, dass Annelie jetzt nicht mehr Einzelkind ist, sondern ungeladen einen hĂ€sslichen Bruder bekommen hat, um den wir uns kĂŒmmern mĂŒssen. Wir nehmen uns der Sache an, aber vergessen niemals dabei zu lachen.“

Max Oberndorfer (23)

Physiotherapeut und American-Football-Spieler,seit 12 Jahren Diabetes. „NatĂŒrlich schockiert einen die Diagnose erst einmal und das Leben erscheint plötzlich wie in einem KĂ€fig. Doch man beginnt zu experimentieren, die Grenzen auszutesten und diese stets zu erweitern. In kleinen Schritten nĂ€hert man sich dem Ziel, alles erreichen zu können und dabei den Blutzucker nicht außer Acht zu lassen. Sport mit Diabetes ist zwar kein Zuckerschlecken, aber trotzdem lĂ€sst sich eine sportliche Karriere gut meistern. Generell ist eine gute Einstellung wichtig und die Herausforderung, den Sport trotz Diabetes zu betreiben, einfach spannend.“

Frank Westermann

MitbegrĂŒnder und GeschĂ€ftsfĂŒhrer von MySugr. „Wir wollten mit unserem Diabetes besser klarkommen und haben die App sozusagen aus Eigenantrieb gegrĂŒndet. Zu Beginn waren es noch jĂ€hrlich 1000 Nutzer, jetzt sind es schon 1000 User tĂ€glich. Eines der Probleme, das wir lösen wollen, ist, dass man als Diabetiker nur alle drei Monate einen kurzen Ă€rztlichen Check hat. Aber die eigentliche Therapie passiert in der Zeit dazwischen, wo man auf sich selbst gestellt ist. Da ist es wichtig, dass man gut ausgebildet und motiviert ist. MySugr soll dabei helfen.“

Ilka Gdanietz

Diabetes-Bloggerin. „Diabetes ist, wie einen Welpen zu erziehen. Wenn du dich nicht genĂŒgend um ihn kĂŒmmerst, dann macht er dir in die Bude. Diabetes ist eine tĂ€gliche Herausforderung und erfordert stĂ€ndige Beachtung, aber mit der heutigen Technik und ein wenig Disziplin kann ich gut mit der Krankheit leben.“

Markus Berndt (48)

Unternehmensberater und Buchautor. „Im sogenannten DACH Raum ( Deutschland, Österreich und der Schweiz) zĂ€hlt man bereits an die 10 Millionen Diabetiker, und es werden immer mehr. Kein Wunder bei unserer Lebensweise. Die Gene mögen letztendlich zu einem gewissen Prozentsatz darĂŒber entscheiden, ob eine Krankheit ausbricht oder nicht, doch fĂŒr die Entstehung von Diabetes Typ-2 sind wir nahezu ohne Ausnahme selbst schuld. Ob wir das hören möchten oder nicht. Die Zuckerkrankheit lĂ€sst sich entgegen aller Unkenrufe sehr gut austherapieren, und zwar oft ohne jegliche Medikamenteneinnahme. Und es funktioniert viel einfacher, als man denkt. Ohne DiĂ€t und meist binnen weniger Monate. Ich habe es geschafft und darĂŒber ein Buch („Diabetes ade – das Ende der Zuckerkrankheit“) geschrieben. Diabetes hat mein Leben komplett verĂ€ndert – niemals zuvor ging es mir so gut wie heute!

Lukas Schuster

Development bei MySugr, seit 6 Jahren Diabetes. „FĂŒr mich ist Diabetes vieles, er begleitet mich an jedem Tag und ist oft eine Belastung, allem voran allerdings etwas, das mich dazu zwingt, das zu leisten, was ich kann – und ĂŒber mich selbst hinauszuwachsen!“

Anne Kainz (25)

Customer Support bei MySugr, seit 13 Jahren Diabetes. „Die Diagnose war damals ein Schock. Aber mein Leben hat sich dabei zum Positiven verĂ€ndert. Der Diabetes ist Teil meines Lebens. Auf diese Verantwortung, bzw dass ich sie tragen kann, bin ich aber sehr stolz! Manchmal nervt das Diabetes-Monster, aber am Ende des Tages kommen wir immer gut klar.“

Marlis Schosser (32)

Product Lead bei MySugr und IDF Young Leader. „Als ich Diabetes bekommen habe, hat sich mein Leben von einem Tag auf den anderen komplett auf den Kopf gestellt. Allerdings hab ich nach einiger Zeit gemerkt, dass ich trotz Spritzen, Blutzucker messen, etc. alles machen kann, was ich möchte. ZusĂ€tzlich hat man noch den Vorteil, dass man seinen Körper viel besser kennenlernt als andere. Wer hat schon die Möglichkeit, genau mitverfolgen zu können, wie sich Pizza und Co so auswirken.“

Florian Holzer (49)

Gourmetkritiker, seit 45 Jahren Diabetes. „Zu meinem Job kam ich sicher auch aus einem Wunsch heraus, mich meiner Krankheit gegenĂŒber emanzi- pieren zu wollen und souverĂ€n zu sein. Ich wollte nicht mein Leben durch Diabetes determinieren lassen. Was ich Menschen mit auf den Weg geben möchte, die gerade von der Diagnose erfahren haben? Erstens: don’t panic! Zweitens: Es ist einem nichts verwehrt. Wenn man will, kann man die Diagnose dazu nutzen, sich nur mehr fein und gut zu ernĂ€hren. Das ist keine Kostenfrage, sondern eine Frage der Information und des Willens. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen: Die Zeit der Muße ist vorbei. Ohne Kontrolle und Disziplin riskiert man seine Gesundheit.“

Christian Schelkshorn

Leiter der I. Medizinischen Abteilung im Landesklinikum Stockerau: „Es ist wichtig, dass man bei der Erstdiagnose Diabetes nicht dramatisiert, aber auch nicht bagatellisiert. Man eröffnet dem Patienten oder der Patientin einen Fahrplan, wie er oder sie jetzt damit umzugehen hat. Ich versuche zu vermitteln, dass dies ein langsames Hineinwachsen in ein Thema ist, mit dem man gut leben kann, aber mit dem man sich langfristig auch immer wieder auseinander setzen muss. Ich glaube nicht, dass die, die selbst betroffen sind, unbedingt einen besseren Zugang haben. Was mir vielleicht leichterfĂ€llt, ist, die Akzeptanz der Therapie vorzuleben. Ich kann sagen, Insulin ist kein Verhinderer von Wohlbefinden. Oder wenn jemand wegen des Blutzuckermessens Angst hat, seine Finger zu ,zerstechen‘. Da kann ich beruhigend wirken und diese Ängste relativieren oder zerstreuen, indem ich von meinen jetzt bereits 37 Jahren Erfahrung berichte.“

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