Die Algerier stehen erstmals im WM-Achtelfinale – jetzt startete aber der Ramadan.

© REUTERS/MAXIM SHEMETOV

Achtelfinale
06/29/2014

Wenn die Fastenzeit zur Gewissensfrage wird

Die Algerier haben beim Duell mit Deutschland am Montag auch den Ramadan als Gegner.

Nichts essen, nichts trinken, nicht fluchen, keinen Sex. Die Regeln für den Fastenmonat Ramadan, der gestern begann, sind klar definiert. Passen sie aber zu einer WM?

Zum ersten Mal seit 1986 fällt das Turnier in die Fastenzeit. Und am Montag trifft die deutsche Mannschaft auf die Elf aus Algerien. Das Thema Ramadan betrifft nicht nur die Nordafrikaner, mindestens weitere 17 Spieler bei den Franzosen, den Belgiern, den Schweizern und den Nigerianern sowie Mesut Özil bei den Deutschen sind Muslime. Der Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln kündigte schon an, dass er nicht fasten wird: "Ich kann da leider nicht mitmachen, weil ich arbeite."

Dagegen kündigten mehrere algerische Spieler schon in der Vorrunde an, dass sie fasten, falls sie ins Achtelfinale kommen. "Das Schlimmste sind der Durst und die Hitze, aber das ist okay, wir werden schon damit klar kommen", sagt der algerische Kapitän Madjid Bouguerra. Der Algerier bestätigte, dass es keinen offiziellen Druck gebe zu fasten und dass seine Teamkollegen individuell entscheiden werden. Für sich gesprochen sagte er: "Ich mache das von meiner physischen Fitness abhängig, aber ich denke ich werde fasten."

Gewissensfrage

Für gläubige, muslimische Spieler hängt die Glaubenspraxis von ihrem kulturellen Kontext ab. Für viele ist der Ramadan aber eine Gewissensfrage. In den heiligen Schriften sind mehrere Ausnahmen festgeschrieben: Kinder, schwangere Frauen und Kranke müssen nicht fasten. Auch Reisende sind von dieser wichtigen Säule des islamischen Glaubens befreit. Im Internet, in Moscheen und in theologischen Seminaren streiten sich Imame und Rechtsgelehrte um diesen Punkt. Sind Fußballer nicht auch Reisende? Einige Rechtsgelehrte interpretieren die heiligen Texte dahingehend, dass Menschen mit einem körperlich anstrengenden Beruf ihre Fastenzeit verschieben können. Beim Fußball kann man sich bekanntlich auch anstrengen.

Auch der Coach der französischen Mannschaft, Didier Deschamps, ließ bei einer Pressekonferenz seinen muslimischen Spielern die Wahl: "Unter den Meistern von 1998 waren viele Muslime, Ramadan war nie ein Thema", seine Spieler könnten selbst entscheiden, ob sie fasten oder nicht. Er respektiere den Islam und die religiösen Gefühle jedes Spielers.

Die Fastenzeit hat mehrere Bedeutungen für Muslime: Sie sollen tagsüber verspüren, was es heißt, arm zu sein und Hunger zu leiden. Die Fastenzeit steht dabei idealtypisch für eine Zeit der seelischen und physischen Reinigung. "Fastet, damit ihr gesund bleibt", sagte der Prophet Mohammed zu seinen Jüngern.

Grenzen

So würden den Spielern bei einer Mahlzeit kurz vor Sonnenaufgang genügend Nährstoffe und genügend Flüssigkeit angeboten, damit sich Hunger und Durst in Grenzen halten. In Brasilien ist der Sonnenuntergang und damit das Fastenbrechen wegen der Nähe zum Äquator relativ früh um 17.30 Uhr angesetzt. Beim Achtelfinale gegen Deutschland dürfen die fastenden Spieler also noch während der ersten Halbzeit fastenbrechen, trinken oder eventuell essen.

Der Mannschaftsarzt der Algerier, Rachid Schelbi, arbeitete bei mehreren europäischen Mannschaften. Auch beim französischen Meister Paris St-Germain. "Dort haben sie mich immer angehalten, die Spieler zum Nichtfasten zu bewegen", sagt Schelbi, "dabei ist es erwiesen, dass einige Spieler viel bessere Leistungen erbringen und motivierter sind, wenn sie fasten." Bei der WM 1986 kämpfte die Nationalmannschaft Marokkos in der Hitze Mexikos gegen Hunger und Durst – und kam als Gruppensieger ins Achtelfinale.

Nicht alle Ärzte haben aber die gleiche Meinung: "Fasten mindert die Leistung erheblich", sagt Sportmediziner Thorsten Dolla. Bei Olympia in London erzielten viele fastende Athleten schlechte Ergebnisse. Es sei Leistungssportlern deswegen nicht anzuraten, zu fasten. Von Kopfschmerzen über Schwindelanfälle bis hin zur Ohnmächtigkeit auf dem Rasen und bleibenden Schäden kann alles passieren.

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