Der Kannibale: Weil Luis Suarez wieder einmal zugebissen hat, sind diese Zähne derzeit in aller Munde.

© APA/EPA/DIEGO AZUBEL

Morbus Suárez
06/25/2014

Was uns zum Beißen bewegt

Warum in Extremsituationen Reflexe aus der Evolutionsgeschichte hochkommen.

von Ingrid Teufl

Ein markantes Gebiss, medienwirksam vor Millionen Fernsehzuschauern in aller Welt in Szene gesetzt: Uruguays Stürmer Luis Suárez dritter Verlust seiner Beißhemmung polarisiert das Fanvolk. Die einen sind empört, ob einer Verrohung der Gesellschaft, die anderen verspüren so etwas wie einen gruseligen Hauch von Vampir-Fantasien.

Psychiater finden aus der Ferne mehr an den psychodynamischen Prozessen hinter dem Biss Gefallen. Die wichtigste Nebensache der Welt emotionalisiert sogar die Erforscher der menschlichen Psyche. "Ich finde es interessant, dass er gerade mit seinem auffälligsten Körperteil – seinem Gebiss, das er nicht sanieren lässt – diese schweren Fouls begeht", sagt etwa Psychiater Georg Psota, Leiter des Psychosozialen Dienstes in Wien. "Abgesehen von seinen Bissen ist Suárez ja nicht so auffällig in Sachen Fouls." Analysieren lasse sich die Psyche dieser Fußballer-Persönlichkeit daraus natürlich nicht. Aber: "Faktum ist, er setzt damit ein Zeichen."

Beißlust

Der Ursprung der menschlichen Beißlust liegt jedenfalls in der Kindheit. Vor allem Kleinkinder beißen gern und oft. Erst später lernen sie, dass dieses Verhalten von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Und nach Sigmund Freud wird, wer als Kind zu oft zubeißt, überhaupt ein zynischer, sarkastischer und dominanter Erwachsener. Psychologen wissen hingegen, dass der erwachsene Beißer vor allem männlich und jung ist. Zugebissen wird laut Statistiken am häufigsten im Frühling und Sommer, fast immer im Streit und oft unter Alkoholeinfluss. Bevorzugte Körperregionen sind Hals oder Nacken.

Vielleicht ist der aktuelle Fehl-Biss des Fußballers aus Uruguay aber nur ein Relikt aus der menschlichen Evolutionsgeschichte. "Der urgeschichtlich verankerte Reflex des Beißens war eine Waffe, die dem Überleben im Kampf diente", erklärt der Gerichtspsychiater Reinhard Haller. Der moderne Mensch habe gelernt, diese Reflexe gut zu hüten. Doch ein Fußballturnier ist ein Ausnahmezustand, "eine Form des kultivierten Krieges, in dem kriegerische Elemente vorhanden sind". Es gehe um Geld, Aufrüstung, Taktik – und besonders um Begeisterung und Emotionen.

Primitive Mechanismen

Vor diesem Hintergrund und massenhafter Adrenalin-Ausschüttung am Höhepunkt des Kampfes drängen auch primitive Mechanismen und Reflexe leichter an die Oberfläche, glaubt der fußballbegeisterte Gerichtspsychiater. "Beißen ist auch eine Demütigung des Opfers." Beispiele á la Suárez gibt es schließlich in der Sportgeschichte zuhauf: Von Boxer Mike Tyson, der 1997 im WM-Kampf seinem Kontrahenten Evander Holyfields ein Ohr anbiss, bis zu Bayern-München-Torhüter Oliver Kahn, der 1999 bei einem Ligamatch dem Borussia-Dortmund-Spieler Heiko Herrlich bisstechnisch an den Hals ging.

Am ehesten lässt sich derartiges Verhalten wohl mit Kontrollverlust erklären, sagt Haller. "Ich glaube, das überflutet einen Menschen richtiggehend. Ich hatte das Gefühl, Suárez war selbst überrascht." An einen derart verbissenen Wiederholungseffekt in diesem Turnier glaubt er aber nicht. "Ich hoffe, seine Reaktion war wirklich so schambesetzt, wie sie sich mir dargestellt hat. Sonst wäre er ein Psychopath."

Kultiges aus dem Dentalbereich

Wer schnappt am kräftigsten zu?

Die Beißkraft, auch Bisskraft genannt, gibt an, wie hoch die Kraft des Kiefers bei einem Biss in Newton pro Quadratzentimeter ist. Es handelt sich also nicht um die Angabe einer Kraft, sondern um einen Druck.

Der Megalodon - eine bereits ausgestorbene Hai-Art - war vermutlich das Tier mit der höchsten Beißkraft, das jemals gelebt hat. Generell gilt, je größer das Tier, desto höher ist auch der Kieferschließdruck.

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