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Märchen
12/20/2015

Weihnachten ist abgesagt

Alle wollen sie weit weg: das depressive Christkind, der Weihnachtsmann mit Rückenschmerzen und der wütende Christbaum. Nur der kleine Esel hat etwas dagegen.

von Guido Tartarotti

Irgendwie freue ich mich heuer gar nicht auf Weihnachten", sagte das Christkind. "Es glaubt ja ohnehin niemand mehr an mich. Ich bin von gestern: Ich hab keine Homepage, ich bin nicht auf Facebook, nicht einmal auf Twitter, man kann bei mir nicht online bestellen wie bei Amazon. Mich gibt es auch nicht als App für das Smartphone, und was man nicht wischen kann, das gibt es gar nicht. Mich kann man nur in sich selber finden, wenn man sich Zeit nimmt, aber wer hat heute schon Zeit, sich Zeit zu nehmen? Außerdem gehen mir die ewigen Fragen, ob ich jetzt ein Bub oder ein Mädchen bin, schon so auf die Nerven! Nein, ich nehme mir heuer zu Weihnachten frei. Heuer kannst du allein die Geschenke bringen, dich finden die Kinder ohnehin viel cooler!"

Hohoho, wieso ich ...,

hohohote der Weihnachtsmann! Mir tut der Rücken schon so weh von dem schweren Geschenkesack, den ich, hohoho, immer schleppen muss. Außerdem glaube ich, ich werde langsam alt, hohoho, immer auf dem Schlitten durch die kalte Nacht fliegen, davon bekomme ich Rheumatismus. Und, hohoho, ich würde mich so gerne einmal rasieren, der blöde Vollbart macht mich 20 Jahre älter und kitzelt so unangenehm in der Nase, hohoho! Und was glaubst du, hohoho, wie sehr es mir auf die Nerven geht, ständig hohoho sagen zu müssen! Nein, ich fahre heuer zu Weihnachten auf Kur nach Bad Tatzmannsdorf."

"Ich habe auch genug, den Schlitten zu ziehen und mir in der eisigen Winterluft eine Verkühlung nach der anderen zu holen, damit dann alle über meine rote Nase lachen", sagte Rudolf, das Rentier, und putzte sich die rote Nase. Ich mache diese Weihnachten Urlaub in einem Ferienclub in der Dominikanischen Republik. Dort lege ich mich in einer Badehose mit Blümchenmuster an den Strand, setzte mir eine schwarze Sonnenbrille auf und trinke Ananassaft mit einem kleinen Sonnenschirm drin. Vielleicht schicke ich euch eine Ansichtskarte. Oder ein Selfie."

Lustloser Baum

"Da komme ich mit", sagte der Weihnachtsbaum. "Ich will auch einmal an den Strand. Da schlage ich Wurzeln neben einer hübschen Kokospalme. Weihnachten ist für mich so enttäuschend, zuerst freuen sich alle über mich, aber nach ein paar Tagen schimpfen sie nur noch, weil meine Nadeln auf den Teppich fallen. Im schlimmsten Fall hebt sogar der Hund an meinem Stamm das Haxerl! Darauf habe ich keine Lust mehr."

"Ich hab auch keine Lust", sagte das weltberühmte Weihnachtslied "Last Christmas". "Jedes Jahr muss ich mir spätestens ab Oktober selber zuhören, und ich gehe mir selbst schon so auf die Nerven." "Was sollen wir sagen", riefen seine Kollegen, also "White Christmas", "Little Drummer Boy", "Stille Nacht", "Kling Glöckchen Klingelingeling", "O Tannenbaum" und all die anderen Weihnachtslieder. "Uns geht es nicht besser!" Und vor lauter Aufregung ertönten alle Weihnachtslieder gleichzeitig, es war ein ungeheurer Lärm, in dem nur manchmal ein scharfes "Klingelingeling" zu erkennen war.

Ungeliebte Geschenke

"Mich freut es heuer auch nicht", sagte die Krawatte. "Egal, wer mich geschenkt bekommt, der findet mich zu bunt oder zu einfärbig oder zu grell oder zu spießig, zu lang, zu kurz, zu schmal, zu breit, manche finden überhaupt, nur Hunde sollten einen Strick um den Hals tragen, und schon am ersten Tag nach Weihnachten verschwinde ich in einer Schublade und werde nie wieder gesehen". "Mir geht es ganz ähnlich", sagte die Küchenmaschine. "Jeder verschenkt mich, aber keiner will mich haben, meistens schenkt man mich jemandem, den man nicht mehr besonders mag."

"Auch mich will niemand haben", sagte das gute Buch. "Sie tun so, als ob sie sich über mich freuen, und ein paar Wochen lang liege ich auf dem Nachtkästchen. Aber nie schlägt mich jemand auf. Wenn ich Glück habe, darf ich als Raumschmuck auf dem Regal stehen, vielleicht nehmen mich die Kinder noch manchmal in die Hand, aber nur, wenn sie für ihr Meerschweinchen eine Hindernisbahn bauen wollen oder wenn sie beim Streiten etwas brauchen, das sie einander auf den Kopf hauen können."

