WM-Überraschung: Die Algerier jubeln, die Europäer überraschen negativ. Auch Österreichs EM-Qualifikationsgegner Russland (Samedow auf dem Boden) muss heimfahren.

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Expertisen
06/28/2014

WM-Seitenblicke aus Österreich

Teamchef Koller, Rapid-Trainer Barisic und Austria-Coach Baumgartner analysieren.

von Alexander Strecha, Alexander Huber

Nach dem Vorrunden-Stakkato mit 48 Spielen in nur 15 Tagen bleibt genau ein Tag, um durchzuschnaufen, innezuhalten und das Gesehene zu verarbeiten. Es stehen zwar nur noch 16 Partien auf dem Programm, dafür geht es um alles.

Bisher taten sich die Mannschaften aus Europa überraschend schwer. Nur sechs Länder schafften den Sprung unter die besten 16 (siehe Grafik unten). Doch das muss nicht viel bedeuten: Auch 2010 stand nur ein europäisches Sextett im Achtelfinale und am Ende hieß die Reihung Spanien vor den Niederländern und Deutschland.

Bedeutung

Bevor heute mit dem Achtelfinale der K.-o.-Modus startet, bat der KURIER den in Brasilien weilenden ÖFB-Teamchef Marcel Koller, Rapid-Trainer Zoran Barisic und Austria-Coach Gerald Baumgartner um ihre Analysen.

Was ist der Trainergilde bisher aufgefallen? Hat Koller vor Ort andere Schlüsse gezogen als die TV-Junkies Barisic und Baumgartner. Und: was bedeutet das für Österreichs Fußball?

Gegen Russland werden Kleinigkeiten entscheiden

Zwei Wochen lang verfolgte Österreichs Teamchef die WM vor Ort. Marcel Kollers persönliche Bilanz fällt positiv aus: "Es war für mich sehr wichtig hier zu sein und die Spiele live vor Ort zu sehen. Man hat einen anderen Eindruck, als wenn man die Spiele nur im TV sieht." Überrascht wurde der Schweizer vom Betrieb auf den Tribünen: "Teilweise war es schwierig, konzentriert die Spiele zu beobachten, weil auf den Tribünen ständig Bewegung ist, sich die Leute Speisen und Getränke holen und das Spiel für sie teils so nebenbei läuft."

Der Teamchef beobachtete alle drei Spiele von Russland, dem Gruppengegner in der im September beginnenden EM-Qualifikation: "Russland ist die Nummer 1 in unserer Gruppe und als Einziger unserer Gegner für Brasilien qualifiziert. Die Enttäuschung über das Ausscheiden ist sicher sehr groß. Russland hat in der Offensive sehr schnelle Spieler und es werden sehr enge und spannende Spiele im Herbst werden. Da können Kleinigkeiten entscheiden. Es war daher sehr gut und wichtig, das Team live zu sehen."

Auffallend war für Koller die Fitness der afrikanischen und südamerikanischen Mannschaften: "Die physische Präsenz ist beeindruckend, auch die Schnelligkeit und die technischen Fähigkeiten. Du hast keine Zeit, den Ball anzunehmen, musst unheimlich präsent und fit sein und eine schnelle Wahrnehmung haben." Chile tritt mit kleineren Spielern "enorm einsatzwillig und lauffreudig auf, dadurch können Defizite im Kopfballspiel kompensiert werden."

Europa unter Wert

Zum Aus von europäischen Top-Nationen wie Spanien oder England meint Koller: "Diese Teams sind sicher unter deren Wert geblieben. Während es bei Holland scheinbar gelungen ist, dass alle für das Team arbeiten." Geheimfavorit Belgien "wird noch weiterkommen, es wird aber nicht für den WM-Titel reichen."

Angst verspürte der Schweizer in Brasilien nie: "Ich habe mich immer sicher gefühlt und habe einen sehr guten Eindruck vom Turnier. Es läuft alles sehr friedlich ab und insbesondere um die Stadien sind die Sicherheitsbarrieren enorm." Auffallend wären die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Städten. Abschließend meint der Teamchef: "Die Deutschen werden noch weiterkommen. Ich drücke den Schweizern die Daumen und freue mich auf ein paar Tage Urlaub, denn wir brauchen in der Quali die volle Kraft."

Für dieses Tempo muss auch die Kraft reichen

Rapid-Trainer Zoran Barisic versucht, neben dem Training und dem Kaderumbau so viel von der WM wie nur möglich aufzusaugen. Fünf Aspekte stechen nach der Vorrunde für ihn hervor:

1. Tempo "Das gebotene Tempo ist durchwegs sehr hoch. Um das durchzuhalten, müssen die Teams physisch sehr stark sein. Um die taktischen Feinheiten überhaupt umsetzen zu können, muss auch die Kraft dafür da sein."

2. Standards "Der Trend geht beim Verteidigen von Standardsituationen zu einer kombinierten Deckung. Das heißt: Ein bis zwei Spieler verteidigen bei ruhenden Bällen eine gewisse Zone, sonst wird manngedeckt. Gleich bleibt, dass Standards ein profanes Mittel für wichtige Tore sind. Es kann immer vorkommen, dass nicht alle konzentriert verteidigen."

3. Kettenwechsel "So wie es in Europa bisher Juventus am besten vorgezeigt hat, setzen viele in der Abwehr auf eine Dreierkette. Bei Ballverlust wird dadurch eine Fünferkette, um die gesamte Breite abdecken zu können. Für die Holländer wäre ein Ausscheiden gegen Mexiko katastrophal, weil sie mit dem Abgehen von ihrer eigenen Fußball-Identität schon viel riskiert haben. Ich erwarte grundsätzlich nicht, dass die Viererkette aus der Mode kommt. Es wird mehrere Varianten und ein variableres Spiel geben."

4. Offensive "Der in der Champions League schon länger sichtbare Trend zur Offensive setzt sich bei der WM durch. Die Abwehrketten stehen höher, das Spiel nach vorne wird wieder forciert."

5. Formschwankungen "Auffallend viele Spieler, die lange in der Champions League beschäftigt waren, schleppen sich durch das Turnier. Entweder, weil sie überspielt sind oder vor der WM keine Zeit blieb, um die Wehwehchen auszukurieren."

Brasilien und Frankreich haben mich beeindruckt

Mit der Austria möchte er künftig ein intensives Pressing spielen. Balleroberung in der gegnerischen Hälfte, schnelles Umschalten in die Offensive. Veilchen-Coach Gerald Baumgartner kann bei der WM schon einige Anleihen nehmen. "Einige Teams pflegen dieses intensive Spiel, das eine sehr hohe Fitness voraussetzt."

Besonders angetan haben es ihm die Franzosen. "Sie sind physisch sehr präsent, stark in den Zweikämpfen und spielen schnell in die Tiefe. In den ersten zwei Spielen sind sie in Bestbesetzung angetreten, das hat mir sehr gut gefallen." Ebenso wie Brasilien. "Sie vertrauen dagegen mehr auf ihre individuelle Klasse. Zu Recht, weil sie diese auch besitzen." Freilich hat Baumgartner auch die Deutschen – wie immer – auf der Rechnung.

Die taktischen Auffälligkeiten halten sich in Grenzen, nur eines hat Baumgartner wiederholt bemerkt. "Einige treten mit drei Innen- und zwei Außenverteidigern auf. Drei sichern ab, die zwei schalten sich bei Ballbesitz ins Offensivspiel ein. Und etliche Mannschaften setzen nur auf einen Stürmer."

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