"Das kann mir nicht passieren, mich brauchen die Menschen, vor allem, wenn es kalt ist. Trotzdem bin ich das unbeliebteste Weihnachtsgeschenk von allen", sagte das Paar Socken. "Ich bin sogar ganz besonders beliebt", sagte das Computerspiel. "Aber nur ein paar Tage oder Wochen lang. Dann finden sie mich nur noch fad und verlieren mich absichtlich irgendwo." "Also, von uns aus", sagten die Geschenke, "könnte Weihnachten heuer ruhig ausfallen."

Stern & Ochs

"Das ist eine hervorragende Idee", muhte der Ochs mit seiner kräftigen Stimme. "Ich würde auch lieber gemütlich in meinem Stall stehen und den ganzen Tag süßes Heu wiederkäuen, anstatt rund um die Uhr die Krippe zu bewachen." "Ich habe auch keine Lust, immer zu leuchten und zu strahlen und zu scheinen", sagte der Stern. "Ich hab schon einen Sonnenbrand auf den Zacken und am Schweif von der ständigen Leuchterei und Strahlerei und Scheinerei. Sagen wir doch Weihnachten heuer ab – es muss doch wirklich nicht jedes Jahr Weihnachten sein." "Bravo", riefen die anderen. "Richtig", riefen sie. "Absagen", riefen sie. "Muss doch nicht jedes Jahr sein", riefen sie. "Vielleicht reicht jedes zweite Jahr", riefen sie. Und manchmal konnte man in dem Geschrei das Wort "Klingelingeling!" erkennen, manchmal auch "Bad Tatzmannsdorf" oder "Ananassaft"."Das geht nicht", sagte der kleine Esel. Aber niemand hörte auf ihn. "Das geht nicht", sagte der Esel ein bisschen lauter. Aber seine Stimme ging im allgemeinen Durcheinanderrufen unter. Also holte der Esel ganz tief Luft und i-ate mit aller Kraft, die ein kleiner Esel aufbringen kann: "DAS! GEHT! NICHT!"

Und plötzlich waren alle ganz still.

Das Wunder Weihnachten

"Wieso geht das nicht?", fragte schließlich Rudolf, das Rentier. "Ich möchte an den Strand." "An den Strand kannst du später, zum Beispiel in den Osterferien, da haben wir sowieso frei", sagte der kleine Esel. "Ich bin zwar nur ein Esel, und die Leute sagen ja, wir Esel sind dumm. Aber eines weiß ich: Wir dürfen Weihnachten nicht absagen. Denn ohne Weihnachten gibt es keinen Frieden – und man kann doch nicht den Frieden absagen."

"Frieden?", sagte der Ochs. "Frieden gibt es doch sowieso nicht." "Die Menschen brüllen herum wie ein Ochs, der sich versehentlich auf eine Wespe gesetzt hat, sie trampeln alles nieder wie Kühe, die zu viel Klee gefressen haben, sie gehen mit gesenktem Kopf aufeinander los wie wilde Stiere und benehmen sich dümmer als die dümmsten Rindviecher. Zum Glück haben die Menschen keine Hörner auf dem Kopf", sagte der Ochs, "sonst wäre alles noch viel schlimmer. Frieden auf der Welt? Das wäre ein Wunder."

"Aber genau deshalb gibt es doch Weihnachten", antwortete der kleine Esel. "Weihnachten gibt es, damit es ein Wunder geben kann. Und Wunder gibt es nur, wenn man an sie glaubt. Wenn wir Weihnachten absagen, sagen wir das Glauben an die Wunder ab. Und erst dann sind Wunder wirklich unmöglich. Also dürfen wir das nicht. Außerdem können wir doch die Kinder nicht im Stich lassen", sagte der kleine Esel. "Denn sie sind die Einzigen, die Wunder wahr machen können, die meisten Erwachsenen haben das längst verlernt."

Da nickten alle anderen, weil sie wussten, der Esel hatte recht. Esel sind nämlich nicht dumm, im Gegenteil: Sie wissen recht genau, was wichtig ist und was nicht. Sie sagen nur meistens nichts, weil sie sehr geduldige Tiere sind. Daher wurde Weihnachten nicht abgesagt, und es gibt weiterhin Hoffnung und manchmal auch ein Wunder und vielleicht sogar einmal Frieden. Solange es Weihnachten gibt und Kinder und Esel, ist nichts unmöglich. Und in den Osterferien flog Rudolf, das Rentier, auf Urlaub an den Strand. Und der Weihnachtsmann fuhr auf Kur nach Bad Tatzmannsdorf. Da er sich rasiert hatte, erkannte ihn niemand.

Bis zu den nächsten Weihnachten würde der Bart schon wieder nachwachsen.

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